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Maradona (r.) und Löw (l.) beoabachten das Duell zwischen Boateng und Demichelis © getty

Die DFB-Team hat Argentinien im WM-Viertelfinale auseinander genommen. Doch was genau führte zu dieser Überlegenheit?

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion ? "Gott wird wollen, dass wir dieses Spiel gewinnen", hatte Diego Maradona vor dem WM-Viertelfinale gegen Deutschland gesagt.

Der Draht des argentinischen Nationaltrainers nach ganz oben scheint schwer eingerostet.

Denn anders als 1986, als er sich nach seinem Handtor im Viertelfinale gegen England auf die höhere Macht berief, entwickelten sich die Dinge im Green Point Stadium von Kapstadt so gar nicht in seinem Sinne.

Doch Maradona wusste das 0:4 nicht zu verhindern. Die SPORT1-Analyse zeigt, warum sich die deutsche Mannschaft am Ende so deutlich durchsetzte.

Fast perfektes Zweikampfverhalten

Was die DFB-Auswahl in der Rückwärtsbewegung gegen die hoch gelobte argentinische Offensive leistete, war nahe an der Perfektion.

"Wir haben fast keine Fouls gemacht", merkte Bundestrainer Joachim Löw an. "Das war Zweikampfverhalten auf höchstem Niveau, so wie ich mir das vorstelle."

Das hatte den positiven Nebeneffekt, dass von den sechs vorbelasteten Spielern in der Startelf nur Thomas Müller seine zweite Gelbe Karte sah.

In der Innenverteidigung glänzte diesmal nicht nur Arne Friedrich, auch Per Mertesacker schwang sich zu einer bemerkenswerten Vorstellung auf.

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Er verlor in den 90 Minuten nicht einen Zweikampf. Nicht gegen Gonzalo Higuain, nicht gegen Carlos Tevez und auch nicht gegen Lionel Messi. 258536(DIASHOW: Bilder des Spiels)

Das Resultat: Die argentinischen Offensivkräfte kamen kaum in den deutschen Strafraum und mussten ihr Schussglück aus der Distanz oder ungünstigen Winkeln suchen, die Torhüter Manuel Neuer problemlos abdeckte.

Hand in Hand gegen Messi

"Wir müssen Messi im Kollektiv stoppen", hatte Friedrich vor der Partie gefordert. Das klappte hervorragend.

Die Abwehrreihe schob sich nah an die Sechser Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira heran, so war der Raum in der Mitte zugestellt. Für Messi gab es dort kein Durchkommen.

Also versuchte es der Weltfußballer immer wieder über die linke deutsche Abwehrseite. Doch dort unterstützte Lukas Podolski seinen Hintermann Jerome Boateng mit einer von ihm bislang selten gesehenen starken Defensivarbeit.

"Wenn man um die Offensive der Argentinier weiß, gehört es dazu, dass man als linker Mittelfeldspieler mit nach hinten arbeitet", meinte der Kölner. "Das habe ich drin."

Zog Messi nach innen, erwarteten ihn dort schon wieder Schweinsteiger und Khedira.

Das führte dazu, dass sich der Superstar des FC Barcelona später den Ball gar in der eigenen Hälfte abholte, um ihn mal ungestört führen zu können.

"Unser Ausscheiden ist nicht die Schuld von Messi", verteidigte Carlos Tevez den 23-Jährigen. "Er ist ein Klassespieler, aber die Deutschen haben es ihm eben sehr schwer gemacht."

Allerdings war die Unterstützung seiner Mitspieler auch überschaubar. Hatte Messi den Ball, schauten sie zumeist nur zu und vertrauten auf seine Ideen. Die waren am Samstag rar gesät.

Über außen durch die Pressinglinie

Auf Philipp Lahm und Jerome Boateng kam es wesentlich an, wenn die Argentinier ihr Pressing aufzogen.

Dank der technischen Fähigkeiten der beiden gelang es der deutschen Defensive zumeist mit erstaunlicher Souveränität, sich zu befreien, wenn sie in der eigenen Hälfte von Higuain, Tevez, Messi, Angel di Maria und Maxi Rodriguez angelaufen wurde.

Dass Boateng in der argentinischen Druckphase vor dem 2:0 nach deutschen Ballverlusten gleich dreimal durch geschicktes Ablaufen einen Konter der Südamerikaner im Keim erstickte, sei der Vollständigkeit halber ebenfalls angeführt.

Mascherano steht im Hochwasser

Hatte die deutsche Elf die Pressinglinie der Argentinier erst einmal überwunden, bot sich ihr eine Unmenge an Raum, den Javier Mascherano zuzustellen versuchte.

Damit war er völlig überfordert, denn seine offensiveren Mitspieler kamen viel zu langsam zurück und ließen ihn allein.

"Nach hinten gehen diese Spieler ungern weite Wege", hatte Löw schon im Vorhinein gewusst. Er behielt Recht. So konnte Schweinsteiger in aller Ruhe schalten und walten. Der überragende Münchner ließ sich nicht zweimal bitten.

Mit Tempo gegen die argentinische Außenverteidigung

Schweinsteiger und Mesut Özil verlagerten das Spiel immer wieder auf die Außenbahnen, wo Podolski und Thomas Müller gegen Nicolas Otamendi und Gabriel Heinze ihre Schnelligkeitsvorteile ausspielten.

Otamendi war früh verwarnt und wandelte am Rande des Platzverweises. Heinze ließ sich des Öfteren von Müller in die Mitte ziehen, so dass der Flügel für den nachrückenden Lahm frei war.

Da beide argentinischen Außenverteidiger Unterstützung benötigten, mussten die Innenverteidiger Martin Demichelis und Nicolas Burdisso immer wieder die Abwehrzentrale verlassen.

Das schuf Räume für Miroslav Klose, die dieser zu nutzen wusste. "Uns ist es bei einigen Angriffen gelungen, ihre Abwehr zu entblößen", stellte Löw nüchtern fest.

Maradona sieht hilflos zu

"Diego Maradona hat keinen Plan", hatte Lothar Matthäus schon vor dem Spiel im "kicker" gemutmaßt.

"Ich muss erwachsenen Männern nicht sagen, wie und wo sie zu spielen haben", verteidigte sich das argentinische Idol. "Das hat mir zu meiner aktiven Zeit schließlich auch niemand sagen müssen."

Im Vertrauen darauf, dass "die Deutschen nur laufen können" und "wir ihnen schon zeigen werden, wie Fußball gespielt wird", hatte er offensichtlich keine passende Maßnahme zur Hand, als seiner Mannschaft das Spiel entglitt.

Otamendi bettelte mit seiner Minusleistung um einen früheren Spielertausch, die späten Einwechslungen von Javier Pastore und Sergio Agüero blieben fruchtlos.

Maradona litt an der Seitenlinie mit. Sein Leiden dürfte sich mit der Einsicht noch verschlimmert haben, dass der Lauf der Dinge seine Hilflosigkeit offenbarte

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