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Joachim Löw wurde mit der DFB-Elf 2008 Vize-Europameister © imago

Vor dem EM-Quali-Spiel gegen die Türkei spricht Joachim Löw bei SPORT1 unter anderem über seine Pläne mit dem verletzten Kapitän.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Berlin - Fußball-Deutschland atmete tief durch.

Um etwas Bedenkzeit hatte Joachim Löw nach der erfolgreichen, aber kräftezehrenden Weltmeisterschaft gebeten. Doch der Bundestrainer blieb dem DFB treu und verlängerte schließlich seinen Vertrag.

Nun, gut zweieinhalb Monate später, sei die "ganz große Motivation zurück", sagt Löw vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) im Interview der Woche.

Auch wenn sich noch nicht alle WM-Stars wieder in absoluter Topform befinden, ist dem Bundestrainer vor den Türken nicht bange. Michael Ballack traut er - trotz neuerlichen Rückschlags - den Sprung in die Nationalelf zu.

SPORT1: Herr Löw, Sie haben zugegeben, nach der WM in ein kleines Loch gefallen zu sein. Nun gab es Berichte, dass Sie noch immer ausgebrannt seien. Sind Sie wieder voll bei der Sache?

Joachim Löw: Ja, absolut, schon seit dem Beginn der EM-Qualifikationsspiele im September. Nach der WM war klar, dass alle Beteiligten eine gewisse Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten. Mit der EM 2012 haben wir wieder neue Aufgaben und Ziele, die wir auch erreichen wollen. Meine Motivation ist ohnehin immer groß, aber nach der WM musste ich kräftemäßig erstmal durchschnaufen.

SPORT1: Wie schwer wiegen die Formkrisen gleich mehrerer Spieler?

Löw: Angesichts der WM und der anschließenden kurzen Vorbereitung haben die Spieler das bislang ganz ordentlich gemacht. Allerdings fehlt noch die Konstanz, die nach einer normalen Vorbereitung längst vorhanden wäre. Ich spüre bei den Spielern schon, dass sie auf einem guten Weg, sind ihren Rhythmus zu finden. Aber das ist natürlich nicht ganz so einfach.

SPORT1: Macht Ihnen das Sorgen für das Spiel gegen die Türkei?

Löw: Sorgen habe ich nicht. Ich bin sicher, dass sich alle der Wichtigkeit des Spiels bewusst sind. Die Türken werden auch hochmotiviert sein. Vielleicht sind sie in der Vorbereitung sogar ein Stück weiter, aber unsere Mannschaft ist auch in der Lage, eine gute Leistung abzurufen. Da darf es auch keine Ausreden geben.

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SPORT1: Waren die Erfolge der WM ein Grund, dass Sie auch diesmal fast ausschließlich WM-Fahrer berufen haben?

Löw: Nach der EM 2008 haben wir die Mannschaft um viereinhalb Jahre verjüngt. Daher gab es nach der WM keinen Grund, weitere Veränderungen vorzunehmen. Zumal der Kern des Teams eingespielt ist und dadurch die taktischen Vorgaben besser umsetzen kann als in den Jahren zuvor.

SPORT1: Geht die Mannschaft wegen der WM-Erfolge mit breiter Brust ins Spiel?

Löw: Ich denke schon. Gerade weil wir unser Spielsystem bei der WM stabilisiert haben. Die Mannschaft hat Vertrauen in ihre eigenen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite muss man sich das Selbstvertrauen in jedem Spiel neu erarbeiten, denn man kann es während einer Partie auch mal schnell verlieren.

SPORT1: Wird das Duell gegen die Türkei für Mesut Özil ein ganz spezielles Spiel werden?

Löw: Natürlich spielen seine türkischen Wurzeln da eine Rolle. Aber bei ihm ist zu spüren, dass er mental schon sehr weit ist in jungen Jahren. Den Druck bei der WM hat er hervorragend bewältigt. Jetzt ist Özil auch dabei, die Aufgabe zu meistern, bei Real Madrid eine wichtige Rolle im Mittelfeld zu übernehmen. Deshalb denke ich, dass er sich von Drucksituationen freimacht und in dem Spiel gegen die Türkei eine gute Leistung zeigen wird.

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SPORT1: Welche Bedeutung spielt für Sie bei dieser Partie ihre Erfahrung als Trainer in der Türkei?

