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Mesut Özil erzielte sein zweites Tor fim Dress der deutschen Nationalmannschaft © getty

Nach dem Achtelfinal-Einzug herrscht beim DFB-Team Erleichterung. Gegen England droht aber der "emotionale Leader" auszufallen.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Johannesburg - Sie hatten das Thema heruntergeredet.

Die Überzeugung von der eigenen Stärke lasse keinen Raum für Nervosität.

Teampsychologe Hans-Dieter Hermann sprach im Vorfeld des deutschen Gruppenfinales gegen Ghana (1:0) gar von "business as usual" 254003(DIASHOW: Die Bilder des Spiels).

Nach der Qualifikation fürs Achtelfinale, in dem die DFB-Auswahl auf England trifft, räumte aber auch Bundestrainer Joachim Löw ein, was ohnehin alle Zuschauer im Soccer-City-Stadion von Johannesburg gesehen hatten.

"Mir war klar, dass es nicht einfach wird"

"Bei uns hat man in manchen Phasen gemerkt, dass der Druck insgesamt vorhanden war", meinte der 50-Jährige.

"Völlig befreit kann man bei einer WM kaum aufspielen. Mir war klar, dass es mit den vielen jungen Spielern nicht immer ganz einfach wird."

Und im "Klassiker" am Sonntag (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Bloemfontein gegen England dürfte der Druck nicht unbedingt weniger werden.

Zumal "Anführer" Bastian Schweinsteiger aufgrund einer Muskelverhärtung auf der linken Oberschenkelrückseite auzufallen droht.

Dagegen steht einem Einsatz der ebenfalls angeschlagenen Jerome Boateng und Mesut Özil offenbar nichts im Wege.

DFB-Team fahrig und übernervös

Ohne den Siegtreffer des Bremers (60.) wäre es wohl ein noch größeres Zitterspiel geworden.

Die deutsche Mannschaft wirkte über beinahe die gesamte Spielzeit fahrig und übernervös und bewegte sich lange am Rand des ersten Vorrundenausscheidens bei einer WM überhaupt.

"Ein Geniestreich von Mesut hat uns dann auf die Siegerstraße gebracht", sagte Sami Khedira im Gespräch mit SPORT1 . 253922(DIASHOW: DFB-Elf in der Einzelkritik).

Dass der Mittelfeldregisseur in dieser Partie noch einen positiven Akzent setzen würde, war bis zu seinem spektakulären Distanzschusstor nicht abzusehen gewesen.

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Özil lässt beste Gelegenheit aus

Özil hatte bis dahin neben sich gestanden, die einzige richtig gute Torchance vor dem Seitenwechsel frei vor Torhüter Richard Kingson vergeben (25.) (Der WM-Spielplan) .

"Ich bin sehr erleichtert, denn ich hatte in den letzten Spielen viele Chancen, die ich nicht genutzt hatte", bekannte der 21-Jährige.

"Beim Tor habe ich den Ball von Thomas Müller bekommen und einfach draufgehauen."

Dass Özil daraufhin gleich zum "Man of the Match" befördert wurde, war aber ein bisschen viel des Guten. Diese Auszeichnung hätte eher Bastian Schweinsteiger oder Arne Friedrich gebührt.

Lob für Friedrich

Der Noch-Berliner war der Ruhepol in der deutschen Abwehr, zweikampfstark und stellungssicher. "Ich fand seine Leistung sehr, sehr gut", lobte auch Löw.

Friedrichs Vorstellung wirkte vor allem im Kontrast zu derjenigen Per Mertesackers bärenstark (Die WM-Kader im Überblick).

"Ihm ist der eine oder andere Ball weggesprungen", sagte Löw über den Bremer.

In der Tat machte die ungewohnt hohe Anzahl an Stockfehlern Mertesacker zur Achillesferse der deutschen Abwehr.

Neuers "kleine Genugtuung"

Das hatte zur Folge, dass Torhüter Manuel Neuer sich erstmals im Turnierverlauf auszeichnen konnte.

"Er hat zwei, drei Mal hervorragend gehalten. Es war eine große Leistung von ihm", würdigte der Bundestrainer den Schalker.

Neuer selbst empfand "eine kleine Genugtuung, dass ich zeigen konnte, was ich kann".

Dazu hatte auch Jerome Boateng Gelegenheit gehabt (GAMES: Das WM-Tippspiel).

Gegen das Land seines Vaters und seines Halbbruders Kevin-Prince hatte der künftige England-Legionär auf der Linksverteidigerposition den Vorzug vor Holger Badstuber und Marcell Jansen erhalten.

Antritt spricht für Boateng

"Ich habe am Wochenende gesehen, dass Ghana drei sehr schnell Spieler vorne hat", begründete Löw seine Wahl.

"Jerome ist auf den ersten Metern sehr schnell und hat seine Sache in der Defensive gut gemacht."

Ob Boateng auch gegen England für einen Einsatz zur Verfügung steht, ist offen. Wegen Rücken- und Wadenproblemen musste er seinen Platz für Jansen räumen.

Auch Özil ist angeschlagen, nachdem er in der Schlussphase mit dem Fuß umgeknickt war.

Doch Co-Trainer Hansi Flick gab Entwarnung: "Das war nur ein leichter Krampf. Das muss nicht behandelt werden."

Sorgen um Schweinsteiger

Die größte Sorge bereitet dem DFB-Tross aber Schweinsteiger, der wegen einer Muskelverhärtung ausgewechselt wurde und im Achtelfinale zu fehlen droht.

"Wir hoffen das Beste", meinte Flick zwar. Aber die Zeit bis Sonntag wird knapp.

"Sollte Schweinsteiger ausfallen", meinte Löw, "wäre es für unser Spiel nicht gerade von Vorteil".

Heißt übersetzt: Schweinsteiger ist nicht gleichwertig zu ersetzen.

Auch wenn der Bundestrainer Mut daraus schöpft, dass sich sein Team trotz nervlicher Belastung und einer allenfalls mäßigen Leistung im "ersten K.o.-Spiel des Turnier" durchgebissen hat:

"Für so eine junge Mannschaft ist es gut, einmal durch so ein Stahlbad gegangen zu sein. Das sind Erfahrungen, die die Spieler machen müssen."

Für England, das darf als sicher gelten, wird eine Vorstellung wie gegen Ghana allerdings nicht reichen.

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