Die Partie in Berlin hat die deutsch-türkische Freundschaft untermalt, findet SPORT1-Chefreporter Thomas Herrmann in seiner Kolumne.

Hallo Fußball-Freunde,

Bis zur 42. Minute hatte man den Eindruck, dass es nicht um wichtige EM-Qualifikationspunkte ging, sondern um den letzten Meilenstein, die deutsch-türkische Freundschaft, offiziell endgültig zu besiegeln, in Stein zu meißeln und auf dem Fußballplatz durch nichts zu gefährden, was den Hauch eines leisesten Zweifels aufkommen lassen könnte.

Fehlte nur noch der Anstoß über Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Pass zu Ministerpräsident Erdogan, Flanke auf Bundespräsident Christian Wulff und dieser in die Arme von Özil und Sahin, die eng umschlungen am Elfmeterpunkt sich gegenseitig anstrahlten.

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Übrigens, Özil der klar bessere Türke beim Freundschaftsgipfel. Nein, ist doch schön, wie Völker verbindend der Sport ab und zu noch sein kann.

Die ganze Angelegenheit war politisch sehr sensibel, wobei mir bis heute noch nicht einleuchtet, warum die Partie ausgerechnet in Berlin stattfinden musste.

Hätten wir verloren, wäre es zu Großdiskussionen gekommen - warum in Berlin - warum das gefühlte Auswärtsspiel.

Das bayerische Tor-Trio Lahm, Müller, Klose war dann die Hallo-Wach-Combo. Hey, hier geht es um verdammt wichtige Punkte gegen den stärksten Konkurrenten! Nach der Pause war das sehr faire Spiel dann auch ein richtiges Spiel.

Der beschäftigungslose Manuel Neuer rettet mit einer überragenden Großtat das 1:0 und das deutsche Team muss erstaunt, aber letztendlich auch hocherfreut feststellen, auch ohne eine linke Seite kann man eine europäische Spitzenmannschaft sein - der Einäugige ist kein Blinder.

Das Zusammenspiel oder besser gesagt das physische Zusammenwirken von Westermann und Podolski war schon ein Paradebeispiel für alle Fußballlehreranwärter (so geht es nicht). Die Laufarbeit und das taktische Defensivverhalten von Podolski waren nicht ausgeprägt, Stockfehler bei Westermann nicht zu übersehen.

Auf Podolski wurde man erst in seinen letzten 20 Minuten aufmerksam. Franz Beckenbauer würde sagen: "Wenn wir jetzt auch noch eine linke Seite hätten, wären wir auf Jahre hinaus unschlagbar".

Der Thomas Müller hat rechts auch nicht immer glücklich gespielt - wenn man aber die Datenbank bemühen würde, kämen bei Müller letztlich viele, viele Kilometer mehr heraus als bei Podolski.

Müller ist da, ist präsent, haut sich rein, läuft hinterher, anders als...

Ein überzeugender Sieg ohne Schweinsteiger und Ballack - Sachen gibt es.

Das Selbstverständnis der Mannschaft auch in schwachen Phasen ist riesengroß - sie stecken diese Mangelminuten weg, rappeln sich wieder auf, um dann wie es Thomas Müller formulierte "konsequent unseren Stiefel herunterzuspielen".

Toni Kroos hat nicht die Ausstrahlung, das Charisma, die Aura eines Schweinsteigers oder Ballacks, aber er ist der Mann für gewisse, wichtige Momente.

Da blitzt oft was Geniales auf, ob er es von seinem Temperament aber schafft, viele Blitze häufig aneinanderzureihen, ist mir noch nicht klar.

Ach ja - die müden Bayern - was die Herren Lahm, Müller, Klose durch die Gegend gesaust sind, war schon bewundernswert.

Vielleicht ist ja zu viel Ballbesitz auch manchmal ermüdend (Bayern) - oder ist es das Jogi-Wohlfühlbecken, das müde Bayernmuskeln munter macht.

Es war ein Fußballfest, ein faires Qualifikationsspiel. Die deutsch-türkischen Fußballfans brauchen nicht den pausenlos erhobenen politischen Zeigefinger im Vorfeld dieser Partie.

Über dieses Stadium ist das deutsch-türkische Verhältnis schon lange hinaus - da ist ein wesentlich größeres, gelebtes Selbstverständnis vorhanden, als manche Politiker glauben mögen.

Und übrigens, das konnte für die deutsche Nationalmannschaft gar nicht schief gehen, denn Jogi Löw hat noch nie ein Auswärtsspiel verloren.

EM 2012 wir kommen - Gratulation, beste Grüße!

Weiterhin viel Freude am Fußball, wünscht Thomas HerrmannChefreporter SPORT1

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