1958 ging es zwischen Deutschland und Schweden alles andere als freundschaftlich zu. SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine blickt zurück.

Wenn am Mittwoch die Truppe von Bundestrainer Joachim Löw im Göteborger Ullevi-Stadion zum Fußball-Freundschaftsspiel gegen Schweden antritt, steht der Sport im Vordergrund. Das ist auch gut so.

Deutschland gegen Schweden - das bedeutete aber nicht immer: In aller Freundschaft.

Ich erinnere mich an eine brutale Auseinandersetzung vor 52 Jahren. Auch im Göteborger Ullevi-Stadion bei der WM 1958.

Was nach dieser Halbfinal-Partie am 24. Juni nicht nur in Schweden, sondern auch in Deutschland abging, war purer Hass. Fußball-Fanatismus als Ersatz-Krieg.

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Die Herberger-Elf hatte die Partie mit 1:3 vor 50.000 fanatischen Fans verloren. Der Traum von der möglichen Titelverteidigung der Deutschen war ausgeträumt. Die Fans schäumten wegen der Vorfälle in Göteborg. Sie zahlten es den Schweden heim.

Sie übten regelrecht Rache aus - Rache für Göteborg. Eine schwedische Jazz-Band erhielt in Verden aus Angst vor Übergriffen Auftrittsverbot.

Ein dänischer Buchbindermeister fuhr im Auto mit einem "S" durch die Gegend und wurde, wie der "Spiegel" damals schrieb, als "Schwedisches Schwein" beschimpft.

Beim Aachener Reitturnier wurde eine schwedische Flagge runtergerissen, die Reifen von drei schwedischen Autos zerschnitten. Eine Hamburger Tankstelle habe einem "S"-Fahrzeug Benzin verweigert. Die "Schwedenplatte" wurde von deutschen Speisekarten gestrichen, deutsche Handelsfirmen kündigten schwedischen Partnern die Geschäfts-Freundschaft.

Und als dann DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens öffentlich verkündete "Solange ich im DFB mitentscheide, werden wir dieses Pflaster nicht mehr betreten", war das Tischtuch erst einmal zerschnitten.

Was war der Grund dieses Hasses? Die deutschen Fans sahen in den "Heja, Heja"-Rufen eine fußballerischen Kriegserklärung.

Verteidiger Erich Juskowiak wurde im Spiel gegen die Schweden nach einer angeblichen Tätlichkeit an Kurre Hamrin, der ihn zuvor getreten hatte, durch den ungarischen Schiedsrichter Istvan Zsolt beim Stande von 1:1 vom Platz gestellt.

Idol Fritz Walter wurde zusammengetreten und musste vom Platz getragen werden, ohne dass Zsolt einen Platzverweis für einen Schweden aussprach.

Die Seele der deutschen Fans kochte. Zsolt, der für sieben Jahre international gesperrt wurde, geriet zur Hass-Figur.

Als dann am 29. Juni das Finale zwischen Schweden und Brasilien anstand, konnten sich die Südamerikaner mit dem jungen Pele vor lauter Sympathie-Bekundungen aus Deutschland, die per Brief und Telegrammen im Quartier eintrafen, kaum mehr retten.

Die Brasilianer gewannen mit 5:2 und die "Bild" schrieb: "Schwedens Sieg war ungerecht - Brasilien hat uns nun gerächt!"

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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