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Michael Ballack (l.) absolvierte bislang 98 Länderspiele im deutschen A-Team © imago

Löws Entscheidung in der K-Frage pro Ballack ist ein fauler Kompromiss: Und im Moment sei der "Capitano" keine Verstärkung.

Frankfurt - 57 Tage nach der Kampfansage von Philipp Lahm an Platzhirsch Michael Ballack hat Joachim Löw den Machtkampf um das Kapitänsamt in der deutschen Nationalmannschaft zumindest offiziell beendet.

Die Klarheit vor dem Start in die EM-Qualifikation gleicht aber eher einem faulen Kompromiss, anstatt Klarheit zu bringen: "Michael Ballack bleibt weiter Kapitän unserer Mannschaft, Philipp Lahm der Stellvertreter", sagte der Bundestrainer.

Dann fügte der Bundestrainer aber vielsagend hinzu: "Ich sehe Michael im Moment aber noch nicht in der Verfassung, dass er uns weiterhelfen kann, deshalb trägt Philipp bei den nächsten beiden Spielen die Binde."

Immerhin T-Frage tatsächlich vom Tisch

Gleichzeitig verkündete Löw, dass auf dem Weg zur EURO 2012 in Polen und der Ukraine Torwart Manuel Neuer die Nummer eins ist. (DATENCENTER: EM-Qualifikation)

Der Leverkusener Rene Adler und der Bremer Tim Wiese sind gleichberechtigte Stellvertreter des Schalkers, der in Abwesenheit des verletzten Adler bei der WM in Südafrika seine Chance genutzt hat.

Die T-Frage wurde allerdings von der K-Frage völlig in den Hintergrund gedrängt, nachdem die von Lahm während der WM angezettelte Palastrevolution wochenlang für Diskussionsstoff gesorgt hatte.

Löw rechtfertigt Bedenkzeit

Nachdem Ballack aufgrund mangelnder Fitness von Löw nicht für die anstehenden EM-Qualifikationsspiele am Freitag in Belgien und vier Tage später in Köln gegen Aserbaidschan (beide ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) nominiert worden war, hatte zunächst alles für den WM-Spielführer gesprochen.

Ehe der Bundestrainer eine Kehrtwende vollzog: "Ich musste nach der WM erstmal zur Ruhe kommen, um mir dann meine Gedanken zu machen."

Mir war immer klar, dass Anfang September einige Dinge entschieden werden müssen, damit wir uns wieder auf das Sportliche konzentrieren können. Zuvor wollte ich aber mit den Beteiligten persönlich sprechen, erklärte Löw, warum er nicht schon früher ein Machtwort gesprochen hat.

Keine "Machtdemonstrationen"

Zudem betonte der 50-Jährige, dass es nicht um "Machtdemonstrationen" oder sogar um eine "Demontage" von Ballack ginge.

Mit Ballack hat er zu Wochenbeginn knapp zwei Stunden zusammengesessen und ihm persönlich mitgeteilt, was er in den kommenden Wochen von seinem Kapitän außer Dienst erwartet.

"Ich habe mit ihm offen und vertrauensvoll gesprochen. Michael hat große Verdienste um die Nationalmannschaft, aber er war drei Monate verletzt und muss erst wieder seine Form finden", berichtete der Bundestrainer vor der Unterredung mit dem 98-maligen Nationalspieler.

Neu entscheiden im Oktober

Und weiter: "Er hat eingesehen, dass er noch nicht wieder die Leistung bringt, die wir von ihm gewohnt sind. Ich habe ihm in aller Offenheit gesagt, was ich von ihm erwarte und was ich von ihm sehen will. Im Oktober werde ich dann neu entscheiden, ob er uns weiterhelfen kann."

Der frühere DFB-Kapitän Oliver Kahn hält Löws Entscheidung zumindest für fragwürdig.

"Ballack muss für sich entscheiden, ob er sich in so eine Situation begeben möchte. Ich bin kein Freund solcher Teillösungen. Das führt meistens zu weiterer Unruhe und ständigen Diskussionen", sagte der frühere Torwart der "Abendzeitung".

Kahn kritisiert Entscheidung

Der ehemalige Nationalkeeper riet Ballack, sich sehr gut zu überlegen, "ob er sich diesen Stress noch antut".

Kahn sprach sich für einen "klaren und eindeutigen Kapitän" aus: "Ein Trainer muss im Idealfall sagen: "Ich stehe zu 100 Prozent zu meinem Kapitän, das ist mein erster Ansprechpartner."

Ballack könne der jungen Mannschaft mit seinem Potenzial und seinen Leaderqualitäten noch helfen, allerdings müsse er die totale Unterstützung des Trainerstabes und der Mannschaft haben.

Ballack-Comeback fraglich

Dass Ballack im kommenden Monat für die beiden Quali-Spiele gegen die Türkei und in Kasachstan sein Comeback in der DFB-Auswahl feiert, scheint aber mehr als fraglich.

Bei seinen bisherigen Einsätzen für Bayer Leverkusen konnte der ehemalige Chelsea-Star noch nicht positiv in Erscheinung treten.

"Ich habe zweimal mit Jupp Heynckes telefoniert und mich mit ihm über Michaels Verfassung unterhalten. Das waren konstruktive Gespräche", berichtete der Bundestrainer.

Schweinsteiger und Khedira gesetzt

Löw machte zudem deutlich, dass es der "Capitano" auch aus sportlichen Gründen schwer habe, wieder in die Stammformation beim WM-Dritten zu kommen.

"Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira haben bei der WM meine Erwartungen voll erfüllt und sind zunächst mal auf dieser Sechser-Position gesetzt", sagte Löw, der Ballack nicht mehr als ein Hintertürchen aufhielt:

"Ein Michael Ballack in Topform ist für unsere Mannschaft eine Verstärkung. Zudem brauchen wir bei dem Qualifikations-Marathon mehr Spieler als bei einem Turnier."

Setzt sich Ballack auf die Bank?

Ob sich Ballack im Fall der Fälle auch auf die Bank setzen würde, könne er derzeit nicht beantworten, so Löw.

Lahm habe die Entscheidung ebenso wie die Mannschaft akzeptiert, versicherte der Bundestrainer, der auf die Äußerungen seiner Profis im Rahmen der K-Debatte nicht viel gegeben hat.

"Die Bedingungen stelle ich, die Spieler können lediglich Wünsche äußern", stellte Löw klar.

Ballack wollte sich Mittwoch ebensowenig äußern wie Lahm, der sich aber klar im Vorteil sehen kann.

Dasselbe gilt in der Torhüterfrage für Neuer. "Er hat bei der WM seine Chance genutzt und ist deshalb in der EM-Qualifikation unsere Nummer eins", sagte Löw, der am Mittwoch wieder auf Stefan Kießling (Rückenprobleme) zurückgreifen konnte.

Die voraussichtliche deutsche Aufstellung:

Neuer - Lahm, Mertesacker, Westermann, Jansen - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil, Podolski - Klose

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