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Jerome (l.) und Kevin-Prince Boateng spielten von 2002 bis 2005 gemeinsam bei Hertha BSC © imago

Kevin-Prince Boateng will gegen Deutschland keine Rücksicht auf den Bruder nehmen. Jerome spricht über Kevins zwei Gesichter.

Von Mathias Frohnapfelund Martin van de Flierdt

München/Centurion - Seit sieben Wochen begleitet er Kevin-Prince Boateng überall hin.

Zuerst in England beim ersten Länderspiel mit Ghana, seitdem bei der WM in Südafrika:

Es ist sein neuer Reisepass.

Denn gerade seit anderthalb Monaten ist der frühere Berliner - mit deutscher Mutter und ghanaischem Vater - für die "Black Stars" spielberechtigt.

Sein Halbbruder Jerome steht indes im deutschen Kader.

Erst vereint, jetzt getrennt

Die beiden sprechen vorm entscheidenden WM-Gruppenspiel (Mi., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) nicht miteinander. Der Fußball, der die beiden einst bei Hertha BSC zusammengebracht hat, trennt sie jetzt (Der WM-Spielplan).

Kevin-Prince Boateng hat bewusst Deutschland den Rücken gekehrt, rackert für das Heimatland seines Vaters.

Nun könnte er seinen früheren Lehrmeistern extrem weh tun.

Hilfe vom Trainer

Doch vor Partie schweigt Boateng. Bewusst.

"Er darf auf die Provokationen der Deutschen nicht eingehen. Ich werde ihn psychologisch vorbereiten", sagt Ghanas Trainer Milovan Rajevac.

"Er soll einfach Fußball spielen und frei im Kopf sein. Er ist in Deutschland geboren, aber deswegen darf er sich nicht verrückt machen." (SERVICE: Der WM-Rechner)

Auffällig durch böse Fouls

Es geht für Boateng nicht nur gegen das Land, in dem er aufgewachsen ist, sondern auch jenes Team, das ihm seit dem brachialen Foul an Michael Ballack buchstäblich auf dem Kieker hat.

Den Kapitän der deutschen Nationalelf kostete die harte Attacke des Portsmouth-Spieler die WM, Boateng das letzte bisschen an Reputation, das dem muskelbepackten Fußballer bei vielen Fans hierzulande noch verblieben war.

Schon zuvor schockierte der Hitzkopf im Frühjahr 2009 im BVB-Dress mit Tritten gegen den Münchner Miroslav Klose und Makoto Hasebe (Wolfsburg).

"Man kann ihn nicht verändern"

Gegen Deutschland wird Boateng ebenfalls keine Samthandschuhe anziehen.

"Ich kann den ghanaischen Fans eines versprechen: Ich spiele, um zu gewinnen, egal ob mein Gegner mein Bruder, mein Vater oder meine Mutter ist", sagte Boateng noch vor dem Turnier in Südafrika.

Doch den 23-Jährigen wegen seines körperbetonten Spiels schlicht als Rüpel abzustempeln, ist zu einfach.

"Das ist sein Spiel. Man kann ihn ja nicht verändern", sagt Teamkollege Hans Sarpei, der um Boatengs fußballerische Qualitäten weiß.

Gegen Deutschland helfe Übermotivation auch nicht. "Wir dürfen keine Rote Karte kriegen", betont der Leverkusener.

In der U 21 aussortiert

Auf Boatengs Körper blitzen 13 Tätowierungen, er ist im Berliner Stadtteil Wedding großgeworden. Über seine Mutter Christine ist er mit Helmut Rahn verwandt. Genau, jener Rahn, der 1954 Deutschland zum WM-Triumph schoss.

Eine fast unglaubliche Biographie, zumal Boateng in sämtlichen deutschen Juniorenauswahlteams herausstach, ehe er 2009 vor der U-21-EM aussortiert wurde.

Jetzt spielt er für Ghana.

Im Mittelfeld hat er beinahe augenblicklich die Rolle eines wichtigen Impulsgebers eingenommen, geht in vielen Situationen voran. Der Ausfall von Michael Essien - dank Kevin-Prince Boateng schmerzt er Ghanas Team etwas weniger.

"Zuallererst Deutscher"

Auch sein Bruder Jerome hat bisweilen ein hitziges Temperament, es aber weit besser im Griff als sein 18 Monate älterer Bruder. Er hat sich aber für das Nationalteam Deutschlands entschieden, auch weil er noch nie in der Heimat seines Vaters war.

"Ich bin zuallererst Deutscher, mit Deutschland habe ich mich mein Leben lang identifiziert", betont der Abwehrspieler gegenüber dem Berliner "Tagesspiegel".

"Kevin-Prince hat ein Riesenpotenzial, das hat er ja in England unter Beweis gestellt", sagt er zu SPORT1 über seinen Bruder und nennt zugleich auch die harte Attacke gegen Ballack als "böses Foul" klar beim Namen.

"Er ist und bleibt mein Bruder"

Nach dem Spiel gegen Ghana dürften sich die beiden Boatengs über kurz oder lang wieder verstehen. "Er ist mein Bruder und bleibt mein Bruder", sagt Jerome.

Nur für die kommende Partie wird Jerome keine Rücksicht nehmen, falls es zu einem Bruderduell kommen sollte.

"Ich würde erst mal versuchen, ihm den Ball wegzunehmen. Ganz fair." Doch zur Not, meint er, würde er eben die Grätsche auspacken.

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