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Toni Kroos absolvierte bislang sechs Länderspiele © imago

Offensiv-Ass Toni Kroos ist bereit, im Halbfinale gegen Spanien den gelbgesperrten Thomas Müller zu ersetzen.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Centurion ? Joachim Löw ist voll des Lobes.

"Er hat sich nahtlos eingefügt und gleich gezeigt, dass er keine Angst vor großen Namen hat", urteilte der Bundestrainer nach dem deutschen 4:0-Erfolg gegen Argentinien über Toni Kroos.

"Er ist jung, spielt unbekümmert und technisch sehr stark."

Wahrscheinlich darf der Bayern-Rückkehrer das im Halbfinale gegen Spanien (Mi., 20 Uhr im LIVE-TICKER) von Beginn an unter Beweis stellen.

Im Abschlusstraining am Dienstagabend in Durban übernahm der jüngste DFB-Akteur nämlich nach wenigen Minuten die Position im A-Team von seinem Rivalen Piotr Trochowski.

SPORT1 sprach mit Kroos über die Entwicklung des deutschen Teams, seine Einsatzchancen, den Gegner Spanien und Bastian Schweinsteigers Auftreten.

SPORT1: Herr Kroos, in Deutschland herrscht Euphorie, seit dem Argentinien-Spiel wird Ihre Mannschaft weltweit gefeiert. Was kriegen Sie davon hier mit?

Kroos: Zum Glück nicht so viel. Natürlich lesen wir die eine oder andere Zeitung und bekommen auch im Fernsehen mit, was in Deutschland alles los ist. Aber es ist ratsam, sich nicht alles anzuschauen oder zu lesen. Wir dürfen uns davon also nicht blenden lassen, sondern müssen weitermachen.

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SPORT1: Kann man das denn völlig ausblenden? Es ist doch sicher Thema am Frühstückstisch.

Kroos: Ja, klar. Aber das Medienecho war ja schon nach dem Australien-Spiel sehr euphorisch, nach dem Serbien-Spiel hat es sich dann sehr schnell gedreht. Es wird teilweise übertrieben, mal in die eine, mal in die andere Richtung.

SPORT1: In wiefern?

Kroos: Wir müssen das alles nüchtern betrachten. Wir wissen, dass wir zuletzt zwei sehr ordentliche Spiele gemacht haben. Aber wir haben auch noch zwei Spiele vor uns. Unser Ziel ist es, beide zu gewinnen.

SPORT1: Vor der WM ist die deutsche Mannschaft als fragiles Gebilde aus vielen Talenten gesehen worden, von dem man nicht wusste, was es leisten kann. Nun schwärmt die Welt von einem Klasseteam. Wie haben Sie die Entwicklung in der Binnenansicht erlebt?

Kroos: Ich habe schon vor dem Turnier betont, dass es bei der Auswahl nicht hieß: Wer sind die Jüngsten? Es hieß: Wer sind die Besten? Wenn das dann so viele Junge sind, ist das ja eher positiv, auch mit Blick in die Zukunft. Wir haben uns immer mehr zusammengefunden, haben ja auch schon an die 70 Trainingseinheiten miteinander absolviert und viele Dinge einstudiert. Dass wir eine große Ansammlung guter Fußballer besitzen, hat man in den letzten Spielen gesehen.

SPORT1: Muss man angesichts der jüngsten Darbietungen den einen oder anderen Spieler wieder von Wolke sieben herunterholen?

Kroos: Nein, wieso? Wir haben doch noch nichts erreicht. Die beste Bestätigung, dass wir im Kopf klar sind, war doch das Argentinien-Spiel. Die Mannschaft war nach dem hervorragenden Spiel gegen England wieder in der Lage, sich zu 100 Prozent auf die nächste Begegnung einzulassen und schon in den Tagen vor dem Spiel konzentriert zu arbeiten. Wir haben eben nicht gedacht 'wir haben England 4:1 geschlagen, jetzt geht es schon irgendwie'.

