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Thomas Müller (l., mit Bundestrainer Joachim Löw) bestritt bisher 5 Länderspiele © getty

Im SPORT1-Interview spricht Thomas Müller über Englands Torhüter, das Zusammenspiel in der Offensive und die Standards.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Bloemfontein/Centurion - Thomas Müller ist durchgestartet.

Nicht nur in seiner ersten Profi-Saison bei Bayern München, sondern gleich auch in der Nationalmannschaft.

Alle drei bisherigen WM-Spiele bestritt der 20-Jährige von Beginn an. Dabei bereitete er zwei Tore direkt vor. Auch verbal ist er vor dem Achtelfinale gegen England (So., ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) gradlinig.

Im SPORT1-Interview spricht er über das Zusammenspiel in der Offensive, die deutschen Probleme bei Standardsituationen und Englands Torhüter.

SPORT1: Herr Müller, Arne Friedrich hat gesagt, die Mannschaft habe vor dem Ghana-Spiel Angst vor dem "Worst Case" gehabt. Wie ging es Ihnen auf dem Platz?

Thomas Müller: Ich hatte keine Angst. Natürlich habe auch ich festgestellt, dass wir nicht so zu unserem Spiel gefunden haben. Wir haben viele leichte Ballverluste gehabt. Das erschwert die Angelegenheit, weil du immer wieder nach hinten laufen musst. Das kostet Power. Vielleicht hätten wir ein bisschen intelligenter spielen sollen.

SPORT1: Das heißt konkret?

Müller: Auch mal auf den Ball draufsteigen und nicht immer die Lösung nach vorne suchen. Denn wir haben ja schon gemerkt, dass das nicht der Tag war, an dem alles sofort geklappt hat.

SPORT1: Was nehmen Sie aus dem Spiel mit?

Müller: Die Erkenntnis, dass man nicht unbedingt verlieren muss, wenn ein Spiel mal nicht so gut läuft. Wir haben schon Glück gehabt. Philipp Lahm hat zweimal gerettet, Arne Friedrich war stark. Ansonsten war das Defensivverhalten der gesamten Mannschaft nicht ganz so gut.

SPORT1: Per Mertesacker meinte, die Aufgabe England sei angenehmer, weil man die Spieler besser kennt als das bei Ghana der Fall war.

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Müller: Da hat er schon Recht. Die Afrikaner haben immer große individuelle Qualität, aber sie versagen oft als Mannschaft. Aber Ghana hat einen für mich überraschend positiven Eindruck hinterlassen. Ich habe sie nicht so stark erwartet. Vor allem haben sie defensiv so gut gestanden, dass wir keine Mittel gefunden haben. Aber Sonntag ist ein neues Spiel. Auch bei England läuft noch nicht alles optimal. Deswegen gibt es keinen Grund, sich zu fürchten.

SPORT1: Auch nicht, wenn Bastian Schweinsteiger ausfällt?

Müller: Natürlich wäre Schweinis Fehlen ein Verlust. Vor allem, weil wir eine junge Mannschaft haben. Schweini bringt mit seiner Klasse und Erfahrung viel Ruhe ins Spiel. Er hat auch in der Defensive ein sehr gutes Auge. Aber einen besseren medizinischen Stab als wir hat wohl keine Mannschaft in diesem Turnier. Deswegen habe ich großes Vertrauen, dass sie ihn wieder hinbekommen.

SPORT1: Wenn nicht, würde die Mannschaft wohl mit dem 20 Jahre alten Toni Kroos noch einmal verjüngt. Ist das gegen die ausgebufften Engländer nicht zu viel Jugend?

Müller: Wir können Schweini nun einmal nicht eins zu eins ersetzen. Dann muss jeder noch einen Schritt mehr laufen. Toni Kroos wäre ein etwas anderer Spielertyp, der in der Offensive das eine oder andere Überraschungsmoment mit einbringen kann.

SPORT1: Zum Beispiel bei Standards. Die deutsche Nationalmannschaft hat seit dem 6. September 2008 keine Tore nach einer Ecke oder einem Freistoß erzielt. Woran liegt das?

Müller: Um die Abläufe bei Ecken und Freistößen von der Seite zu trainieren, brauchst du viel Zeit. Du musst ja Automatismen schaffen. Du kannst hier nicht jeden Tag Standards trainieren, sonst bleibt anderes, womöglich Wichtigeres auf der Strecke. Deshalb ist bei der Nationalmannschaft diesbezüglich nicht ganz so viel Gefährlichkeit da, wie man es sich wünschen würde.

SPORT1: Stichwort Gefährlichkeit: Wie unterscheidet sich Ihr Zusammenspiel mit der Spitze, wenn dort nun statt Cacau wieder Miroslav Klose spielt?

Müller: Cacau hat den Ball gerne in den Fuß gespielt. Er ist einer, der sich dann mal mit dem Ball dreht, ins Dribbling geht und abschließt. Miro lauert dagegen ganz vorne im Zentrum auf eine Flanke für den Kopfball. Dazu versucht er, immer in die Gassen zu gehen.

SPORT1: Im englischen Tor steht nicht gerade der Welttorhüter.

Müller: Mit Manuel Neuer können die englischen Schlussleute nicht mithalten. Dennoch haben sie ein gewisses Format. David James hat jede Menge Premier-League-Spiele auf dem Buckel. Er ist kein Weltklasse-Torhüter, aber er kann schon auch einen Ball festhalten. Wenn er jetzt einen Supertag erwischt und im Tor eine Wand aufbaut, haben wir nichts davon, dass englischen Torhütern generell schneller mal ein Ball durchrutscht als deutschen.

SPORT1: Wie, glauben Sie, denken die Engländer über die deutsche Mannschaft?

Müller: Nach unserem Auftaktspiel haben sie wohl erstmal geguckt: "Hoppla, die können ja doch was!" Die Engländer hatten in der Vorrunde keine sonderlich namhaften Gegner und trotzdem Probleme. Also können sie nicht mit der Einstellung "Die Deutschen hauen wir weg" ins Spiel gehen. Sie werden schon einen gewissen Respekt mitbringen.

SPORT1: Vor einem Elfmeterschießen haben die Engländer jetzt schon eine Heidenangst.

Müller: Und das völlig zu Recht. Denn Elfmeterschießen liegt uns Deutschen einfach im Blut.

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