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Löw übernahm nach der WM 2006 den Bundestrainer-Posten von Jürgen Klinsmann © getty

Joachim Löw spricht bei SPORT1 über den Saisonendspurt, den Trainer-Wahnsinn in der Bundesliga und die Entwicklung von Mesut Özil.

Von Martin Volkmar

München - Joachim Löw hat viel Grund zur Freude in diesen Tagen.

Nicht nur die eigene Vertragsverlängerung als Bundestrainer bis zur WM 2014 gibt Anlass.

Auch seine Nationalspieler machen immer wieder positiv auf sich aufmerksam.

Mesut Özil verzaubert Real Madrid und gehört wie Sami Khedira zum Stammpersonal des spanischen Rekordmeisters.

Und in der Bundesliga ist das Reservoir frischer Talente schier unerschöpflich, die mit Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen oder Mainz 05 für Aufsehen sorgen.

Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan (Sa., ab 19.30 Uhr im LIVE-TICKER) und dem Testspiel gegen Australien am kommenden Dienstag spricht Löw im zweiteiligen SPORT1-Interview (Der zweite Teil erscheint am Mittwoch) über die rasante Entwicklung von Özil und sein Luxusproblem in der Offensive. (DATENCENTER: EM-Qualifikation)

Zudem nimmt er Stellung zum durchdrehenden Bundesliga-Trainerkarussell.

SPORT1: Haben Sie die Trainerwechselflut der vergangenen Tage eher amüsiert-distanziert verfolgt oder macht Ihnen die Entwicklung auch Sorgen?

Joachim Löw: Es war eine unheimlich hektische Woche, in der eine ganze Menge passiert. Über diese ganzen Trainer-Wechsel muss man sich schon Gedanken machen, generell auch wegen Glaubwürdigkeit der Liga und deren guten Ruf. Ich hoffe, dass jetzt wieder ein wenig Ruhe einkehrt.

SPORT1: Es hat von Louis van Gaal oder Jupp Heynckes sehr viel Kritik daran gegeben, speziell am fliegenden Wechsel von Felix Magath nach Wolfsburg. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Löw: Die Vereine haben die letzte Entscheidung über ihre Personalpolitik, Wahl der Trainer und die Vereinsphilosophie. Aber man versucht ja auch den Spielern klar zu machen, dass die Identifikation mit dem Verein wichtig ist. Deshalb wurde ja von einigen Verantwortlichen im Januar in der Transfer-Periode darauf hingewiesen, dass Verträge eigentlich auch dazu da sind, eingehalten zu werden. Umgekehrt ist es für eine Mannschaft unheimlich schwierig, in die Erfolgsspur zu kommen, wenn man zwei bis drei Trainerwechsel in einer Saison vollzieht.

[kaltura id="0_h3lmev51" class="full_size" title="Bierhoff Hei auf Titel"]

SPORT1: Stichwort Erfolg: Dortmunds Höhenflieger haben die Meisterschaft noch mal spannend gemacht. Denken Sie, dass sie auf der Zielgeraden doch noch mal das Zittern bekommen?

Löw: Nein. Ich halte es für normal, dass Dortmund in der Rückrunde nicht jedes Spiel gewinnt und auch zuhause mal Punkte abgibt. Aber sie sind in der Lage, immer wieder eine Reaktion zu zeigen und der nach wie vor klare Vorsprung spricht auch für den BVB.

SPORT1: Der FC Bayern hat dagegen nach dem Aus in der Champions League alle Ziele verfehlt. Müssen Sie Ihren Bayern-Block vor dem Länderspiel wieder aufbauen?

Löw: Das Aus in der Champions League hat schon seine Spuren hinterlassen, das hat man auch in den Interviews danach gesehen. Diese Tage waren sehr hart für die Bayern-Spieler. Sie sind sicher auch frustriert, da das Spiel gegen Inter über eine Stunde in eine ganz andere Richtung lief. Aber ich hatte am Samstag in Freiburg das Gefühl, dass die Mannschaft unbedingt in die Champions League will.

SPORT1: Schaffen die Bayern das noch?

Löw: Ich denke, sie können und werden das schaffen. Fußballer wie Lahm und Schweinsteiger, die schon einiges erlebt haben, können solche Rückschläge abhaken und sich neue Ziele setzten. Das dauert vielleicht ein paar Tage, aber in Freiburg hatte ich nicht das Gefühl, dass die Bayern völlig verunsichert wären oder tief enttäuscht. Jetzt können sie wieder auf ein Erfolgserlebnis zurückblicken und sich auf die Bundesliga konzentrieren.

SPORT1: Mario Gomez hat schon 19 Tore erzielt. Bleibt er bei Ihnen trotzdem die Nummer zwei hinter Miroslav Klose?

Löw: Ich bin im Moment einfach froh, dass wir hinter Miro noch einen Topstürmer haben. Als Zentrumsspieler war Miroslav Klose bei der WM unheimlich stark und hat das zuletzt auch gegen Italien bewiesen. Mario Gomez hatte dagegen bei Bayern und in der Nationalmannschaft eine Phase, in der er seine Qualitäten nicht abgerufen hat. Deshalb bin ich wahnsinnig glücklich, dass er jetzt eine so gute Saison spielt und auch so selbstbewusst ist. Mario ist noch viel jünger und Miro wird nicht mehr so viele Jahre spielen. Daher bin ich als Trainer natürlich in einer hervorragenden Situation, zwei solche Ausnahme-Stürmer zu haben.

SPORT1: Schalke hält nun als letzter Verein international die deutschen Farben hoch. Wie sehen Sie dem neuen Trainer Ralf Rangnick die Chancen gegen Inter Mailand?

Löw: Eine Chance ist sicher vorhanden. Schalke ist zwar in der Außenseiterrolle, aber sie haben in der Champions League bisher eine gute Rolle spielt und werden bestimmt ambitioniert und relativ unbeschwert gegen Inter aufspielen. Und die Mailänder haben nicht den Eindruck erweckt, dass sie die Stärke des vergangenen Jahres haben. Daher traue ich Schalke eine Überraschung zu.

SPORT1: Sie waren letzte Woche in Madrid, haben sich Mesut Özil und Sami Khedira angeschaut und Gespräche geführt. Zählen beide angesichts Ihrer rasanten Entwicklung schon jetzt zur Weltklasse?

Löw: Özil ist mit den Leistungen bei der WM und seiner Entwicklung bei Real Madrid natürlich Weltklasse - im Moment. Sami ist ein anderer Spieler als Mesut, aber er erfüllt seine Aufgaben im zentralen Mittelfeld ebenfalls hervorragend. Beide profitieren bei Real Madrid auch davon, dass sie von ihren Mitspielern gesucht werden. Mesut hat in einem halben Jahr einen Kaka vergessen gemacht, der in den Jahren vor der WM auf der Position der beste Spieler der Welt war. Jetzt sprechen fast alle nur noch von Özil.

SPORT1: Also haben beide enorm von dem Wechsel nach Madrid profitiert?

Löw: Das war für beide der beste Schritt, den sie machen konnten. Das habe ich übrigens auch dort gespürt. Sie werden geliebt von den Menschen. Real ist ein königlicher Verein, wo wirklich das Professionelle im Mittelpunkt steht und alles auf den Fußball konzentriert ist. Beide haben auch menschlich sehr von dem Wechsel profitiert. Man spürt, welches Selbstwertgefühl und welchen Stolz sie haben, für Real Madrid zu spielen. Diese Entwicklung ist wirklich großartig.

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