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Nuri Sahin (r.) absolvierte bislang 20 Länderspiele für die Türkei © getty

Mit viel Aufwand versucht der türkische Verband in Deutschland geborene Talente zu binden. Scouting-Boss Keser erklärt die Praxis.

Von Matthias Becker

München - Für Nuri Sahin schließt sich der Kreis.

Auf den Tag genau fünf Jahre ist es am Freitag her, dass Sahin als 17-Jähriger sein Debüt in der türkischen Nationalmannschaft gab.

Ausgerechnet gegen Deutschland lief Sahin erstmals mit der türkischen Flagge auf der Brust auf - und erzielte beim 2:1 im Freundschaftsspiel gegen die DFB-Elf den Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0.

Bis heute ist dieses Tor für den in Lüdenscheid geborenen Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund das einzige im türkischen Dress geblieben.

Für den türkischen Verband markiert es aber einen großen Erfolg, steht es doch als Beispiel dafür, dass sich ein hochtalentierter und in Deutschland geborener und ausgebildeter Jungprofi für das Land seiner Eltern entschieden hat.

Özil: Türkei "nie ein Thema"

Das ist bei weitem nicht selbstverständlich ist, wie Mesut Özil zeigt. Der frühere Schalker und Bremer brillierte nicht nur in den deutschen Jugendteams, sondern entschied sich auch für die deutsche A-Mannschaft. Mit seinen starken WM-Auftritten empfahl er sich für einen Wechsel zu Real Madrid.

"Ich bin in der dritten Generation hier geboren und hier aufgewachsen. Ich bin stolz, dass ich für Deutschland spielen darf", erklärt Özil im Vorfeld der Partie gegen die Türken (Fr., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER).

Für den EM-Dritten zu spielen sei "nie ein Thema" gewesen, versichert Özil.

Ex-Bundesligaprofi als Türöffner

Entscheidungen wie die von Özil bedeuten für Erdal Keser eine Niederlage. Nach einer längeren Unterbrechung leitet der frühere Bundesligaprofi von Borussia Dortmund seit einem Jahr wieder das Europa-Büro des türkischen Verbands.

Mit seinem 25-köpfigen Scouting-Stab beobachtet er pro Monat auf dem ganzen Kontinent etwa 100 Spiele, in erster Linie im Jugendbereich. Das Ziel: junge, türkischstämmige Talente davon zu überzeugen, sich für das Heimatland ihrer Eltern zu entscheiden.

"Wenn ein Junge für sein Vaterland spielen möchte, dann versuchen wir ihm die Tür zu öffnen und das zu ermöglichen", erklärt Keser im Gespräch mit SPORT1 seine Arbeit. Druck werde allerdings keiner ausgeübt, versichert der frühere Nationalspieler:

[kaltura id="0_2bn1oaet" class="full_size" title="Nuri Sahin im Interview"]

"Die Entscheidung soll bei den Spielern liegen. Wenn man sie gefragt hat, ist die freie Entscheidung der Spieler und ihrer Familien."

Entscheidung mit dem ersten Pflichtspiel

Sieben türkischstämmige Spieler stehen derzeit beispielsweise im Kader der deutschen U-17-Nationalmannschaft, in allen Auswahlteams des DFB sind es insgesamt 18. Bis zum ersten Pflichtspieleinsatz für das A-Team können Akteuere mit doppelter Staatsbürgerschaft sich noch umentscheiden, für welches Land sie spielen wollen.

"Es ist unser grundsätzliche Bestrebung, auch Spieler mit Migrationshintergrund in unser Talentförderprogramm zu integrieren", sagt DFB-Sportdirektor Matthias Sammer dem "kicker".

Wenn die endgültige Entscheidung getroffen werden muss, siegt dann aber häufig die Familientradition. Seitdem sich Mustafa Dogan als erster Profi mit türkischen Wurzeln für das DFB-Team aufgelaufen ist, folgten mit Malik Fathi, Serdar Tasci und eben Özil nur drei weitere.

"Der DFB sucht andere Spielertypen als wir"

Einen verbitterten Kampf um die Talente liefere man sich aber keinesfalls, versichert Keser gegenüber SPORT1:

"Der DFB sucht ganz andere Spielertypen als wir. Wir haben Spielertypen nötig, die aus der Spieldisziplin, der Athletik und dem körperbewussten Spiel kommen. Die gibt es in Deutschland en masse. Der DFB braucht die Mittelfeldspieler, die auch mal den tödlichen Pass spielen können, die Regisseure. Davon haben wir wiederum genug."

Darum sei für ihn der "Verlust" von Özil noch gut zu verkraften. Im Fokus stehen dagegen Spieler wie Freiburgs Ömer Toprak ("Wenn wir ihn nominieren würden, würde er keine Sekunde überlegen und sich für die Türkei entscheiden") - oder der 16 Jahre alte Emre Can aus der Jugendabteilung des FC Bayern München.

"Den möchten wir sehr gerne überzeugen, dass er bei uns sehr gut aufgestellt wäre. Er spielt diese Position, wo wir gute Leute benötigen. Er überlegt sich das noch - und wir lassen ihm Zeit."

Altintop kritisiert Özil

Die jüngste Generation wägt mittlerweile nüchterner ab, was nicht allen erfahreneren Profis gefällt.

"Ich weiß, dass es heute einfach um die Perspektive geht, um die Frage: Bei welchem Verband kann ich mehr erreichen, wo kann ich mich besser entwickeln? Fußball ist manchmal eine Herzensangelegenheit, aber viel öfter ein Business", kritisiert Hamit Altintop im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Profis wie Özil und ihre Entscheidungungen für den DFB könne er zwar respektieren, sagt Altintop, "aber unterstützen kann ich ihn nicht". Hätte Özil sich für die Türkei entschieden, "hätte er keine WM gespielt und wäre nicht bei Real Madrid. So einfach ist das."

"In Zukunft bei allen Turnieren dabei sein"

Das Altintops Vorwurf nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt ein Blick auf die heute umworbenen Talente. "Die Perspektive muss stimmen", sagt etwa U-21-Nationalspieler Mehmet Ekici dem "kicker".

Für Erdal Keser ist die Entwicklung aber kein Drama, sondern ein Ansporn für das türkische Team. "Unser Ziel ist es, in Zukunft bei allen Turnieren dabei zu sein, nicht nur vereinzelt. Dann wird es auch kein Unding mehr, dass ein Spieler mit türkischer Flagge auf der Brust bei sehr guten Vereinen unterkommt", sagt er.

So wie Özil. Oder eben wie Nuri Sahin. Der wirkt als 22-Jähriger fast schon wie ein alter Hase und räumt als überragender Mittelfeldspieler mit Borussia Dortmund gerade in der Bundesliga auf - und vielleicht am Freitag ja schon wieder gegen Deutschland.

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