vergrößernverkleinern
2006 scheiterte das DFB-Team im Halbfinale an Italien, diesmal war Spanien zu stark © getty

Das deutsche Nationalteam wird bei ihrer Halbfinal-Niederlage vom spanischen Kombinationsspiel zermürbt. Die SPORT1-Analyse.

Aus Südafrika berichtetMartin van de Flierdt

Durban/Centurion ? Vicente del Bosque ist ein kluger Mann.

Anders als Fabio Capello und Diego Maradona in den vorherigen K.o.-Runden vertraute der spanische Nationaltrainer beim 1:0-Halbfinal-Coup gegen Deutschland nicht allein darauf, dass sich die Klasse seiner Mannschaft im Halbfinale ohnehin durchsetzen würde.

Del Bosque orientierte die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft auch an den Stärken und Schwächen der DFB-Elf.

Weil die deutsche Auswahl gegen Australien, England und Argentinien auftrumpfte, die allesamt im 4-4-2 ihr Glück versuchten, setzte er Angreifer Fernando Torres auf die Bank und bot stattdessen Flügeldribbler Pedro auf.

Probleme schon mit Serbien und Ghana

Mit Gegnern, die ihr 4-2-3-1 spiegeln, hatte die deutsche Auswahl schon in der Vorrunde ihre Mühe - man denke an die Partien gegen Serbien und Ghana.

Dazu gesellte sich bei den Spaniern eine derartige spielerische Klasse, dass die deutsche Mannschaft trotz des knappen Resultats von 0:1 kaum Land sah. 260484(DIASHOW: Bilder des Spiels)

SPORT1 analysiert das Semifinale:

Spaniens Kombinationen nicht zu stoppen

Die Spanier hatten schon in den vorherigen Partien mit Xabi Alonso, Sergio Busquets, Xavi und Andres Iniesta ein Mittelfeld mit einer im Weltfußball unerreichten Ballsicherheit aufgeboten.

Nun kam noch Pedro dazu, ein technisch äußerst beschlagener, wendiger und torgefährlicher Spieler, der im Wechsel mit Iniesta die Flügel bearbeitete.

Die Spanier schufen so im Spielaufbau ständig Überzahlsituationen und bauten immer neue Dreiecke für ihr Passspiel auf.

"Wir wollten kompakt stehen, die Passwege zumachen und die Spanier zu Fehlern zwingen", sagte Joachim Löws Assistenztrainer Hansi Flick. "Aber wenn eine Mannschaft so ein Kombinationsspiel aufzieht, kommst du nicht so an den Mann, wie du das wolltest."

[image id="8c35ce64-65ba-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Die deutsche Mannschaft lief also Ball, Gegner und damit der Musik hinterher. "Wir kamen nicht zu den nötigen Ballgewinnen und haben viel Kraft gebraucht", räumt Löw ein.

Schaffte es die deutsche Defensive einmal, den Außenbahnspieler zu doppeln und die Anspielstation in dessen Nähe zuzustellen, erfolgte der präzise Seitenwechsel - oft durch Xabi Alonso. Und die Deutschen mussten bei der Abwehrarbeit wieder von Neuem anfangen.

Keine Pausen für DFB-Spieler

Jeder, der selbst Fußball gespielt hat, weiß, dass die beste Möglichkeit, sich von der Defensivarbeit zu erholen und durchzuschnaufen, der kontrollierte eigene Ballbesitz ist.

Den gab es für die deutsche Mannschaft gegen die Spanier so gut wie gar nicht. Sie hatte keine Pausen, um sich zu sortieren und einen geordneten Spielaufbau voranzutreiben.

Deutschland stand bei eigenem Ballbesitz stets unter Druck, das Passspiel wurde in Bedrängnis ungenau - und schon war der Ball wieder beim Gegner.

Und wieder gingen Körner für die Abwehrarbeit drauf, die den deutschen Spielern für die Laufwege im Spiel nach vorne fehlten.

Dass der Gegentreffer von Carles Puyol in der 73. Minute nach einer Standardsituation fiel, war zwar ärgerlich.

Doch wenn man so lange mental und physisch unter Hochspannung steht, ist es menschlich, dass irgendwann einmal ein kurzer Moment der Konzentrationsschwäche auftritt.

Lahm aus dem Spiel

"Wir wollten die Deutschen auf ihrer rechten Abwehrseite unter Druck setzen und so die gefährlichen Vorstöße von Philipp Lahm verhindern", verriet del Bosque hinterher seine Marschroute.

Pedro oder Iniesta griffen Lahm daher schon weit in der deutschen Hälfte an. Der Kapitän hätte Unterstützung gebraucht. "Thomas Müller hätte uns sehr gut getan", urteilte Löw.

Denn der Münchner hätte mit seinem Antritt immer wieder Lücken reißen können, die Lahm entweder die Chance zum Anspiel oder den Raum zum Flügellauf gegeben hätten.

Piotr Trochowski bot sich zumeist zum kurzen Anspiel an und gab den Ball gleich wieder zurück, weil er Joan Capdevila im Nacken hatte.

Lahm war damit in der gleichen Bredouille wie zuvor, der rechte deutsche Flügel aus dem Spiel.

Daran änderte sich erst mit der Einwechslung von Toni Kroos etwas, die man hätte vorziehen sollen.

Linke Seite überfordert

Auf der linken Seite machte der andere spanische Außenbahnspieler Jerome Boateng das Leben schwer.

Der künftige England-Legionär bekam besonders von Pedro Knoten in die Beine gespielt, seine Abspiele waren von zunehmender Nervosität geprägt.

Da Lukas Podolski mit Spaniens druckvollem Rechtsverteidiger Sergio Ramos selbst genug zu kämpfen hatte, war an die angedachten Tempogegenstöße über links nicht zu denken.

Druck im Spiel nach vorne kam erst mit Marcell Jansen. Auch bei ihm stellt sich die Frage, ob man ihn nicht früher hätte bringen können.

Schweinsteiger ohne Unterstützung

Deutschland spielte bis dato ohne Flügel, es musste durch die Mitte gehen. Dort war Bastian Schweinsteiger sehr engagiert. Doch er alleine konnte es nicht richten.

Mesut Özil wurde von Busquets und Alonso komplett zugedeckt, Sami Khedira von Xavi zum ständigen Hinterherlaufen genötigt.

Das Mittelfeld war derart gut zugestellt, dass sich zeitweise gar Arne Friedrich genötigt sah, mit einem Solo eine neue Spielsituation herbeizuführen, um eine Anspielstation zu schaffen.

Das hatte allerdings die Folge, dass er sich festlief und die Spanier zum Konter einlud. Angesichts der Nöte im Mittelfeld blieb Miroslav Klose vorne ohne brauchbare Zuspiele.

Mit den langen Bällen, die in der Not auf ihn gespielt wurden, konnte er gegen die robusten Puyol oder Gerard Pique wenig ausrichten.

Mario Gomez als zusätzliche Spitze für die Schlussphase zu bringen, war zwar eine nachvollziehbare Entscheidung Löws.

Sie änderte aber nichts daran, dass der Bundestrainer während des Spielverlaufs wie seine Mannschaft kein Mittel fand, um das Unheil noch abzuwenden.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel