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Auch beim 4:0-Schützenfest gegen Australien brachten die Ecken keine Torgefahr © imago

Bundestrainer Joachim Löw glaubt vor dem WM-Viertelfinale nicht unbedingt an ein Standard-Tor. Es wäre das erste seit langer Zeit.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion - Für Hansi Flick ist der Fall klar.

Die Durststrecke der deutschen Nationalmannschaft ist im WM-Achtelfinale gegen England zu Ende gegangen, nach fast zwei Jahren.

"Hansi hat felsenfest behauptet, das 1:0 gegen England wäre aus einer Standardsituation gefallen: Abstoß von Manuel Neuer, Tor Miroslav Klose", berichtete Bundestrainer Joachim Löw von einer "hitzigen Diskussion" mit seinem Assistenten.

Es wäre das erste Tor der deutschen Auswahl nach einem ruhenden Ball seit dem 6. September 2008. Damals traf Thomas Hitzlsperger per Freistoß, zum zwischenzeitlichen 5:0 beim 6:0 gegen Liechtenstein.

Seither ist die deutsche Mannschaft 23 Mal angetreten, ein Tor nach einer Ecke oder einem Freistoß hat es nicht mehr gegeben.

Löw ist skeptisch

"Hansi Flick sagt vor den Spielen immer ein Standard-Tor voraus", verriet Löw. "Und ich antworte: Ich weiß nicht, ob wir dazu in der Lage sind."

Dass der Hauptverantwortliche diesbezüglich eine solche Skepsis an den Tag legt, ist bezeichnend. Er setzt eben andere Prioritäten, und das mit Erfolg.

So mutet der stete Verweis auf die mangelnde Torausbeute bei Standardsituationen mitunter an wie die Suche nach dem Haar in der Suppe.

Details mit womöglich großer Bedeutung

"In einem Spiel wie gegen Argentinien entscheiden Kleinigkeiten", hat aber Bastian Schweinsteiger vor dem brisanten Viertelfinale am Samstag (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Kapstadt gesagt.

Gute Standards könnten ein solches Detail sein, das dem vermutlich taktisch geprägten Spiel eine entscheidende Richtung gibt.

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"Um die Abläufe bei Ecken und Freistößen von der Seite zu trainieren, brauchst du viel Zeit. Du musst ja Automatismen schaffen", verteidigte Thomas Müller im SPORT1-Interview die Trainingsgestaltung Löws in der WM-Vorbereitung und in Südafrika.

"Du kannst hier nicht jeden Tag Standards trainieren, sonst bleibt anderes, womöglich Wichtigeres auf der Strecke. Deshalb ist bei der Nationalmannschaft diesbezüglich nicht ganz so viel Gefährlichkeit da, wie man es sich wünschen würde."

Standards auf dem Trainingsplan

Auch Löw sähe das gerne anders. "Wenn man die Mannschaft ein ganzes Jahr zur Verfügung hat, kann man immer mal wieder eine ganze Trainingseinheit für Standardsituationen verwenden", sagte er.

"Das haben wir hier noch nicht gemacht. Das bleibt vielleicht etwas zurück. Aber wir werden in dieser Woche noch einmal Wert legen auf Eckbälle und Freistöße, weil wir da zu wenig aus unseren Möglichkeiten machen."

Gegen England, fügte er scherzhaft hinzu, "sind wir aber auch zu wenig gefoult worden. Vielleicht, weil unsere Spieler zu schnell waren."

Gute Zuordnung in der Defensive

Die Möglichkeit zu einem direkten Freistoßtor hat die deutsche Mannschaft sogar im gesamten bisherigen Turnierverlauf noch nicht bekommen.

Da Löw das clevere Verteidigen ohne Foulspiel predigt, hat die DFB-Auswahl unter seiner Leitung allerdings auch erst drei Gegentore nach Standards erhalten.

"Alle drei gegen England", erläuterte der Bundestrainer. "Zwei im November 2008 in Berlin, eins am Sonntag im Achtelfinale."

Wer traut sich vom Elfmeterpunkt?

Läuft das Spiel gegen Argentinien ähnlich wie das Viertelfinale 2006, braucht die deutsche Mannschaft im Green Point Stadium aber mindestens fünf gute Elfmeterschützen.

"Wir haben genug Spieler, die sicher vom Punkt treffen", behauptete Löw. "Lukas Podolski hat gegen Serbien zwar einen Elfmeter verschossen, er fühlt sich aber nach wie vor sicher. Sollten wir schon in der regulären Spielzeit gegen Argentinien einen Strafstoß erhalten, würde Bastian Schweinsteiger antreten."

Wer die übrigen Elfmeter schießen werde, mache er vom Spielverlauf abhängig. Schon vor dem England-Spiel hatte die deutsche Mannschaft Strafstöße trainiert.

"Extremsituation" nicht zu simulieren

"Jeder hat zwei geschossen", erklärte der Bundestrainer. "Aber ein Elfmeterschießen kann man nicht simulieren. Die Belastung in einer Extremsituation ist völlig anders. Da gibt es einen ganz anderen Druck in einem voll besetzen Hexenkessel."

Dass sich die argentinischen Schützen wie 2006 von einem Zettel ins Bockshorn jagen lassen, den der deutsche Torhüter im passenden Moment aus dem Stutzen zieht, kann sich Löw nicht vorstellen.

"Diesmal haben die Argentinier so viele sichere Schützen in ihren Reihen, dass wir mit einem Zettel nicht auskommen", meinte er. "Diesmal brauchen wir einen Katalog."

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