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Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich während der Partie gegen Serbien ratlos © getty

Schon vor dem Platzverweis hat Löw an der Maßnahme seines Gegenübers zu knabbern. Die deutsche Schwachstelle wurde aufgedeckt.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Port Elizabeth/Centurion - Die Hitze der ersten Reaktion ist abgekühlt, die gelb-rote Karte für Miroslav Klose (37.) und der verschossene Elfmeter von Lukas Podolski (60.) sind ausführlich diskutiert.

Am Tag nach der ernüchternden 0:1 (0:1)-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im zweiten Gruppenspiel gegen Serbien geht die Ursachensuche etwas tiefer.

Denn Serbiens Trainerfuchs Radomir Antic hatte der Auswahl Joachim Löws mit seiner veränderten taktischen Ausrichtung schon vor Kloses Platzverweis eine knifflige Aufgabe gestellt.

Der 61-Jährige war von dem 4-4-2 abgewichen, mit dem die Serben zum Auftakt unglücklich mit 0:1 gegen Ghana verloren hatten, und hatte Angreifer Marko Pantelic zu Gunsten eines fünften Mittelfeldmannes auf der Bank gelassen.

Kombinationen in die Spitze fast unmöglich

Die blitzartigen Direktkombinationen in die Spitze, mit denen die DFB-Elf noch gegen Australien brilliert hatte, wurden dadurch schon im Keim erstickt.

Mesut Özil kam in der ersten Halbzeit im engen Raum zwischen Zdravko Kuzmanovic, Dejan Stankovic und Milos Ninkovic nicht zur Geltung. "Serbien hatte bis zur Gelb-Roten Karte aber auch keine einzige Torchance", sagte Philipp Lahm andererseits mit gutem Recht.

Allerdings hatte Antic offenbar schon im Vorfeld der Partie Holger Badstuber auf der linken Abwehrseite als deutschen Schwachpunkt ausgemacht. Der hatte schon bei Elf gegen Elf seine liebe Mühe.

Krasic zu stark für Badstuber

In der Folge ließen Kuzmanovic und besonders Milos Krasic, der anstelle von Torhüter Vladimir Stojkovic die Auszeichnung "Man of the Match" verdient gehabt hätte, den jungen Münchner immer älter aussehen. 251054(DIASHOW: Die DFB-Elf in der Einzelkritik)

"Wir müssen verhindern, dass von außen Flanken auf Nikola Zigic kommen", hatte Arne Friedrich vor der Partie noch bei SPORT1 gefordert. Doch genau das gelang Badstuber nicht.

Auch vor dem 0:1 flankte Krasic, Zigic hatte clever hinter dem für ihn angenehm kleinen Philipp Lahm gelauert und legte dann per Kopf für Torschütze Milan Jovanovic auf (38.).

Lahm stellt sich vor Teamkollegen

"Das passiert. Es ist nicht nur ein Spieler an dem Gegentor beteiligt, sondern mehrere", nahm Lahm Badstuber in Schutz. "Wir haben da ja schon mit zehn Mann gespielt. Da kommen öfter die Eins-gegen-Eins-Situationen. Da kann man häufiger mal schlecht aussehen."(Der WM-Spielplan)

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Überfordert sei Badstuber "sicher nicht" gewesen, urteilte Löw. "Er stand vielleicht bei der Flanke zum 0:1 nicht optimal, aber man kann in Unterzahl nicht jeden Angriff des Gegners abfangen, zumal Krasic auch ein sehr guter Mann ist."

Das Aufbäumen der dezimierten deutschen Mannschaft, das mit dem Lattentreffer von Sami Khedira (45.) begann und quasi mit Podolskis verschossenem Elfmeter endete, war danach aller Ehren wert und hätte gut und gerne den Ausgleichstreffer mit sich bringen können.

Wechsel ohne positive Wirkung

Doch dann begann Löw zu wechseln und hatte dabei keine glückliche Hand. Er nahm Özil, der gerade mit zwei starken Pässen auf Podolski hochkarätige Torchancen vorbereitet und ins Spiel gefunden hatte, und den emsigen Thomas Müller vom Feld und brachte Marko Marin und Cacau (69.). (Einwurf: Harte Landung in der Realität)

"Özil habe ich nicht wegen schlechter Leistung ausgewechselt, sondern weil er vor allem in der zweiten Hälfte unglaublich viel gelaufen ist und einen hohen Aufwand betrieben hat", begründete der Bundestrainer seine Maßnahme. "Da war es angebracht, nach 70 Minuten frische Leute zu bringen."

Später setzte Löw mit Mario Gomez für Badstuber alles auf die Karte Offensive (77.). Während Cacau zwar bemüht war, aber unauffällig blieb, fassten Marin und Gomez in der Partie überhaupt nicht Tritt. Die erhoffte Wende blieb also aus.

Wer macht den Ballack?

Nach der Niederlage steht nun am Mittwoch gegen Ghana (ab 20 Uhr im LIVE-Ticker) ein vorgezogenes K.o.-Duell um den Verbleib im Turnier an.

"Dass die Mannschaft in Unterzahl viele Chancen herausgespielt hat, gibt ihr das Vertrauen für das letzte Spiel", meinte Lahm ungerührt. "Auch wenn es ein Finale ist." (GAMES: Das WM-Tippspiel)

Die unbestreitbar entstandene Drucksituation erinnert stark an die Lage nach dem verlorenen zweiten Gruppenspiel der EM 2008 gegen Kroatien. Damals holte Michael Ballack gegen Österreich die Kohlen aus dem Feuer. Der fehlt nun.

"Die älteren Spieler müssen jetzt den jungen mit vielen Gesprächen unter die Arme greifen", sagte Lahm. Müller, einer der erwähnten Jungen, betrachtet die Situation schon jetzt pragmatisch: "Wenn wir gegen Ghana nicht gewinnen, haben wir im Achtelfinale auch nichts zu suchen."

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