Löw: Ich hatte dort eine wunderbare Zeit und habe die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen sehr genossen. Natürlich kenne ich auch die unglaubliche Begeisterung der Türken, die uns sicher auch im Olympiastadion erwarten wird. Meine Eindrücke von der Türkei sind enorm positiv. Denn dieser positive Fanatismus im Fußball ist fast beispiellos. Daher freue ich mich natürlich auf das Spiel.

SPORT1: 2008 war die Türkei noch im EM-Halbfinale, 2010 ist sie deutlich in der WM-Qualifikation gescheitert. Wo sehen Sie das Team?

Löw: Ich sehe sie in der absoluten Spitze des europäischen Fußballs. Was das Technische und Kreative betrifft, sind sie sehr stark. Ihre individuellen Möglichkeiten sind unheimlich groß. Und sie haben in Guus Hiddink einen Trainer, der immer eine sehr gute Mannschaft formen kann. Diese Mischung aus Kreativität und Disziplin macht die Türken gefährlich. Auch für die kommenden Jahre.

SPORT1: Also treffen am Freitag auch aus Ihrer Sicht die beiden Top-Teams der Gruppe aufeinander?

Löw: Man sollte Belgien und Österreich nicht ganz unterschätzen, aber die Türkei ist sicher unser größter Rivale in der Gruppe. Bei Deutschland ist natürlich klar, dass von uns der Gruppensieg erwartet wird. Und das ist auch unser Ziel.

SPORT1: Worauf wird es besonders ankommen, um das Spiel erfolgreich zu bestreiten?

Löw: Wir dürfen die Türken nicht zu ihrem gewohnten Kombinationsspiel kommen lassen und müssen sie früh stören. Und wir müssen wie bei der WM offensiv und defensiv eine gute Raumaufteilung haben. Ein anderer Faktor werden die 30.000 oder 40.000 türkischen Fans im Stadion sein. Damit müssen wir auch klarkommen. Aber wir haben ja auswärts immer gute Spiele gemacht (lacht).

SPORT1: Ist es eine interessante sportliche Herausforderung, dass es wie in der WM-Qualifikation erneut gegen Guus Hiddink geht?

Löw: Man trifft im Laufe seiner Karriere immer mal wieder auf bestimmte Trainer. Dass er einer der besten Trainer ist, hat er immer wieder bewiesen. Zuletzt auch 2008 bei der EM mit den Russen, die dort unter ihm einen enormen Sprung gemacht haben. Er schafft es immer, seiner Mannschaft eine klare Handschrift zu verpassen. Aber dieses Spiel ist kein Duell der Trainer.

SPORT1: Nicht dabei sein kann erneut Michael Ballack, der nun sogar bis zum Jahresende ausfällt. Wie beurteilen Sie auch perspektivisch diesen Rückschlag für ihn?

Löw: Das ist sicherlich schade für ihn. Aber die Frage ist auch, ob es nach der langen Pause so viel Sinn gemacht hätte, noch unbedingt in diesem Jahr wieder einzusteigen. Da etwas zu erzwingen, geht ja meist in die falsche Richtung. Ich halte es für die richtige Entscheidung, die Verletzung vollständig auszukurieren und dann im Januar wieder in die Vorbereitung einzusteigen. Und ich rechne weiterhin damit, dass er zurückkommt.

SPORT1: Zuletzt war ein Interview von Ihnen allerdings von einigen Seiten so interpretiert worden, dass Michael Ballack keine Zukunft mehr in der Nationalmannschaft hat.

Löw: Ich war überrascht, wie unterschiedlich die Aussagen interpretiert wurden. Man hat ja überall etwas anderes gelesen. Nochmals: Ich traue Michael Ballack zu, dass er den Sprung ins Nationalteam wieder schafft, denn er ist sehr ehrgeizig.

SPORT1: Und wenn die Leistung stimmt, setzen Sie weiter auf ihn?

Löw: Ja, das habe ich ja schon mehrfach gesagt. Er war immer jemand, der gegen Konkurrenz kämpfen musste, ob bei Bayern München, dem FC Chelsea oder Leverkusen. Er hat mir versichert, dass er seine internationale Karriere fortsetzen will. Ein Michael Ballack verliert auch im hohen Fußballer-Alter nicht seinen Ehrgeiz.

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