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Das DFB-Team hat den jüngsten Alterdurchschnitt seit 1934 © getty

Der DFB tritt Australien mit seinem jüngsten WM-Aufgebot seit 76 Jahren entgegen. Doch für Bundestrainer Löw ist dies kein Alibi.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Durban - Aufgefallen ist es den meisten erst nach der Verletzung von Michael Ballack:

Hoppla, die deutsche Mannschaft für Südafrika ist eine Ansammlung von Grünschnäbeln.

Im Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw, das am Abend in Durban gegen Australien in die WM startet (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) stehen mit Miroslav Klose (32), Arne Friedrich (31) und dem dritten Torwart Jörg Butt (36) gerade einmal drei Spieler, die die 30 überschritten haben.

Das Durchschnittsalter des Kaders von gerade 25,3 Jahren ist in der WM-Geschichte des DFB nur ein Mal unterboten worden. (der WM-Spielplan)

1934 nahm Prof. Dr. Otto Nerz eine Auswahl mit nach Italien, die sogar nur auf 24,2 Lenze kam.

Jung, "aber mit Qualität"

"Wir haben die jüngste Mannschaft", gibt Löw zu. "Aber wir haben Spieler mit viel Potenzial."

Mit Torhüter Manuel Neuer, den Außenverteidigern Dennis Aogo und Jerome Boateng sowie den Mittelfeldkräften Sami Khedira, Mesut Özil und Marko Marin vertraut der Bundestrainer gleich sechs U-21-Europameistern von 2009.

Abwehrallrounder Holger Badstuber (21), sein Bayern-Klubkollege Thomas Müller (20) und der Neu-Münchner Toni Kroos (beide 20) entstammen sogar einem noch jüngeren Jahrgang.

Wenig Länderspielerfahrung

14 der 23 DFB-Akteure in Südafrika haben zudem nicht mehr als zwölf Länderspieleinsätze auf dem Konto.

Mangelnde Routine wird ein gutes Abschneiden der Nationalmannschaft nach Ansicht von Löw aber nicht verhindern.

"Die jungen Spieler haben Qualität und können mit viel Selbstvertrauen in das Turnier gehen", sagt er. "Die Erfahrung spielt da eine leicht untergeordnete Rolle."

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Beabsichtigter Verjüngungsprozess

Würde Löw etwas anderes behaupten, dann würde er seine eigene Personalpolitik in Frage stellen. Denn den Verjüngungsprozess seit der EM 2008 hat er wesentlich vorangetrieben.

So legte er Torhüter Jens Lehmann den Rücktritt aus dem DFB-Team nahe.

Christoph Metzelder, Tim Borowski, Oliver Neuville und David Odonkor lud er nach dem Turnier nicht mehr ein, gleiches galt wenig später für die Bremer Clemens Fritz und Torsten Frings.

Die Stadionflucht Kevin Kuranyis gab Löw zudem die Gelegenheit, den nicht mehr ins sportliche System passenden bisherigen Schalker ebenfalls zu streichen.

Verletzungen erschwerten die Planung

Den Tod Robert Enkes konnte der Bundestrainer allerdings ebenso wenig einkalkulieren wie die Verletzungen von Simon Rolfes, Heiko Westermann und Ballack sowie die Dauerformkrise Thomas Hitzlspergers.

Löw setzt nun also durchaus beabsichtigt auf den Nachwuchs. In diesem Ausmaß war es aber wohl kaum geplant, zumal ihm mit Rene Adler und Christian Träsch auch zwei Vertreter der jungen Garde bereits verletzungsbedingt abhanden kamen.

Stünden gegen Australien Badstuber und Müller beim Anpfiff auf dem Rasen, wäre die Startelf im Schnitt ganze 22,5 Jahre alt.

Team für die Zukunft

"Die Mannschaft wird ihren Zenit vielleicht erst in ein paar Jahren erreichen", räumt Löw ein. "Ihr gehört die Zukunft, aber wir werden auch bei diesem Turnier eine gute Rolle spielen."

Denn die jungen Spieler "sind belastbar", ohne den Erfolg lediglich mit den viel zitierten "deutschen Tugenden" zu suchen.

"Ich habe junge Spieler wie Özil, Kroos, Marin oder Khedira ausgewählt, weil wir die Gegner auch spielerisch in Verlegenheit bringen wollen, nicht nur durch Kampf und Rennen", erklärt de4r Bundestrainer.

Youngsters "bringen frischen Wind"

"Die neue Generation ist mutiger und traut sich mehr zu", sagt Per Mertesacker, eines der fünf Mitglieder des neuen Mannschaftsrats: "Sie bringen frischen Wind."

Dass die neue Führungsriege um den erst 26 Jahre alten Kapitän Philipp Lahm und seinen noch ein Jahr jüngeren Stellvertreter Bastian Schweinsteiger einen anderen Kommunikationsstil pflegt als das noch zu Zeiten der Platzhirsche Ballack und Frings der Fall war, kommt bei den Frischlingen gut an.

"Wir sind in den letzten Wochen zusammengewachsen, das sieht man auch außerhalb des Fußballplatzes", sagt Özil.

"Wir haben viel Spaß, wir lachen viel zusammen, jeder kommt mit jedem klar. Daran sieht man, dass wir eine Mannschaft sind."

1934 als gutes Omen

Diese Mannschaft brennt nun darauf, ihre Qualität auf den Rasen zu bringen. "Wir sind stark und erfolgshungrig. Das werden wir bei der WM zeigen", kündigt Özil an.

Heute Abend besteht die erste Gelegenheit dazu - beim Duell des drittjüngstes Team des Turniers gegen das drittälteste.

Dass auch eine junge DFB-Auswahl international bestehen kann, ist seit 76 Jahren erwiesen. Damals belegten die deutschen Jungspunde einen sehr respektablen dritten Rang.

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