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Bundestrainer Joachim Löw (l.) gibt Bastian Schweinsteiger (r.) die WM-Marschroute vor © getty

Vor der WM kritisiert, jetzt bejubelt: Joachim Löw hat seine Entscheidungen mit Weitsicht getroffen.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion - Die Frage musste kommen. Seit Beginn der WM ist die Perspektive von Bundestrainer Joachim Löw bei jedem seiner Pressetermine mindestens ein Mal abgeklopft worden.

Die Antwort war stets inhaltsgleich, nur unterschiedlich formuliert.

"Was meine Zukunft betrifft: Das ist ein Thema für nach dem Turnier", sagte Löw also am Montagmittag und vor dem Halbfinale am Mittwoch gegen Spanien (20 Uhr im LIVE-TICKER).

"Ich werde mich mit dem gesamten Umfeld zu hundert Prozent professionell um das Turnier kümmern. Wir können keine Ablenkung gebrauchen."

Erster Gesprächspartner ist Bierhoff

Er sage das "nicht nur, um bei der Pressekonferenz die Zeit zu überbrücken". Es ist ihm ernst damit.

Obwohl sein Vertrag offiziell schon Ende Juni ausgelaufen ist. Nach Abschluss der WM wird sich Löw zunächst mit Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff abstimmen und dann das Gespräch mit dem DFB suchen.

"Ich kann es immer nur wiederholen: Dem DFB könnte nichts Besseres passieren, als mit Joachim Löw und seinem Stab weiterzumachen", hatte Arne Friedrich noch nach dem glanzvollen 4:0-Erfolg im Viertelfinale gegen Argentinien gesagt.

Fußball-Deutschland einig

Darüber, dass der aktuelle Bundestrainer die bestmögliche Besetzung für diese junge Mannschaft ist, gibt es in Fußball-Deutschland kaum noch zwei Meinungen. 258807(DIASHOW: Halbfinale! So feiert Deutschland).

"Es wäre wunderbar, wenn er weitermachen würde. Jeder will es, das ist sein Team", sagte Franz Beckenbauer: "Er war mutig genug, junge Spieler zu integrieren."

Und ältere wegzulassen. Spieler wie Jens Lehmann, Torsten Frings, Christoph Metzelder, Oliver Neuville, Clemens Fritz, Tim Borowski und Kevin Kuranyi hat Löw seit der EM 2008 aussortiert, vor allem in den Fällen Frings und Kuranyi unter großem öffentlichem Geschrei.

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Richtige Entscheidungen getroffen

Dass er Lukas Podolski und Miroslav Klose dagegen trotz anhaltender Formkrisen mit nach Südafrika nahm, brachte ihm kaum weniger Kritik ein. Das alles ist Vergangenheit.

Löw lag mit allen wichtigen Entscheidungen richtig: Bei Klose, bei Podolski und beim Entschluss, jungen Spielern trotz fehlender Erfahrung zu vertrauen. Weil sie Qualität besitzen.

"Die Spieler, die hier sind, hatten immer mein Vertrauen", sagte Löw dem "kicker".

"Podolski zum Beispiel hat bei uns viel mehr Möglichkeiten als in Köln, wo das Kombinationsspiel nicht so vorhanden ist. All die Spieler sind ausgewählt worden aufgrund ihrer Spielart und ihrer Charaktereigenschaft. Weil sie in der Lage sind, das gut umzusetzen, was wir wollen."

Löw kann Bedingungen diktieren

Damit begeistert die Mannschaft nun die Fußballwelt. Löw gerät daher zunehmend eine Verhandlungsposition, in der er dem DFB Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit diktieren kann.

Genau da liegt der Hase im Pfeffer. 259139(DIASHOW: Tops und Flops WM-Viertelfinale).

Denn der Verband hatte offenbar gehofft, zwar Löw halten zu können, aber einige Mitglieder seines Stabs wie Bierhoff oder Mediendirektor Harald Stenger en passant loszuwerden.

Reinhard Rauball, als Präsident der Deutschen Fußball-Liga auch DFB-Präsidiumsmitglied, warnte bereits vor einer Verselbständigung der Nationalmannschaft unter Bierhoffs Führung.

Rauball warnt vor "drittem Verband"

"Es muss sichergestellt sein, dass Strukturen nicht dazu führen, dass wir drei statt zwei Verbände haben:

Den DFB, die Liga und die Nationalmannschaft", sagte der Präsident von Borussia Dortmund dem "kicker".

Zudem sprach er den finanziellen Aspekt des Ensembles um Löw an.

"Keine Frage, die Personalkosten sind gestiegen. Sie haben aber auch zu einem Erfolg geführt. Das Verhältnis von eingesetzten Mitteln und Erfolg muss stimmen." 259105(DIASHOW: SPORT1-Elf WM-Viertelfinale)

Das Abschneiden bei der WM 2006 und der EM 2008 "rechtfertigt die eine oder andere zusätzliche Personalie".

"Kosten im Auge behalten"

"Aber natürlich muss man die Kosten im Auge behalten", fuhr Rauball fort. "Alles andere passt nicht in die Zeit, denn wir leben in einer historischen Wirtschaftskrise."

Die Frage nach der Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw wird also in den nächsten Tagen zusehends an Brisanz gewinnen.

Ziemlich bald nach der WM wird er auch eine konkrete Antwort geben.

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