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Bastian Schweinsteiger (v.) mag nicht bei den spanischen Feierlichkeiten zusehen © getty

Nach dem verlorenen EM-Finale war der Mittelfeldspieler von Bayern München untröstlich. Dennoch wird Spanien als verdienter Sieger akzeptiert.

Wien - Zehn Minuten nach Spielende lag Bastian Schweinsteiger immer noch irgendwo zwischen Mittelkreis und Seitenlinie auf dem Rücken. Enttäuscht. Abgekämpft.

Joachim Löw kam zu ihm, legte seinen Arm um ihn, doch auch der Bundestrainer vermochte den deutschen Mittelfeldspieler nach der 0:1 (0:1)-Niederlage im Finale der Europameisterschaft gegen Spanien nicht zu trösten.

Der Rest der deutschen Mannschaft stand im gegenüberliegenden Strafraum verstreut. Torwart Jens Lehmann lehnte sich am Pfosten an und starrte enttäuscht in der Wiener Nachthimmel.

Schließlich kam Francesc Fabregas, der jüngste Spieler im Team des Siegers, und sprach Schweinsteiger ein paar aufmunternde Worte zu. Dann ging er zurück zu den Seinen, und alle spanischen Spieler warfen ihren Trainer Luis Aragones vor Freude in die Luft.

Tröstende Worte von der Bundeskanzlerin

Kurz nach 23 Uhr raffte sich Schweinsteiger kurz auf. Die deutschen Spieler gingen durch das Spalier der Spanier zur Ehrentribüne des Ernst-Happel-Stadions.

Bei der Siegerehrung fand Bundeskanzlerin Angela Merkel ein paar tröstende Worte für Kapitän Michael Ballack, dessen Einsatz wegen einer Wadenverhärtung bis kurz vor dem Spiel fraglich gewesen war, und der weiter auf seinen ersten internationalen Titel warten muss.

"Bei der WM waren wir Dritter, jetzt Zweiter - wir schauen jetzt nach Südafrika, vielleicht geht es ja so weiter", sagte Merkel.

Als die Spanier dann den EM-Pokal in die Luft streckten, lag Schweinsteiger bereits wieder auf dem Rasen und blickte zur deutschen Fankurve.

Lahm macht den entscheidenden Fehler

"Wir haben viel zu wenig getan um Europameister zu werden", klagte er später und verschwand als einer der Ersten im Mannschaftsbus.

"Wir wollten den Titel holen", sagte Philipp Lahm, "aber wir haben nicht so gut nach vorne gespielt, wie wir uns das erhofft haben. Und wir haben zu viele Fehler gemacht", ergänzte der Außenverteidiger, der beim entscheidenden Treffer in der 33. Minute von Torschütze Fernando Torres überlaufen worden war.

"Der Konjuktiv ist der Feind des Verlierers"

"Es kommen jetzt Gedanken auf: vielleicht hätte man etwas besser machen können", meinte Lehmann, der mit einigen guten Paraden eine höhere Niederlage verhindert hatte. Mehr zum Thema

"Aber der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers, auch wenn wir das Maximum rausgeholt haben", konstatierte Lehmann, der sich noch nicht über seine Zukunft im DFB-Tor äußern wollte.

Spanien verdienter Europameister

Mehr war einfach nicht drin an diesem Abend gegen eine in allen Bereichen klar bessere Mannschaft, die das Turnier ohne Niederlage überstanden hat, die meisten Tore erzielte, die wenigsten kassierte und den mit Abstand besten Fußball gespielt hat.

"Man muss einfach anerkennen, dass Spanien der verdiente Europameister ist", sagte Christoph Metzelder, der sich seinen EM-Bart schon abrasiert hatte.

"Wir haben insgesamt nach vorne nie die Qualität und den Druck entfachen können, um die Spanier in Bedrängnis zu bringen", erklärte der Innenverteidiger von Real Madrid: "Wir haben eigentlich ganz gut angefangen, aber das Tor hat uns das Genick gebrochen."

Nur vier deutsche Schüsse

Ganze vier Schüsse gab die deutsche Mannschaft während des Endspiels ab. Nur einen davon musste Torhüter Iker Casillas abwehren.

"Wir hätten unseren Weg nach vorne suchen müssen, aber wir waren nicht mutig genug", kritisierte Miroslav Klose.

Pfosten-Kopfball von Torres

Nachdem sie die Spanier in der Anfangsphase mit einigen schnell vorgetragenen Angriffen beeindruckt hatten, wurden die deutschen Spieler immer mehr unter Druck gesetzt. Per Mertesacker bekam Torres nicht in den Griff, der traf jedoch zunächst mit einem Kopfball nur den Pfosten.

Nach einem Zuspiel von Xavi setzte sich Torres gegen Lahm durch und lupfte den Ball über Lehmann hinweg ins Tor (33.).

"Haben unseren Platz in Europa gefunden"

"Ich bin unglaublich glücklich", freute sich Torres, der zum besten Spieler des Finales gekürt wurde. "Für mich hat sich ein Traum erfüllt", sagte der Stürmer vom FC Liverpool.

"Ich denke, dass wir während des Turniers einen sehr guten Fußball gespielt haben", meinte Torres, "somit ist es nur gerecht, dass wir den Titel gewonnen haben. Wir haben unseren Platz in Europa gefunden."

Die Grenzen aufgezeigt

Spanien ist der verdiente Europameister. Daran ist nicht zu rütteln. Für die deutsche Mannschaft fällt eine Standortbestimmung wesentlich komplexer aus.

Auf der einen Seite ist das Erreichen des Endspiels ein großer Erfolg. Weltmeister Italien und Vizeweltmeister Frankreich waren immerhin schon früh ausschieden.

Auf der anderen Seite hat Spanien der DFB-Auswahl ihre Grenzen aufgezeigt. Nur die Leistung beim 3:2-Sieg im Viertelfinale gegen Portugal war wirklich überzeugend. Der anschließende Halbfinal-Erfolg gegen die Türkei war glücklich.

"Es war toll, ins Finale zu kommen"

"Auf schlechte Spiele folgten gute, aber diesen Rhythmus haben wir diesmal nicht durchhalten können", sagte Lehmann. "Wir haben nie so den Schwung kreieren können, der uns bei der WM 2006 durch das Turnier getragen hat", merkte Metzelder an.

"Es hat dann hinten raus ein wenig die Kraft gefehlt, das Turnier war lang", ergänzte Ballack. "Die Mannschaft ist ins Finale gekommen und wenn man das Niveau des Teams betrachtet, dann war es toll, ins Finale zu kommen."

"Wir wissen, was wir können und werden versuchen, uns weiter zu verbessern", kündigte Löw an und gab seinem Team noch ein Lob mit auf den Weg:

"Mir hat es immens imponiert, wie die Mannschaft wenn schon nicht spielerisch geglänzt, so zumindest immer toll gekämpft hat."

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