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Der Schalker Manuel Neuer bestritt bisher sieben Länderspiele © getty

Vor dem Ghana-Spiel spricht Manuel Neuer über den erhöhten Druck bei den Torhütern, die WM-Bälle und Joachim Löws Zukunft

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion - Bislang hat Manuel Neuer eine vergleichsweise entspannte WM erlebt.

"Eine richtige Torwartparade habe ich bislang noch nicht bringen können", sagt er mit Blick auf die ersten beiden Partien gegen Australien (4:0) und Serbien (0:1).

Beim Gegentor im zweiten Spiel war er machtlos.

Vor dem Gruppenfinale gegen Ghana (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Neuer im SPORT1-Interview über die besondere Drucksituation, die Leiden eines Torhüters und den "Vuvuzela-Alarm" in Soccer City.

SPORT1: Herr Neuer, Sie haben sich in den ersten beiden Spielen noch nicht wirklich auszeichnen können. Leiden Sie an Unterforderung?

Manuel Neuer: Es ist nicht so, dass ich darunter leide. Gegen Australien habe ich in den ersten Minuten auch Präsenz gezeigt. Aber eine richtige Torwartparade habe ich bislang noch nicht bringen können. Das ist natürlich ein bisschen ärgerlich, wenn man sich gut vorbereitet hat. Aber im Prinzip ist es umso besser, je weniger ich aufs Tor bekomme.

SPORT1: Bei anderen Torhütern ist es bei dieser WM weniger gut gelaufen. Haben Sie Mitgefühl mit dem englischen Kollegen Robert Green?

Neuer: Man kann sich in ihn hineinversetzen und weiß, was in ihm vorgeht. Das ist eine schwierige Situation. Da tut es dann auch nicht gut, wenn einem dann noch das Vertrauen des Trainers entzogen wird.(SERVICE: Der WM-Rechner)

SPORT1: Er hatte danach ja noch das halbe Spiel gegen die USA vor sich. Wie schwierig ist es, so einen Fehler auszublenden?

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Neuer: Ich bin mit solchen Situationen immer sehr gut klar gekommen. Helmut Schulte hat früher Theorieunterricht bei uns auf der Fußballschule auf Schalke gegeben. Da hat er appelliert, dass ein Torwart immer bei null anfängt, egal wie der Spielstand ist. Es spielt dann keine Rolle, ob du 0:3 hinten liegst und dabei zwei Fehler gemacht hast. Das muss man sich immer vor Augen halten. Und so ist es mir in schwierigen Situationen, die es in meiner Karriere auch schon gegeben hat, bislang immer gelungen weiterzumachen.

SPORT1: Was erwarten Sie von Ghana?

Neuer: Man hat gesehen, dass die Jungs sehr selbstbewusst sind. Da gilt es, nicht zu tief zu stehen, sondern mit der Abwehr ein bisschen höher zu schieben, um wenig zuzulassen. Ich muss hellwach sein, weil die Ghanaer gute Distanzschützen haben.

SPORT1: Wie groß ist die nervliche Anspannung nach dem Rückschlag gegen Serbien?

Neuer: Ich habe mit Schalke auch nicht jedes Spiel gewonnen und weiß mit Krisensituationen umzugehen. Aber wir wissen, dass bei einer WM jedes Spiel zählt. Es gibt in der Gruppenphase drei K.o.-Spiele, nicht nur eines. Der Druck wird gegen Ghana noch einmal höher sein.

SPORT1: Wen hätten Sie denn in diesem Spiel gerne als linken Verteidiger?

Neuer: Ich bin zufrieden mit unserem jetzigen. Wir haben bis jetzt harmoniert und eine gute Defensivleistung gezeigt. Deshalb wird gegen Ghana schon ein guter linker Verteidiger auf dem Platz stehen.

SPORT1: Wie werden Sie Kevin-Prince Boateng gegenübertreten?

Neuer:Ich werde ja keine großartigen Zweikämpfe mit ihm führen. Auch die Mannschaft konzentriert sich nicht nur auf einen Spieler, um da eine Rechnung zu begleichen. Wichtig ist, dass wir das Spiel gewinnen. Da zählt ein einzelner Spieler des Gegners nicht.(Der WM-Spielplan)

SPORT1: Sie werden erstmals in Johannesburg spielen, auf knapp 1800 Metern Höhe. Befürchten Sie Probleme mit dem Ball, die andere Torhüter schon beklagt haben?

Neuer: Nein, wenn man schon negativ ins Spiel geht, dann kann es ja nichts werden. Beim letzten Spiel waren die Bälle wohl nicht richtig aufgepumpt, das war das einzige Problem. Ich hatte zwei Bälle auf dem Platz, und die waren nicht WM-würdig. Da wurden offenbar ein paar Bar vergessen, das wurde auch nicht mehr geändert.

SPORT1: In Soccer City ist der Vuvuzela-Sound deutlich lauter als in den anderen Stadien. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Neuer: Im ersten Spiel war es schon schlimm. Da habe ich einmal "Torwart" gerufen, als eine Flanke hereinkam. Per Mertesacker hat's nicht gehört und den Ball zur Ecke geköpft. In Soccer City muss ich eben so laut schreien, wie ich kann.

SPORT1: Welche Bedeutung hätte ein Weiterkommen, welche ein Ausscheiden in der Gruppenphase?

Neuer: Das Achtelfinale zu erreichen, wäre eine Riesenerleichterung. Dann fällt schon Druck von einem ab. Für den weiteren Verlauf des Turniers wäre das Gold wert. Über ein Ausscheiden möchte ich nicht reden.

SPORT1: Dann wäre Bundestrainer Joachim Löw wohl kaum zu halten. Was denken Sie über ihn?

Neuer: Er ist ein sehr guter Trainer, immer positiv. Deshalb glauben auch so viele Spieler an sich, egal in welcher Situation, egal gegen wen wir spielen. Da fallen keine negativen Worte, es herrscht Harmonie im Team. Das ist nicht in jeder Mannschaft so.

SPORT1: Unabhängig vom Ausgang des Spiels gegen Ghana: Wie sehen Sie die Perspektive dieser jungen Mannschaft für die nächsten Jahre?

Neuer: Der Grundstein wird hier gelegt. Man kann sich hier Selbstbewusstsein holen und schon einmal Respekt verschaffen. Dann ist in den kommenden Jahren viel möglich. Wir werden immer zum Favoritenkreis von großen Turnieren gehören.

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