SPORT1: Bastian Schweinsteiger ist auf dem Platz die Führungsfigur dieser Mannschaft. Wie bewerten Sie sein Auftreten in Südafrika?

Kroos: Er spielt ein hervorragendes Turnier. Ich bin nicht überrascht, dass er die Spiele so dominiert, wie er das getan hat. Er setzt ja hier nur fort, was er die ganze Saison in München gezeigt hat. Als junger Spieler weiß man, dass man jederzeit zu ihm kommen kann.

SPORT1: Wie fällt denn Ihre persönliche WM-Zwischenbilanz aus?

Kroos: Ich bin zufrieden. Erstens, weil der mannschaftliche Erfolg da ist. Und zweitens, weil ich vor anderthalb Jahren, als es bei Bayern für mich nicht so lief, nie damit gerechnet hätte, hier dabei zu sein.

SPORT1: Gegen Spanien fällt nun Thomas Müller gesperrt aus. Sie gelten als möglicher Stellvertreter.

Kroos: Meine Lieblingsposition ist zwar auf der linken Seite, wo ich in der ganzen Saison in Leverkusen gespielt habe. Aber wenn man bei der Nationalmannschaft dabei ist und aufgestellt wird ? egal wo ? dann ist das eine hervorragende Sache. Ich traue mir auch diese Position zu, obwohl ich sie noch nicht so häufig gespielt habe.

SPORT1: Wie konkret sind denn Ihre Chancen auf einen Einsatz von Beginn an?

Kroos: Ich weiß nicht, wie der Trainer denkt. Aber bislang wurde immer Piotr Trochowski für die rechte Seite eingewechselt, wenn Thomas Müller rausgegangen ist. Grundsätzlich bin ich ein Offensivspieler. Das weiß der Trainer auch. Ich empfinde es aber als Wertschätzung, dass er mir auch die Position im defensiven Mittelfeld zutraut.

SPORT1: Es heißt, Joachim Löw finde besonders bei den jungen Spielern die passende Ansprache. Was genau sagt er Ihnen?

Kroos: Er vermittelt einem, dass man unbekümmert spielt, wenn man reinkommt. Auch, dass man an seine eigenen Stärken glauben muss. Denn die Spieler, die hier dabei sind, haben in der Saison gezeigt, welche Fähigkeiten sie haben. Wenn jeder sie einbringt, brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken. 258807(DIASHOW: Halbfinale! So feiert Deutschland)

SPORT1: Auch nicht vor Spanien?

Kroos: Nein. Das ist zwar auch meiner Meinung nach wie vor die beste Mannschaft der Welt. Die Spanier haben von vorne bis hinten Weltklassespieler. Aber England und Argentinien waren auch höchstens eine Stufe darunter.

SPORT1: Wie haben Sie die Spanier denn bislang in Südafrika gesehen?

Kroos: Sie haben hier bislang nicht mit der totalen Souveränität die Mannschaften vom Platz geschossen. Aber sie waren in allen Spielen die dominante Mannschaft, weil sie das größte fußballerische Potenzial aller Teams besitzen. Sogar bei ihrer Niederlage gegen die Schweiz hatten sie um die 70 Prozent Ballbesitz.

SPORT1: Wie sind sie denn zu knacken?

Kroos: Ähnlich wie gegen Argentinien müssen wir gut in der Ordnung stehen, aggressiv und eng an den Leuten dran sein. Dann müssen wir aus der Defensive wieder schnell nach vorne spielen. Wir müssen versuchen, so aufzutreten wie in den letzten beiden Spielen. Dann schauen wir mal, was möglich ist. 259139(DIASHOW: Tops und Flops WM-Viertelfinale)

SPORT1: Empfinden Sie die WM bislang auch wie jüngst die Safari? Sie bekommen alle großen Tiere aus der Nähe zu sehen.

Kroos: Ja, wenn dann auch noch Holland kommt... Wir haben uns sicher nicht den einfachsten Weg ausgesucht.

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