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Joachim Löw wurde mit dem DFB-Team bei der WM in Südafrika Dritter © getty

Trotz großer Probleme im Frühjahr begeisterte das DFB-Team bei der WM. Im SPORT1-Interview zieht Joachim Löw sein Bilanz für 2010.

Von Martin Volkmar

München - Im Frühjahr hatte noch wenig daraufhin hin gedeutet, dass das Jahr 2010 für die deutsche Nationalmannschaft ein sehr gutes werden würde,

Michael Ballack und Rene Adler mussten verletzungsbedingt die WM absagen, wochenlang wurde öffentlich über die Notwendigkeit eines Comebacks von Kevin Kuranyi diskutiert.

Doch Bundestrainer Joachim Löw ließ sich nicht beirren. Selbst als seine Vertragsverlängerung ins Stocken geriet und nicht wenige Experten dem Team ein frühes WM-Aus prophezeiten, hielt der 50-Jährige an seinen Grundsätzen fest.

Mit Erfolg. Die jüngste DFB-Elf seit 1934 begeisterte in Südafrika, feierte spektakuläre Siege gegen England und Argentinien und wurde letztlich Dritter.

Löw blickt im ersten Teil des SPORT1-Interviews auf das Jahr 2010 zurück, spricht über die schwierigen Monate zu Beginn des Jahres, seinen Optimimus und die Gründe des Erfolgs.

SPORT1: Herr Löw, vor einem Jahr hätte kaum jemand geglaubt, dass die deutsche Mannschaft auf so ein erfolgreiches Jahr 2010 zurückblicken könnte. Wie erklären Sie sich den endgültigen Vorstoß in die Weltspitze bei der WM in Südafrika?

Joachim Löw: Ich habe schon während der Vorbereitung daran geglaubt, dass die Mannschaft eine sehr, sehr gute WM spielen wird. Vor allem, nachdem sich im Trainingslager die Automatismen eingespielt hatten. Und das Team hat das dann auch gespürt und ist entsprechend selbstbewusst ins Turnier gegangen. Deshalb war mein Gefühl vor der WM echt gut.

SPORT1: Ab wann genau waren Sie so optimistisch?

Löw: Schon in Sizilien und dann natürlich in Südtirol, als der komplette Kader zusammen war, hat man die Fortschritte deutlich gesehen. Die Spieler waren wahnsinnig motiviert und haben alles dafür getan, dass sie optimal fit sind. Da hatte ich das Gefühl, das die Mannschaft immer mehr Schwung aufnimmt für die WM.

SPORT1: Haben Sie das schon nach Michael Ballacks Ausfalls gewusst, den Sie in der Öffentlichkeit sehr gefasst aufgenommen haben?

Löw: Der Ausfall unseres Kapitäns war natürlich ein Schock für uns alle. Aber das war nun mal nicht zu ändern und ab da gab es für mich nur eins, nämlich nach vorne zu schauen. Deshalb habe ich die Mannschaft sofort zusammengerufen und ihr gesagt, dass wir das nun als Team auffangen müssen und ich es den Spielern auch zutraue. Wichtig war da sicherlich auch der Sieg im letzten Test gegen einen spielstarken Gegner wie Bosnien. Danach war zu spüren, dass die Mannschaft selber an ihre Fähigkeiten glaubt.

SPORT1: Sie arbeiten bei der Analyse viel mit Statistiken. War der Fortschritt auch in Zahlen festzustellen?

Löw: Wir hatten von allen Nationen die wenigsten Foulspiele. Wir hatten zudem die meisten Ballgewinne im Zweikampfverhalten und kamen am schnellsten zum Abschluss. Die Ballkontaktzeiten waren auf dem höchsten Niveau.

SPORT1: Was heißt das konkret?

Löw: 2005 dauerte es von der Ballannahme bis zum Abspiel jedes unserer Spieler im Schnitt noch 2,8 Sekunden. Das Spiel war langsam und in die Breite mit viel Zeitverlust angelegt. 2008 bei der EM haben wir uns auf 1,8 Sekunden verbessert, und 2010 waren es noch 1,1 Sekunden. Gegen England und gegen Argentinien sind wir auf Werte unter einer Sekunde gekommen, auf 0,9. Nur die Spanier waren im Schnitt etwas besser. Auch in der Gesamtlaufleistung lagen wir gemeinsam mit Spanien und Uruguay in der Spitze, im Schnitt sind unsere Spieler 12,8 Kilometer gelaufen.

SPORT1: Im Widerspruch zu Ihrem letztlich begründeten Optimismus vor Turnierbeginn steht der Eindruck, dass Sie vorher häufig genervt reagiert haben, wenn es um die Titelchancen der deutschen Mannschaft ging.

Löw: Es hat mich gestört, dass im Umfeld nur vom vierten Titel geredet wurde. Mir ging es auch um andere Dinge, etwa unsere Spielkultur und unser Auftreten als Repräsentanten Deutschlands. Wir wollten attraktiven Fußball spielen und auf höherem Niveau agieren, auf und neben dem Platz. Mit diesen Zielsetzungen sind wir ins Turnier gegangen, ohne einmal vom Titel zu sprechen.

SPORT1: Aber das war doch Ihr Ziel, oder?

Löw: Jede große Fußball-Nation hat das Ziel, Weltmeister zu werden, Deutschland selbstverständlich auch. Aber es kann so viel passieren, oft hängt es letztlich von Kleinigkeiten ab, ob man es bis ganz nach oben schafft. Deshalb ist es mir zu einfach, immer nur vom Titel zu reden.

Hier geht es zum zweiten Teil des SPORT1-Interviews mit Joachim Löw!

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