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Tim Wiese absolvierte in Kopenhagen sein drittes Länderspiel unter Joachim Löw © getty

Trotz seines Fehlers beim Ausgleich der Dänen sieht der Bundestrainer Tim Wiese wieder gleichauf mit WM-Keeper Manuel Neuer.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Kopenhagen - Als Manuel Neuer nach dem Spiel als Erster zum Mannschaftsbus ging, interessierte sich niemand der wartenden Journalisten für den Schalker.

Kein Wunder, schließlich hatte der WM-Torhüter als einziger der 16 DFB-Kicker beim letztlich unbedeutenden 2:2 des deutschen Rumpf-Teams gegen Dänemark nicht gespielt.

Bei Tim Wiese war das anders. Der WM-Reservist zeigte bei seinem ersten Länderspiel über die komplette Spielzeit bis zur 88. Minute eine herausragende Leistung.

Mit zahlreichen Glanzparaden machte der Bremer eindrucksvoll Werbung in eigener Sache, doch dann patzte er zwei Minuten vor Schluss beim Herauslaufen und ermöglichte Mats Junker dadurch das von den Zuschauern in Kopenhagen umjubelte 2:2.

"Ein blödes Ding"

"Ich war mir unsicher, ob ich den Ball noch mit der Hand nehmen darf. Ich dachte, ich bin schon raus aus dem 16er", sagte Wiese, der den Ball mit der Brust zu kurz abwehrte.

"Ein blödes Ding. Ein Torwart darf eben keinen Fehler machen. Wenn er einen macht, ist es ein Tor", wiederholte der Keeper eine alte Fußballweisheit. 273479(DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

Deshalb wusste der 28-Jährige, dass er keine Ansprüche stellen kann. "Ich kann nicht mehr machen, als meine Leistung zu zeigen", meinte Wiese. "Der Trainer muss beantworten, ob ich eine realistische Chance auf die Nummer 1 habe."

Damit hätte die Torwart-Frage vorerst zu den Akten gelegt werden können, denn schon vor der Partie hatte niemand an Neuers durch die WM-Leistungen erworbenen Statuts gezweifelt.

Entscheidung erst nächsten Monat

Doch wenige Minuten später überraschte Joachim Löw, als er bei der eher routinemäßig gestellten Frage ein neues Fass aufmachte:

Nach der Kapitäns-Frage ist auch die Torwart-Frage wieder völlig offen!

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"Ich bin absolut zufrieden mit Tims Leistung. In welcher Konstellation wir in die EM-Qualifikation gehen, werde ich vor den beiden Spielen gegen Belgien und Aserbaidschan entscheiden", erklärte der Bundestrainer.273481(Die DFB-Elf in der Einzelkritik)

"Liga-Leistungen müssen stimmen"

"Dann werde ich klar sagen, wer in der Qualifikation die Nummer 1 ist. Alle müssen sich wieder bewähren. Die Leistungen in der Liga müssen stimmen."

Man hätte gerne gehört, wie Neuer auf den so rasant aufgebrauchten WM-Bonus reagiert hätte, doch der Schalker saß da schon lange im Bus.

Man kann sich aber sicher sein, dass ihn die neu entfachte Diskussion nicht erfreuen wird.

Nach Kapitänsfrage droht der nächste Machtkampf

Löw wiederum öffnet damit offenbar bewusst die nächste Baustelle. In den kommenden Wochen wird also nicht nur die Kapitäns-Frage Ballack oder Lahm, sondern auch die nach Neuer oder Wiese ? oder Rene Adler ? die Schlagzeilen bestimmen.

Möglicherweise steckt beim lange Zeit als harmoniesüchtig geltenden Löw Prinzip dahinter, seine Spieler mit dem offen ausgerufenen Konkurrenzkampf zu besseren Leistungen zu animieren. Der Erfolg gibt ihm bisher Recht.

Allerdings nimmt der DFB-Chefcoach dadurch auch billigend die öffentliche Demontage von Führungsspielern in Kauf. Das zeigt sich deutlich im Fall Ballack.

Ballack-Rücktritt nicht unwahrscheinlich

Sollte der 98-malige Nationalspieler nach dem seit Wochen dauernden Machtkampf tatsächlich degradiert werden, rechnen fast alle Beobachter mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Entsprechend genervt reagieren die Verantwortlichen seines neuen Klubs Bayer Leverkusen auf die anhaltende Debatte.

Der Bundestrainer wird die Reaktionen ebenso zur Kenntnis nehmen wie die aus Schalke zu erwartenden Unmutsbekundungen über Neuers Zurückstufung. Dennoch wird er bei seiner Marschroute bleiben.

Verdacht auf Muskelfaserriss bei Hitzlsperger

Deshalb wertete er auch den Auftritt seiner stark umgebauten Mannschaft in Dänemark äußerst positiv, weil er auch auf allen anderen Positionen wieder die Rivalität schüren will:

"Ich konnte wichtige Erkenntnisse mitnehmen. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Da kann keiner sagen, ich habe eine gute WM gespielt und bin nun für alle Zeiten gesetzt."

Nur für Interims-Kapitän Thomas Hitzlsperger nahm das Testspiel kein gutes Ende. In der 66. Minute musste der Profi von West Ham United mit Verdacht auf Muskelfaserriss ausgewechselt werden.

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