vergrößernverkleinern
Michael Ballack (r.) und Phlipp Lahm spielten 2005/06 gemeinsam beim FC Bayern © imago

Philipp Lahm erklärt erstmals, dass er die Binde nicht kampflos wieder abgeben will. Ballack reist vorzeitig aus Südafrika ab.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion - Michael Ballack hat das deutsche Quartier in Südafrika verlassen - und Philipp Lahm rüttelt an seinem Kapitäns-Thron.

Während der DFB-Kapitän entgegen vorheriger Planungen am Montagabend abgereist ist, um seine Reha voranzutreiben, erklärt sein Stellvertreter, dass er die Binde auch nach der WM und Ballacks Comeback behalten will.

Der Ersatz-Spielführer erklärt im "Bild"-Interview: "Die Rolle des Kapitäns macht mir sehr viel Spaß. Ich habe Freude daran. Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?"

Es sei doch klar, "dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte. Wenn man seine Rolle auf dem Platz ausfüllt und sie in Griff hat, so wie ich auf meiner Position, dann will man mehr. Dann will man mehr Verantwortung, dann will man sich um das Ganze kümmern. Und das ist jetzt bei mir der Fall."

Neue Töne

Das sind neue Töne des Außenverteidigers. Noch Ende Mai hatte Lahm im Trainingslager in Südtirol gesagt, er sei Kapitän, "solange der Michael nicht da ist. Ich gehe davon aus, dass er wieder unser Kapitän sein wird."

Kurz vor der Veröffentlichung von Lahms überraschender Kampfansage hatte der DFB via Pressemitteilung Ballacks Abreise vermeldet.

"Ich habe mich gefreut, nach der kurzen Begegnung im Trainingslager auf Sizilien meine Kollegen für einige Tage in Südafrika zu sehen, und einen hervorragenden Eindruck von der Mannschaft gewonnen", wird der Kapitän zitiert.

"Ich finde es super, dass sie wie schon bei der WM 2002 und WM 2006 ins Halbfinale eingezogen ist, und wünsche ihr natürlich jetzt den WM-Titelgewinn."

"Nächster Schritt" in Deutschland

Noch nach dem Argentinien-Spiel hatte der 33-Jährige vorgehabt, bis zur Abreise der Mannschaft im Velmore Grande zu bleiben und dort die Reha nach seiner Sprunggelenksverletzung voranzutreiben.

"Ursprünglich war es geplant, dass Michael hier länger bleibt", erklärte DFB-Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

"Der überraschend gute Heilungsverlauf macht jedoch möglich, dass er jetzt schon mit dem nächsten Schritt beginnen kann."

Dafür seien ein deutlich erhöhter Trainingsumfang und eine gesteigerte Trainingsintensität nötig 259105(DIASHOW: SPORT1-Elf WM-Viertelfinale).

Flucht von Ballack?

"Die dafür notwendigen Rahmenbedingungen, die er jetzt braucht, sind hier vor Ort nicht gegeben", äußerte der Sportmediziner weiter.

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Ballacks spontane Abreise mit den offensiven Aussagen Lahms in direktem Zusammennhang steht.

[image id="23778cff-636c-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Die Fakten widersprechen dem. Nach SPORT1-Informationen stand Ballacks Rückkehr nach Deutschland bereits am Morgen fest. Seine forschen Töne ließ Lahm erst am Mittag verlauten.

Noch kein Statement von Löw

Auffällig ist allerdings, dass Löw zum Kampf ums Kapitänsamt bislang keine Stellung bezieht.

In der DFB-Pressemitteilung bedankte er sich nur bei Ballack für dessen Besuch und fügte hinzu: "Genauso freue ich mich darüber, dass sein Heilungsverlauf bisher so reibungslos verläuft. Wir würden uns natürlich freuen, wenn er im Falle des Final-Einzugs nochmals den langen Weg nach Südafrika auf sich nimmt und wieder beim Team dabei ist."

Ballack "muss an sich denken"

Dass Ballack allerdings schon am Wochenende einen weiteren Langestreckenflug auf sich nimmt, darf als unwahrscheinlich gelten.

"Ich muss jetzt auch an mich und meinen neuen Verein Bayer Leverkusen denken, den nächsten Schritt machen und schnell wieder fit werden", meinte der 98-malige Nationalspieler.

"Schon ein bisschen unheimlich" war dem im vergangenen Jahrzehnt überragenden deutschen Fußballer die begeisternde Vorstellung der DFB-Auswahl in Südafrika vorgekommen 258807(DIASHOW: Halbfinale! So feiert Deutschland).

Andere hatten die Koinzidenz von Ballacks verletzungsbedingtem Fehlen und dem erfrischenden Offensivfußball des deutschen Teams in einen direkten Zusammenhang gestellt.

Schuster sagt es drastisch

"Ich sage es jetzt mal drastisch: Für Deutschland war der Ausfall von Michael Ballack ein Glücksfall", sagte etwa Bernd Schuster im Kölner "Express".

"Hätte er sich nicht verletzt, wäre Schweinsteiger nicht so groß rausgekommen. Schweinsteiger hätte sich hinter Ballack einreihen müssen."

Lahms Worte sind nun neuer Zündstoff für die Debatte, ob das DFB-Team Ballack noch braucht.

Der Ersatz-Kapitän selbst sagt dazu vieldeutig: "Es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage Ja oder Nein sage."

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel