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Joachim Löw hat seit 2006 bei der Nationalelf das Sagen © getty

Das Länderspiel in Dänemark ist ein Muster ohne Wert. Stattdessen bleibt der Machtkampf um die Kapitänsbinde das Thema.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Kopenhagen - In Kopenhagen scheint die Sonne, doch über dem ersten Länderspiel der deutschen Mannschaft nach der WM liegt ein Schatten.

Denn statt des Testspiels gegen Dänemark (Mi., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER), das durch die zahlreichen Absagen sportlich entwertet ist, bestimmt ein anderes Thema die Schlagzeilen:

Der weiterhin schwelende Machtkampf um die Kapitänsbinde zwischen WM-Spielführer Philipp Lahm und "Platzhirsch" Michael Ballack.

Und der Bundestrainer tut nichts, um die Situation zu entschärfen. Auch bei seiner einzigen Pressekonferenz vor dem Länderspiel am Dienstag vermied Joachim Löw ein klares Bekenntnis.

"Mehr Thema für die Medien als für mich"

"Grundsätzlich ist das mehr ein Thema für die Öffentlichkeit und die Medien als aktuell für mich", sagte er am Dienstag vor dem Abflug der DFB-Auswahl aus Frankfurt.

"Wenn es denn aktuell wird, wird diese Frage vor den nächsten Länderspielen im September dann auch beantwortet sein. Ich möchte mit beiden in Ruhe sprechen und ihnen meine Überlegungen und meine Entscheidung bekannt geben."

Mit jedem Tag allerdings, in dem die Frage offen bleibt, wuchern die Spekulationen ins Kraut. Beinahe täglich melden sich Mitspieler und Experten zu Wort.

Matthäus contra Ballack

"Philipp Lahm hat einen tollen Job bei der Weltmeisterschaft gemacht, hat die Mannschaft auch hinter sich stehen, sagte Lothar Matthäus, Kapitän beim letzten WM-Sieg 1990, im Interview mit SPORT1.

"Bei Michael Ballack sehe ich das nicht so, dass jeder zu ihm steht."

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Was sich beweisen lässt: Bayern-Shootingstars Thomas Müller sprach sich kürzlich klar für seinen Teamkollegen Lahm aus.

Auch Khedira muckt auf

Zuvor hatte schon Sami Khedira deutlich gemacht, dass er sich nach der WM im Kampf um einen Stammplatz in der DFB-Auswahl im Vorteil sieht.

Aufhorchen ließ er vor allem seine von vielen als abwertend beurteilte Aussage, der 98-malige Nationalspieler Ballack habe "sicherlich eine gewisse Klasse".

Das passt zu den Eindrücken in Südafrika, als der zur Unterstützung angereiste Anführer keinen Zugang zur Mannschaft fand, isoliert wirkte und das Teamquartier viel früher als geplant beinahe fluchtartig verließ.

Am selben Tag unmittelbar vor dem Halbfinale gegen Spanien hatte Lahm bereits sein brisantes Interview gegeben, in dem er Ballack offen herausforderte: "Freiwillig gebe ich die Binde nicht mehr ab."

Lahm bekräftigt Ansprüche

Dies bekräftigte der 26-Jährige nun. "Ich habe gesagt, dass ich gerne weiter Kapitän bleiben will, weil mir das Amt sehr viel Spaß macht. Daran hat sich nichts geändert", sagte Lahm SPORT1.

Er kann sich dabei der grundsätzlichen Rückendeckung von Löw sicher sein. Schon während der WM hatte der Bundestrainer Lahms Kampfansage in Richtung Ballack mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit durchgehen lassen.

"Ich war über dieses Zitat und dieses Interview informiert", erklärte Löw nun.

"Er hat gesagt, es ist selbstverständlich für ihn, dass er dieses Amt als Kapitän gerne macht, dass er diese Verantwortung übernehmen möchte, dass aber der Trainer entscheidet."

Meinungsumschwung auch bei Löw

Doch danach hatte Löw auch einen Meinungsumschwung angedeutet. Denn unmittelbar nach Ballacks schwerer Fußverletzung hatte er im WM-Trainingslager noch erklärt:

"Lahm ist mein WM-Kapitän, Ballack der Kapitän."

Unter dem Eindruck der erfolgreichen WM ohne den 33-Jährigen, dessen Karriere sich ohnehin langsam dem Ende zuneigt, erklärt der DFB-Chefcoach seitdem, dass die Entscheidung völlig offen sei und bis September geklärt werden.

Daher vermuten einige Bebachter, dass sich Löw bereits gegen Ballack entschieden hat. Sollte er ihm die Kapitänsbinde entziehen, wäre aber auch ein Rücktritt aus der Nationalmannschaft alles andere als unwahrscheinlich.

Fürsprecher verweisen auf Ballacks Routine

Im Kern steckt dahinter die Frage, ob das DFB-Team den "Oldie" von Bayer Leverkusen überhaupt noch braucht.

Seine Fürsprecher verweisen darauf, dass die junge Elf auf seine große internationale Erfahrung bis zur EM 2012 noch nicht verzichten kann.

"Ich gehe fest davon aus, dass Michael Ballack, der bei der WM nur wegen einer Verletzung fehlte, weiter Kapitän bleibt", wiederholt sein größter Fürsprecher Rudi Völler seit Wochen unermüdlich.

Genauso sieht es natürlich Ballack selber. "Ich gehe davon aus, dass ich Kapitän bleibe. Ich habe auch nichts anderes gehört", sagte er im Audi Star Talk (Dienstag, 23 Uhr im TV bei SPORT1).

Er schränkte jedoch ein: "Letztlich entscheidet das der Bundestrainer."

Genau das macht Löw im Moment aber nicht - und so lange wird der Machtkampf weitergehen.

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