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SPORT1-Redakteur Martin Volkmar (r.) beim Termin mit Joachim Löw in der DFB-Zentrale © SPORT1

Bundestrainer Löw spricht im Interview über die Erfolge bei der WM, zukünftige DFB-Kicker und eine mögliche Rückkehr von Ballack.

Von Martin Volkmar

Frankfurt/Main - Unten dreht die Reinigungsmaschine dröhnend ihre Runden in der schon abgedunkelten DFB-Zentrale.

Doch oben in der Bibliothek hat Joachim Löw alle Zeit der Welt.

90 Minuten nimmt sich der Bundestrainer für einen kleinem Kreis Journalisten Zeit, nachdem er schon zuvor mehrere Stunden anderen Medien Rede und Antwort gestanden hatte.

Doch von Müdigkeit ist beim 50-Jährigen nichts zu spüren, vielmehr spricht Löw Klartext:

Über seinen klaren Titelfavoriten, die herausragenden Qualitäten von Mesut Özil und Mario Götze, die Aussichten von Michael Ballack und Christoph Metzelder sowie die WM-Vergabe an Katar.

SPORT1: Wie zufrieden sind Sie mit dem abgelaufenen Jahr?

Joachim Löw: Ich glaube, dass wir 2010 unter schwierigen Bedingungen hervorragende Leistungen gezeigt und in punkto Spielstärke sicherlich große Fortschritte gemacht haben. Trotz der Probleme vor der WM mit der geplatzten Vertragsverlängerung und den Verletzungen einiger Stammspieler haben wir uns davon nicht beeindrucken lassen. Vielmehr haben wir in Deutschland mit unserer attraktiven Spielweise bei der WM für Begeisterung gesorgt. Und auch im Ausland haben wir viel Lob bekommen, obwohl wir den Titel nicht gewonnen haben.

SPORT1: Gibt es dann noch etwas, mit dem Sie unzufrieden sind?

Löw: Es gibt immer Dinge, die man optimieren kann. Im Halbfinale gegen Spanien haben wir defensiv gut gestanden und kaum Chancen zugelassen. Aber in der Offensive waren wir nicht in der Lage wie in den Spielen zuvor schnell umzuschalten und Torchancen herauszuspielen. Das war sicherlich der Schlüssel für die Niederlage.

SPORT1: Ist Spanien im Welt-Fußball das Maß aller Dinge?

Löw: Die Spanier orientieren sich am FC Barcelona, von dem sieben Spieler in der WM-Elf standen. Und das ist die beste Mannschaft der Welt, das haben sie gegen Real Madrid wieder unter Beweis gestellt. Das 5:0 war nahe an der Perfektion. So ein gutes Spiel gegen einen wirklich starken Gegner wie Real Madrid habe ich seit Jahren nicht gesehen. Jede Aktion hat praktisch zu einer Torchance geführt. Besser geht es eigentlich nicht.

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SPORT1: Mesut Özil ist in diesem Spiel mit untergegangen, dennoch hat er sich in wenigen Monaten bei Real Madrid etabliert. Hatten Sie ihm diese Entwicklung zugetraut?

Löw: Überrascht hat sie mich jedenfalls nicht. Er ist ein Fußballer mit genialer Technik und überragenden Fähigkeiten. Deshalb war der Wechsel zu Real Madrid genau der richtige Schritt. Dort kann er sich auf höchstem Niveau weiterentwickeln.

SPORT1: Und wie sehen Sie das bei Sami Khedira?

Löw: Ich habe immer gesagt, dass er ein Weltklassespieler werden kann. Er ist schon in ganz jungen Jahren eine Führungspersönlichkeit, das hat man vor allem beim EM-Sieg der U 21 gesehen. Auch bei der WM war deutlich zu erkennen, wie wahnsinnig wertvoll er ist. Real Madrid ist für ihn deshalb die beste Herausforderung.

SPORT1: Brauchen Sie Michael Ballack dann 2011 überhaupt noch?

Löw: Das ist schwer zu beantworten. Ich traue ihm zu, dass er ehrgeizig genug ist, wieder für die Nationalmannschaft zu spielen. Jetzt muss man sehen, ob er die Form erreicht, dass er uns helfen kann. Die fußballerischen Fähigkeiten hat er und er wird sicher mit Nachdruck daran arbeiten. So einen Abgang möchte er natürlich nicht.

SPORT1: Geht es also nur um einen guten Abgang?

Löw: Nein, damit hat das nichts zu tun. Es geht einzig darum, ob er uns bei der EM 2012 helfen kann. Das muss man sehen. Ich traue es ihm zu. Aber es gibt mittlerweile viele junge Spieler, die nachgerückt sind.

SPORT1: Apropos jüngere Spieler: Wie war der Eindruck von den Neuen, die in Schweden dabei waren?

Löw: Alle haben einen guten Eindruck gemacht. Mats Hummels ist schon sehr reif, Lewis Holtby spielt ein bisschen wie Özil, mit vielen überraschenden Einfällen. Am meisten beeindruckt hat mich aber Mario Götze.

SPORT1: Inwiefern?

Löw: Diese Selbstverständlichkeit, mit der er sich bei uns integriert hat, habe ich bei einem 18-Jährigen noch nicht gesehen. Er agierte, als wäre er schon seit zwei, drei Jahren dabei: selbstbewusst, ballsicher, ideenreich. Er ist sicher eines der größten Talente der vergangenen Jahre und hat die Perspektive einer ganz großen Zukunft.

