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Philipp Lahm (l.) und Michael Ballack wurden zusammen Dritter bei der Heim-WM 2006 © imago

Mit seiner Äußerung, er wolle DFB-Kapitän bleiben, hat Philipp Lahm Michael Ballack eine schmerzhafte Spitze versetzt.

Aus Südafrika berichtetMartin van de Flierdt

Centurion/Durban - Laut Oliver Bierhoff hat das eine nichts mit dem anderen zu tun.

"Es ist schade, dass da ein Zusammenhang konstruiert wurde, der zu Missinterpretationen führen kann", sagte der Manager der deutschen Nationalmannschaft am Tag vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien (Mi., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) 258807(DIASHOW: Halbfinale! So feiert Deutschland).

Das eine ist die Abreise von Michael Ballack aus dem Teamquartier der DFB-Auswahl am Montagnachmittag, die mit medizinischer Notwendigkeit begründet wurde.

Ballacks Reha nach seiner Sprunggelenksverletzung schreite schneller voran als gedacht. Für seine weitere Genesung seien die Voraussetzungen in Deutschland besser als in Südafrika.

Lahms unmissverständliche Äußerung

Das andere ist die unmissverständliche Aussage Philipp Lahms, die er bereits am Montagmittag getätigt hatte und die kurz nach der Abreise Ballacks über die Nachrichtenticker lief: "Ich werde meine Kapitänsbinde nicht freiwillig abgeben."

Bierhoff bewertete den Zeitpunkt der Aussage als "nicht glücklich". "Aber wir wollen Spieler, die zu ihrer Meinung stehen."

Das tut Lahm, und zwar nicht zum ersten Mal. Im vergangenen November gab er der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview, in dem er die Vereinsführung von Bayern München kritisierte und Trainer Louis van Gaal in einer schwierigen Situation den Rücken stärkte.

Erfahrung mit "ungünstigen Zeitpunkten"

Schon damals wurde Lahm auch für den vermeintlich unglücklichen Zeitpunkt seines öffentlichen Vorpreschens gerügt. Was nichts daran änderte, dass er in der Sache Recht und sich Gehör verschafft hatte.

Lahm ist ein heller Kopf, dazu besitzt er in Roman Grill einen Berater, der bestens weiß, wie die Medienwelt funktioniert.

Es ist daher keineswegs so abwegig, wie Bierhoff zu vermitteln sucht, dass er diese Spitze gegen Michael Ballack bewusst gesetzt hat.

Lahms diplomatisches "Nein"

Zumal Lahm auf die Frage, ob er denn eine Rückkehr des 33-Jährigen nach der WM befürworte, vielsagend mit "es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage ja oder nein sage" beantwortete.

Was auf deutsch "nein" bedeutet, nur in diplomatischer Diktion.

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Die Mannschaft, der Lahm als Sprecher des Spielerrats aus Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Per Mertesacker, Arne Friedrich und ihm selbst vorsteht, hat sich in nur sechs Wochen von Ballack emanzipiert.

Mannschaft feiert ohne Ballack

Nach dem 4:0-Viertelfinaltriumph gegen Argentinien in Kapstadt feierten die Spieler ohne ihn. Ballack musste sich im Green Point Stadium damit begnügen, Betreuer und Funktionäre in den Arm zu nehmen 259139(DIASHOW: Tops und Flops WM-Viertelfinale).

Dass sich Ballack für alle offensichtlich in seiner Haut unwohl fühlte, wirft die Frage auf, ob er sich damit einen Gefallen getan hat, überhaupt nach Südafrika zu reisen.

Es sei "schön" gewesen, dass Ballack im DFB-Quartier vorbeigeschaut habe, um "die Mannschaft auf eine gewisse Art und Weise" zu unterstützen, meinte Schweinsteiger am Montagmittag, "auch wenn er nicht so nah an der Mannschaft dran ist".

Lahm ist nicht allein

Ballack ist also nicht nur nicht länger das Gesicht der DFB-Auswahl, er gehört offenbar auch in der Wahrnehmung anderer Spieler als Lahm schon nicht mehr dazu.

"Die Mannschaft spielt besser ohne Ballack, sie ist erfolgreich", sagt Lothar Matthäus in der "Bild". "Andere Spieler haben Führungsrollen übernommen und es haben sich neue Hierarchien gebildet."

Diese neuen Hierarchien sind bewusst flach gehalten, als Kontrast zum ehemaligen

Platzhirschen Ballack. Denn die im Kader verbliebenen Spieler des EM-Teams 2008 haben daran keine guten Erinnerungen.

Distanzierung mit Vorgeschichte

Ballack hatte es sich bei vielen Kollegen während der EM 2008 verscherzt, als er laut "Sport Bild" ihre Berufseinstellung in Frage stellte, weil sie nach der 1:2-Niederlage gegen Kroatien einen Tag mit Frauen und Kindern am Pool des Mannschaftshotels verbracht hatten.

Schon damals hatte Friedrich ihm geraten, seinen Führungsstil zu überdenken.

Als Ballack im Herbst 2008 die Personalpolitik von Bundestrainer Joachim Löw in einem Interview mit der "FAZ" heftig kritisierte, meldete sich der Verteidiger erneut zu Wort:

"Das war nicht professionell. Missstände gehören intern diskutiert, nicht über die Medien."

Ballack verteidigt sich

Ballack schoss zurück. "Wenn so ein Turnier in die Hose geht, dann steht nicht ein Arne Friedrich in der Kritik, sondern als erste der Trainer und der Kapitän", erklärte er.

"Wir spielen für die ganze Nation, wir vertreten ein ganzes Land. Als Führungsspieler muss ich anders reagieren als ein Spieler, der nicht im ersten Glied und in der Verantwortung steht."

Dass Friedrich nun in Südafrika groß auftrumpft, ist sicher nicht nur am Fehlen Ballacks festzumachen. Aber es trägt wohl dazu bei 259105(DIASHOW: SPORT1-Elf WM-Viertelfinale).

Matthäus rät zum Rücktritt

"Ballack war ein wichtiger und wertvoller Spieler für Deutschland. Und ich kann seinen Ehrgeiz verstehen, noch mal zurückzukehren", sagt Matthäus.

Der Rekordnationalspieler rät Ballack trotzdem dazu, es nach 98 Länderspielen gut sein zu lassen:

"Wenn er jetzt sagen würde: Die Mannschaft ist ohne mich stark genug. Ich trete zurück, konzentriere mich auf Leverkusen, dann würde er noch mal Größe beweisen. Und er würde sein Gesicht wahren."

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