Philipp Lahm hat den Anspruch erhoben, über die WM hinaus Kapitän der Nationalmannschaft zu bleiben. Vieles spricht für ihn.

Das Manöver mutet auf den ersten Blick merkwürdig an.

Kurz vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien stellt Philipp Lahm plötzlich öffentlich den Anspruch, auch nach dem Turnier in Südafrika die Kapitänsbinde tragen zu wollen.

Wenn im deutschen Lager immer von hundertprozentiger Fokussierung auf die Aufgabe die Rede ist, die durch nichts gestört werden soll, warum macht Lahm dann ohne Not diese Baustelle auf?

Das Thema hätte sich problemlos nach dem Turnier in aller Ruhe besprechen lassen können.

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Es ist nicht so, dass zwischen der Abreise von Michael Ballack und den Aussagen Philipp Lahms keinerlei Zusammenhang besteht, wie Teammanager Oliver Bierhoff glauben machen will. Nur ist dieser Zusammenhang womöglich ein anderer als angenommen.

Zunächst einmal muss man davon ausgehen, dass Lahm seine Aussagen in vollem Bewusstsein um ihre Wirkung getätigt hat.

Er hatte am Montagnachmittag einen verabredeten Interviewtermin mit den Vertretern der großen deutschen Boulevardzeitungen.

Lahm ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es kaum eine bessere Gelegenheit gibt, eine Message schnell und prominent in der Medienlandschaft zu platzieren.

Am Tag vor einem WM-Halbfinale ist die Aufmerksamkeit für jegliche Meldungen mit Nationalmannschaftsbezug zudem noch einmal größer als ohnehin schon.

Lahm wusste auch, dass ihm die Frage nach seiner Perspektive im Kapitänsamt gestellt wird. Das war bei jedem Medientermin in Südafrika so. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Deshalb war seine Antwort drauf wohl eher nicht spontan. Lahm hatte Zeit, sich eine passende Formulierung zurechtzulegen.

Es ist durchaus möglich, dass der 26-Jährige zum Zeitpunkt seiner Ausführungen in der Tat keine Ahnung hatte, dass Ballack Südafrika am Montagnachmittag verlassen wollte.

Das würde die Angelegenheit aber nur noch brisanter machen. Denn dann hätte Lahm eine offene Konfrontation mit Ballack im DFB-Quartier riskiert, sobald seine Zitate publik werden.

Er muss sich seiner Position in diesem Machtkampf also sehr sicher sein, sonst hätte er ihn nicht provoziert. Heißt: Er hat die Mannschaft hinter sich.

Ballacks Zeit als Alphatier der Nationalmannschaft ist also vorbei. Er wird nur dann wieder das DFB-Trikot überstreifen, wenn er bereit ist, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren und sich einzuordnen.

Ballacks Möglichkeiten, dagegen zu opponieren, waren nie geringer als jetzt. Denn Lahm agiert aus einer sportlich begründeten Position der Stärke, die kaum stabiler sein kann als nach den beiden vergangenen deutschen Spielen.

Deshalb ergibt seine Attacke zu diesem Zeitpunkt durchaus einen Sinn.

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