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Joachim Löw (l.) zeichnet sich seit 1. August 2006 für die Nationalmannschaft verantwortlich © imago

Im Streit zwischen mit Bundestrainer Löw drohen Kapitän Michael Ballack nun bei einem "Krisen-Gipfel" ernsthafte Konsequenzen.

Von Martin Volkmar

München - Nach der öffentlichen Kritik von Michael Ballack an seiner Personalpolitik hat Joachim Löw ein Machtwort gesprochen.

Der Bundestrainer kündigte am Mittwochnachmittag einen raschen Krisen-Gipfel mit seinem Kapitän an, der über die weitere Zukunft entscheiden soll.

"Ich werde mit Michael Ballack telefonieren und ihn zu einem Gespräch in Deutschland auffordern, um ihm zu sagen, dass ich von dem Weg, den er gewählt hat, maßlos enttäuscht bin und die inhaltlichen Aussagen von ihm nicht akzeptabel sind", erklärte Löw.

"Ich lasse mir das nicht gefallen und werde auf diese Unterredung bestehen. Alles Weitere wird man dann sehen, meine Entscheidung hängt dann auch vom Verlauf dieses Gesprächs ab."

Auch Rauswurf scheint möglich

Und weiter: "Wir haben Michael Ballack in der Vergangenheit des Öfteren dazu aufgefordert, als Kapitän die Dinge anzusprechen, die er kritisch oder anders sieht. Dass er nun den Weg über die Medien mit seiner Kritik an unserer Arbeit gewählt hat, ist schlichtweg falsch und nicht nachzuvollziehen."

Auch ein Rauswurf des 89-maligen Nationalspielers scheint also möglich zu sein, sofern Ballack bei seinen harten Vorwürfen bleibt.

Der Chelsea-Star hatte Löw zuvor in einem Interview unter anderem fehlenden Respekt und mangelnde Offenheit vorgeworfen.

Rückendeckung von Zwanziger

Volle Rückendeckung erhielt der Bundestrainer von der Verbandsspitze.

"Ich bin enttäuscht über den Stil von Michael Ballack. Dadurch ist eine schwierige und komplizierte Situation entstanden", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger nach einer Telefon-Konferenz mit Löw und Teammanager Oliver Bierhoff.

"Die Entwicklung unserer Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren ist absolut positiv, deshalb habe ich kein Verständnis dafür, dass aus dem Team heraus über die Medien gezielt Kritik an Joachim Löw geübt wird", ergänzte er.

"Solche Kommentare sind absolut unangebracht. Im Interesse des Erfolges der Mannschaft hat die Autorität des Bundestrainers die höchste Priorität."

Beckenbauer: "Mimosenhaufen"

Auch der frühere Teamchef Franz Beckenbauer und Ex-Weltmeister Olaf Thon äußerten ihr Unverständnis. "Das ist ein Mimosenhaufen geworden, das ist schier unglaublich", sagte Beckenbauer "Premiere".

"Die sollen ihren Mund halten und Fußball spielen. In solchen Situationen muss man das Gespräch mit dem Trainer, und nicht mit dem Journalisten suchen."

Der explizit von Ballack wegen seiner Kritik attackierte Thon ("eine Frechheit") sagte Sport1.de auf die Frage, ob durch Löws Autorität in Frage gestellt werde: "Wenn sich zu viele melden und Theater machen, ist das sicher nicht gut."

Schnelle Reaktion nötig

Löw selber sieht seine Autorität nicht geschwächt. Allerdings muss er nun schnell reagieren, um glaubwürdig zu bleiben.

Doch eine Degradierung oder Bestrafung Ballacks - etwa die Abnahme der Kapitänsbinde - würde wohl weiteres Öl ins Feuer gießen. Gleichzeitig kommt Löw um eine Sanktion kaum herum, da öffentliche Kritik eindeutig auf dem Index steht und bisher bei allen anderen Vorfällen Konsequenzen nach sich zog.

"Jeder Spieler kennt bei uns die Regeln, was öffentliche Kritik angeht. Und Personaldiskussionen sind dem Trainer vorbehalten", sagte Löw der "Bild". "Ich lasse mir grundsätzlich nicht reinreden."

Über die Gründe für Ballacks Attacken, die sicher nicht unüberlegt erfolgten, habe er "keine Vorstellung", meinte Löw weiter.

"Mangelnden Respekt lassen wir uns niemals vorwerfen"

Am Donnerstag ging der 48-Jährige näher auf die Vorwürfe ein. "Mangelnden Respekt lassen wir uns als Trainerteam niemals vorwerfen", erklärte er.

"Offenbar hat sich in unseren Reihen so eine Stimmung breit gemacht, dass man Respekt automatisch mit einer Stammplatzgarantie verbindet. Es hat kein Spieler, auch nicht der Kapitän, das Recht, in Sachen Aufstellung oder Personalpolitik den Trainer zu kritisieren oder sogar öffentlich Stimmung gegen das Trainerteam zu machen."

Ballack hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor allem fehlende Rückendeckung und die Verbannung von Routinier Torsten Frings in beiden Spielen auf die Ersatzbank moniert, die zu dessen Äußerungen über einen Rücktritt geführt hatten.

"Torsten hat die Zeichen der Zeit erkannt"

"Schlimm genug, dass es so weit gekommen ist. Torsten hat die Zeichen der Zeit erkannt. Er ist ein erfahrener Spieler und spürt genau, was um ihn herum geschieht. Ich fände schade, wenn Torsten zurücktritt, weil er glaubt, nicht mehr gebraucht zu werden", so Ballack.

Er wehre sich keineswegs gegen den von Löw nach der EM neu ausgerufenen Konkurrenzkampf, auch habe keiner der etablierten Akteure einen Stammplatz gefordert. Gleichzeitig verwies er aber auf deren Verdienste und kritisierte öffentliche Attacken auf ihn, Frings oder auch Miroslav Klose.

Sorgen um die Erfolgsaussichten bei der WM

Hintergrund von Ballacks Rundumschlag könnte neben der Positionierung als unumstrittener Leader die Sorge sein, dass mit einem Infragestellen der bisherigen Führungsspieler die gesamte Struktur der DFB-Auswahl auseinanderbrechen und damit auch eine erfolgreiche WM 2010 in Frage gestellt werden könnte.

"Das Team hat eine Reife, vor allem auch deswegen, weil eine gute, intakte Hierarchie vorhanden war. Ich war bei der EM 2000 als junger Spieler dabei und konnte beobachten, wie eine Mannschaft mit guten Fußballern nicht funktionierte, weil die Hierarchie nicht stimmte", sagte der 32-Jährige.

"Man sollte vorsichtig sein, Spieler in eine Position zu drängen. Ich will mit dieser Mannschaft Weltmeister werden. Und das ist möglich."

Ob er allerdings diese Chance überhaupt bekommt, wird nun von Ballack selber abhängen.

Hat Ballack mit seiner Verbalattacke Recht? Jetzt mitdiskutieren!

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