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Arne Friedrich (l.9 gab sein A-Länderspiel-Debüt im August 2002 © getty

Im SPORT1-Interview spricht Arne Friedrich über die Stärken der Serben. Ex-Kollege Pantelic und die Vertragsverhandlungen von Löw.

Aus Südafrika brichtet Martin van de Flierdt

Centurion - Nein, in Sachen Vereinswechsel gibt es noch nichts Neues. Arne Friedrich ist immer noch Spieler von Hertha BSC.

Doch das ist für den 31-Jährigen aktuell zweitrangig. Denn er hat sich in der Vorbereitung überraschend den Stammplatz neben Per Mertesacker in der Innenverteidigung der deutschen Nationalmannschaft gesichert, die am Freitag (Fr., ab 13 Uhr im LIVE-TICKER) in ihrem zweiten WM-Gruppenspiel auf Serbien trifft.

Im SPORT1-Interview spricht Friedrich über seinen ehemaligen Klubkameraden Marko Pantelic, Serbiens 2,02-Meter-Stürmer Nikola Zigic und die Vertragsverhandlungen von Bundestrainer Joachim Löw.

SPORT1: Herr Friedrich, bei der Hertha gab es ein Jahr lang nur Gegenwind, jetzt steht ganz Deutschland hinter Ihrer Mannschaft. Wie geht?s Ihnen damit?

Arne Friedrich: Das sind schon zwei unterschiedliche Welten. Mit Hertha war es ein steiniger, eisiger Weg mit vielen Rückschlägen und ganz wenigen positiven Erlebnissen. Diese Begeisterung nach dem ersten Spiel hier gegen Australien ist da schon Balsam auf den Wunden. Aber es ist auch eine ganz gefährliche Situation.

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SPORT1: Inwiefern?

Friedrich: Wir haben gerade mal ein Spiel gespielt. Dass wir eine große Zuversicht in Deutschland geschaffen haben, ist gut. Denn das Land hat es verdient, mal wieder richtig zu feiern und Spaß zu haben. Aber so ein Turnier kann auch schnell zu Ende sein. Das weiß ich von der EM 2004. Da haben wir einen ganz ordentlichen Start hingelegt mit dem 1:1 gegen die Niederlande. Und danach ging es abwärts.

SPORT1: Mussten Sie als erfahrener Spieler nach dem ersten Spiel einige Kollegen auf den Boden zurückholen?

Friedrich: Das war nicht notwendig. Denn Jogi Löw hat gleich am Montag eine Sitzung einberufen, in der er deutlich gemacht hat, dass kein Grund zum Feiern für uns besteht. Das ist angekommen. Bei dem Charakter, den unsere Mannschaft besitzt, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass irgendeiner abhebt. Jeder weiß, dass sich die Dinge ganz schnell ändern können: Am einen Tag ist alles toll, am nächsten alles Mist.

SPORT1: Sie sprechen Joachim Löw an. Überrascht es Sie, wie gelassen er trotz der ungeklärten Vertragssituation hier auftritt?

Friedrich: Nein, er kann ja ganz beruhigt sein. Er kennt seine Qualitäten. Jeder weiß, was er bisher geleistet hat. Deshalb wird er nicht nervös werden oder darauf drängen, dass irgendwelche Entscheidungen getroffen werden. Er ist sich seiner starken Position bewusst.

SPORT1: Philipp Lahm hat gesagt, Deutschland sei nach einer Vorbereitung immer stark. Warum ziehen die Deutschen daraus offenbar größeren Nutzen als viele andere Teams?

Friedrich: Wir sind ja direkt drei Tage nach Saisonschluss zusammen gekommen und haben ein "Regenerationstrainingslager" gemacht. Dort haben wir aber nicht wirklich regeneriert, sondern die Grundlagen für unsere WM-Fitness gelegt. Deshalb hatten wir einen Vorsprung vor anderen Nationen, was die Power angeht. Als die anderen Teams mit dem physischen Training angefangen haben, sind wir schon zum Taktischen übergegangen.

SPORT1: Nun geht es gegen die Serben. Welchen Eindruck haben sie im ersten Spiel auf Sie gemacht?