SPORT1: Götze ist nicht der einzige Shootingstar beim BVB. Ist Borussia Dortmund auch Ihr großer Favorit auf die Meisterschaft?

Löw: Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, was einigen nicht recht ist, aber Dortmund hat die allergrößten Chancen auf die Meisterschaft. Für den FC Bayern wird es bei 17 Punkten Rückstand ganz schwer, noch in den Titelkampf einzugreifen. Die anderen Mannschaften, die man ganz oben erwartet hatte, sind zum Teil noch weiter weg. Am ehesten hat Bayer Leverkusen noch Chancen. Aber Dortmund spielt seit einem halben Jahr konstant, der BVB hat junge, technisch sehr gute Spieler und viele Möglichkeiten, gerade im offensiven Bereich. Von daher hat der BVB enorm gute Chancen, Meister zu werden.

SPORT1: Dagegen steht Vorjahres-Vize Schalke im Tabellenkeller. Haben Sie die Probleme überrascht?

Löw: Wenn nach einem erfolgreichen Jahr fast die ganze Mannschaft verändert wird, muss man damit rechnen, dass es vielleicht nicht ganz so erfolgreich weiterläuft wie in der Saison davor. Aber Felix Magath wird sicherlich seine Gründe für den Umbau haben. Seine Überlegungen sind vielleicht auch langfristig auf die Meisterschaft in drei oder vier Jahren angelegt. Aber das braucht dann natürlich seine Zeit.

SPORT1: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Christoph Metzelder?

Löw: Christoph hat viel geleistet in den vergangenen Jahren für die Nationalmannschaft. Ich war 2006 und 2008 wahnsinnig froh, dass er in unserer Mannschaft war. Nach seinen vielen Verletzungen freue ich mich, dass er wieder regelmäßig und zuverlässig spielt. Aber die Zukunft in der Innenverteidigung der Nationalmannschaft gehört anderen Spielern.

SPORT1: In der Tat haben Sie als Bundestrainer ein kaum zuvor da gewesenes Potenzial an nachrückenden Talenten. Denken Sie da schon manchmal an die Perspektiven für die WM 2014?

Löw: Das ist noch ein bisschen weit weg. Zunächst zählt mal die EM 2012, für die wir uns ja auch noch qualifizieren müssen. Aber sicherlich mache ich mir auch manchmal Gedanken über die Zeit danach, wenn ich sehe, dass wir mit Mario Götze, Marco Reus oder Sidney Sam hoch veranlagte Spieler haben, die in drei oder vier Jahren zu den Leistungsträgern der Nationalmannschaft gehören können.

SPORT1: Ist angesichts dieser Aussichten ein Job als Vereinstrainer für Sie überhaupt noch reizvoll?

Löw: Vorstellbar ist das sicherlich. Meine Grundidee, seit ich beim VfB Stuttgart ins Wasser geworfen wurde, ist ja unverändert: Ich will attraktiven und offensiven Fußball spielen lassen. Aber damals hatte ich noch nicht das Können, das so umzusetzen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Jetzt habe ich positive und auch negative Erfahrungen gemacht. Insgesamt habe ich meinen größten und wichtigsten Schritt als Bundestrainer gemacht, weil ich erstmals über den Tellerrand des Vereinsfußballs geschaut habe. Aber irgendwann kommt bestimmt der Tag, wo alle Beteiligten eine neue Herausforderung haben wollen.

SPORT1: Danach sah es ja schon in den Monaten vor der WM aus. Warum haben Sie trotzdem verlängert?

Löw: Die entscheidende Frage nach der WM war für mich, ob ich auf dem gleichen Level und mit der gleichen Energie weitermachen kann. Hätte ich diese Frage mit Nein beantwortet, hätte ich die Konsequenzen gezogen. Zudem war für mich wichtig, dass das Trainerteam und das Team hinter dem Team, das bei der WM perfekt zusammengearbeitet hat, zusammenbleiben. Nachdem das beides geklärt war, war meine Entscheidung relativ schnell gefallen.

SPORT1: Das große Thema in der vergangenen Woche war die WM-Vergabe 2022 an Katar. Wie beurteilen Sie das umstrittene Votum?

Löw: Zuerst einmal fand ich es wahnsinnig mutig, so eine Entscheidung zu treffen. Das hätte ich nicht erwartet. Katar ist ein Land ohne Fußball-Tradition. Und eine WM lebt von der Atmosphäre, von den Fans, nicht nur von den Spielen. Diese Atmosphäre gibt es dort bisher nicht, denn dort finden die Spiele ja nur vor ein paar hundert Zuschauern statt.

SPORT1: Und wie bewerten Sie die Temperaturen von bis zu 50 Grad?

Löw: Es stellt sich schon die Frage der gesundheitlichen Belastung. Es gibt ja nicht nur die Spiele in klimatisierten Stadien, sondern auch noch rund 50 Trainingseinheiten. Die finden dann vielleicht bei 40 Grad statt. Da weiß man nicht, wie die Spieler das verkraften. Und ob es nicht einen Qualitätsverlust geben wird bei diesen Bedingungen. Ich glaube, dass die WM gut organisiert sein wird. Ob alles andere zu bewerkstelligen sein wird, frage ich mich auch. Aber vielleicht sollte man auch so einem Land die Chance geben.

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