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Gerhard Poschner war als Spieler vier Jahre in Spanien aktiv © imago

Ex-Spanien-Profi Gerhard Poschner spricht im SPORT1-Interview über die Stärken und Schwächen des deutschen Halbfinalg-Gegners.

Von Matthias Becker

München - Wenn am Mittwochabend Deutschland und Spanien im WM-Halbfinale aufeinander treffen (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) besteht bei Gerhard Poschner kein innerer Konflikt.

"Die Frage stellt sich überhaupt nicht", wehrt der Ex-Profi des VfB Stuttgart die Frage ab, ob zwei Herzen in seiner Brust schlagen.

Als Spieler war Poschner bei Polideportivo Ejido und Rayo Vallecano vier Jahre lang in Spanien aktiv.

Bis Ende Mai war der 40-Jährige zudem Generaldirektor des Primera-Division-Klubs Real Saragossa.

Im Gespräch mit SPORT1 analysiert Spanien-Experte Poschner den Kader und die Stärken der "Seleccion" - und verrät, wie das DFB-Team dem Europameister richtig weh tun kann.

SPORT1: Herr Poschner, hätten Sie der deutschen Mannschaft eine solche Leistung wie gegen Argentinien zugetraut?

Gerhard Poschner: Die Leistung der Deutschen habe ich schon für möglich gehalten. Nach den starken Auftritten bisher bei der WM war das keine Überraschung mehr. Allerdings haben mich die Argentinier in dem Spiel enttäuscht. Sie sind weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Aber natürlich freut es mich, dass es so gekommen ist.259139(DIASHOW: Tops und Flops WM-Viertelfinale)

SPORT1: Vor der WM galt Spanien als der Top-Favorit auf den Titel. Ist ? nach den bisherigen Auftritten - im Halbfinale jetzt Deutschland im Vorteil? Spanien: Noch immer genial, nicht immer effizient

Poschner: Ich glaube, dass die Chancen ausgeglichen sind. Spanien ist nach wie vor einer der ganz großen Favoriten, sie stehen im Halbfinale. Wer da steht, hat berechtigten Anspruch auf den Titel. Allerdings haben die Deutschen aktuell eine Topform. Deshalb glaube ich, dass sie leichte Vorteile haben.

SPORT1: Die spanischen Spieler haben schon großen Respekt vor der deutschen Mannschaft geäußert. Schwingt da auch etwas Angst mit?

Poschner: Angst mit Sicherheit nicht. Die Spanier haben sich im mentalen Bereich extrem verbessert. Da hatten sie früher ein kleines Problem, mittlerweile haben sie zu Recht ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie spielen über Jahre hinweg einen klasse Fußball und wissen, was sie können.

SPORT1: Warum tut sich das spanische Team bei dieser WM spielerisch noch etwas schwer? Hängt das auch mit den Verletzungen zusammen, die etwa Fernando Torres oder Cesc Fabregas im Vorfeld der WM geplagt haben?

Poschner: Torres hat nicht die Form, das sieht man ja. Aber das spielt nicht wirklich eine Rolle, denn die große Stärke der Spanier ist, dass sie einen sehr ausgeglichenen Kader haben. Sie können ihre Spielweise sehr variabel auslegen, das hat man schon gesehen. Wenn es bei Torres nicht klappt kommt eben Fernando Llorente - oder man stellt David Villa in die Sturmmitte und David Silva oder Pedro auf die Außenposition. Die Spanier können sich während des Spiels gut auf die Stärken eines Gegners ein- und notfalls dann auch umstellen.

SPORT1: Wir das Spiel tatsächlich im Duell im Mittelfeld zwischen Xavi/Iniesta und Khedira/Schweinsteiger entschieden? Schweinsteiger: Weltstar wider Willen

Poschner: Das wird mit Sicherheit ein sehr wichtiger Aspekt. Die Spanier leben überwiegend von ihrem Ballbesitz und der findet nun mal hauptsächlich im Mittelfeld statt. Wenn man das umdrehen könnte und mehr Ballbesitz als die Spanier hätte, dann würden die ziemlich leiden. Sie sind sehr stark mit dem Ball und fühlen sich mit dem Ballbesitz sehr wohl - und sie fühlen sich sehr unwohl, wenn sie den Ball nicht haben.

SPORT1: Wo sehen Sie sonst noch die Schlüsselduelle dieser Partie?

Poschner: Je nachdem wo Villa spielt: Wenn man ihn ausschaltet und es schafft, dass er kein Tor macht, wäre es eine große Hilfe. Auf der rechten Seite interpretiert Sergio Ramos seinen Posten als Außenverteidiger sehr offensiv. Das könnte man sich zu Nutzen machen und über Lukas Podolski den ein oder anderen Nadelstich setzen.

SPORT1: Kann der von Ihnen schon erwähnte David Silva zur bösen Überraschung für das DFB-Team werden, falls er tatsächlich für Torres in die Startelf rückt?

Poschner: Silva ist mein Lieblingsspieler der Spanier und es tut mir ein bisschen weh, dass er so wenig spielt. Aber in dieser starken Mannschaft ist es eben schwer, einen Platz zu bekommen. Silva und auch Cesc Fabregas können unglaubliche Impulse setzen ? auch wenn sie von der Bank kommen, finden sie sofort ins Spiel. Das zeigt, dass die Spanier sehr viele Möglichkeiten haben. 258807(DIASHOW: Halbfinale! So feiert Deutschland)

SPORT1: Sehen Sie denn auch Schwachpunkte bei Spanien?

Poschner: Schwachpunkte personeller Art sehe ich nicht, auch in der Abwehr sind sie sehr stark besetzt. Der Schwachpunkt könnte es sein, ihnen den Ball wegzunehmen. Wenn man den Ball hat, können sie nichts machen, sondern müssen hinterherlaufen. Das schmeckt ihnen gar nicht, sie sind es nicht gewohnt, den Ball nicht zu haben. Normalerweise haben sie zwischen 60 und 70 Prozent Ballbesitz, daraus resultiert ihre Stärke.

SPORT1: Wie kann man David Villa in den Griff bekommen? Muss man da fast schon zur Manndeckung zurückkehren?

Poschner: Nein, von Manndeckung im modernen Fußball halte ich überhaupt nichts ? und Joachim Löw sicherlich noch viel weniger. Wenn er über die linke Seite kommt, wird er überwiegend auf Philipp Lahm treffen. Da müssen die anderen ihm helfen. Diesen Spieler komplett auszuschalten ist sehr schwer.

SPORT1: Ist das Spiel schon so etwas wie ein vorweggenommenes Endspiel?

Poschner: Die Mannschaften, die im Endspiel stehen, haben das auch verdient. Deshalb finde ich es auch etwas müßig, von einem vorweggenommenen Endspiel zu sprechen. Es hätte mir besser gefallen, wenn Deutschland gegen Spanien oder Argentinien im Endspiel gestanden hätte. Aber Deutschland gegen Holland wäre auch ein Klassiker.

SPORT1: Was glauben Sie, wie das Spiel ausgeht?

Poschner: Für Deutschland natürlich. Einen Ergebnistipp will ich keinen wagen, aber ich bin überzeugt, dass die Deutschen nicht einmal die Verlängerung brauchen werden.

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