Friedrich: Ich war überrascht, dass Ghana gewonnen hat. Auch davon, dass Serbien Probleme hatte, gegen Ghana Chancen herauszuspielen. Dennoch hat sich nichts daran geändert, dass die Serben für uns eine harte Nuss werden. Sie sind angeschlagen und müssen gewinnen. Das sind die gefährlichsten Gegner. Auf der anderen Seite kann es für uns von Vorteil sein, dass wir erstmal abwartend spielen können.

SPORT1: Die Serben kennen die Bundesliga und ihre Spieler ganz genau. Man dürfte sie mit der Offensive kaum so überraschen können wie die Australier.

Friedrich: Ein 4:0 wird es definitiv nicht werden. Denn die Serben werden schon versuchen, die Zweikämpfe rustikal anzugehen und unser Offensivspiel sofort zu unterbinden. Ich erwarte ein sehr enges und intensives Spiel, bei dem wir vielleicht am Ende 1:0 gewinnen.

SPORT1: Sie haben mit Angreifer Marko Pantelic lange in Berlin zusammen gespielt. Was ist von ihm zu erwarten und wie muss man ihn bearbeiten?

Friedrich: Marko ist unglaublich schlitzohrig. Bei ihm weiß man nie genau, wann er schießt. Er hat eine Bewegung drauf, bei der er direkt abzieht, statt den Schritt zu Ende zu machen. Das lässt sich nicht vorhersehen, deshalb ist er schwer zu verteidigen. Für uns wird es wichtig sein, dass wir in der Defensive relativ kompakt stehen. Dann hat man immer wieder die Möglichkeit, Spieler zu doppeln.(GAMES: Das WM-Tippspiel)

SPORT1: Ist Pantelics 2,02 Meter langer Sturmpartner Nikola Zigic einer der wenigen Spieler bei dieser WM, der Per Mertesacker und Ihnen vielleicht im Kopfballspiel Probleme bereiten kann?

Friedrich: Man muss gegen solche Spieler ein Rezept haben. Es ist nicht immer nötig, aktiv die Kopfbälle zu gewinnen. Wenn ich nach einem langen Ball, wie er zum Beispiel bei den Tschechen immer auf Jan Koller gespielt wurde, zum Kopfballduell vorgehe, schließen Per Mertesacker und die beiden Außenverteidiger die Räume. Da ich den Stürmer störe, kann er den Ball nicht kontrolliert verlängern. Es ist daher unwahrscheinlich, dass ein Mitspieler im engen Raum gegen Per, Philipp und Holger in Ballbesitz kommt.

SPORT1: Und wenn er mit dem Kopf für die nachrückenden Spieler ablegt?

Friedrich: Dann muss unser Mittelfeld da sein. Man muss clever sein. Wichtig ist, dass man kein Foulspiel begeht, weil alle Mannschaften hier gute Freistoßschützen besitzen. Wenn Flanken von außen kommen, muss man bei diesen langen Stürmern allerdings höllisch aufpassen. Da kann ein verlorenes Kopfballduell entscheidend sein, deshalb müssen wir auch hier frühzeitig den Angriff stoppen.

SPORT1: In der serbischen Innenverteidigung stehen Nemanja Vidic und der Dortmunder Neven Subotic, der den gesperrten Áleksandar Lukovic ersetzt. Wie hart wird die Aufgabe für die deutsche Offensive?

Friedrich: Vidic ist ein abgebrühter, zweikampf- und kopfballstarker Verteidiger, der nicht ohne Grund bei Manchester United spielt. Subotic ist unglaublich talentiert. Er wird von Vidic gut geführt werden. Da wird unsere Offensivreihe schon Widerstand bekommen. Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen.

SPORT1: Eine letzte Frage: Wenn es nach Ihnen geht, gälte dann die alte Weisheit "Never change a winning team"?

Friedrich: Das ist auch davon abhängig, was uns die Scouts über den Gegner sagen. Manchmal kann es von Vorteil sein, dass man mal eine Position anders besetzt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Trainer tut.

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