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Oliver Bierhoff wurde mit der Nationalmannschaft 1996 in England Europameister © imago

Vor dem Länderspiel-Dreierpack richtet DFB-Manager Oliver Bierhoff im SPORT1-Interview einen Appell an die Liga.

Von Martin Volkmar

München - Die Saison ist vorbei, doch das DFB-Team hat noch drei Spiele vor der Brust.

Im Testspiel gegen Uruguay (So., ab 19.45 Uhr im LIVE-TICKER) und in den beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Österreich und Aserbaidschan wird von den Nationalspielern noch einmal alles verlangt, bevor es in den ersehnten Urlaub geht.

Schon im Urlaub weilen dürfte Michael Ballack, da der Leverkusener von Nationaltrainer Joachim Löw wieder nicht nominiert wurde. Die Diskussionen um ein mögliches Comeback des Leverkuseners halten an.

Auch Oliver Bierhoff will im SPORT1-Interview eine Rückkehr des 34-Jährigen nicht ausschließen. Der Nationalmannschaftsmanager berichtet von Gesprächen zwischen Ballack und Löw, will sich aber nicht in die Karten schauen lassen.

Im SPORT1-Interview äußert sich der 43-Jährige zu den umstrittenen Länderspiel-Terminen, zum Stand der EM-Qualifikation und zieht ein Fazit der abgelaufenen Bundesliga-Saison.

SPORT1: Herr Bierhoff, Michael Ballack gehörte in der gesamten abgelaufenen Saison nicht zum DFB-Kader, trotzdem schwelt das Thema noch immer. Können Sie nachvollziehen, dass von vielen Seiten eine Entscheidung gefordert wird? (Machen Sie es wie SPORT1 und Bastian Schweinsteiger: Unterstützen Sie München 2018)

Oliver Bierhoff: Wir sind immer gut damit gefahren, das zu tun, wovon wir überzeugt sind, egal was gerade in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Entscheidend ist, offen mit dem Spieler umzugehen, damit er weiß, woran er ist. Grundsätzlich sollte sich ein Trainer bis zum Ende jede Option offenhalten. Dass das manchmal vielleicht nicht geht, oder es der Spieler nicht will, ist eine andere Sache. Ich sehe jedenfalls auch diesmal keine Notwendigkeit, dem öffentlichen Druck zu folgen.

SPORT1: Also es ist alles offen?

Bierhoff: Jogi Löw und Michael Ballack haben miteinander gesprochen. Das sind aber alles interne Dinge. Wenn es was zu verkünden gibt, wird informiert. Wir werden uns jedoch nicht treiben lassen.

SPORT1: Ohne Michael Ballack und auch ohne Bastian Schweinsteiger und Sven Bender muss das DFB-Team nun nach einer langen Saison noch drei Länderspiele bestreiten, was nicht nur Philipp Lahm kritisiert hat.

Bierhoff: Ich kann die Kritik von Philipp zum Teil nachvollziehen. Es ist auch für uns nicht optimal, weil einige Spieler zwei bis drei Wochen Pause dazwischen haben. Aber so ist nun mal der internationale Rahmentermin-Kalender, der von der FIFA vorgegeben wird. Alle weiteren Terminplanungen von DFB und DFL, die im DFB-Präsidium immer einstimmig beschlossen werden, basieren darauf.

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SPORT 1: Dennoch kommen immer wieder Rufe auf, besonders vom FC Bayern, wegen des engen Kalenders Test-Länderspiele abzuschaffen. Ihre Antwort?

Bierhoff: Es wundert mich, dass so getan wird, als kämen die Spiele überraschend. Alles ist immer mit den Vereinen und der Liga langfristig abgesprochen. Und es ist auch nicht richtig, wenn der Eindruck suggeriert wird, als ob allein der DFB von diesen Länderspielen profitiert.

SPORT1: Ist das nicht so?

Bierhoff: Von einer starken Nationalmannschaft profitieren auch die Vereine. Und vom Geld, dass der DFB dabei einnimmt, geht der Großteil an die Basis. Dort werden wieder die zukünftigen Lizenzspieler für die Vereine groß und in jungen Jahren gefördert. Zudem sind die Vereine durch den Grundlagenvertrag an den Einnahmen der Nationalmannschaft und deren Vermarktung beteiligt. Und durch eine starke Nationalmannschaft verbessert sich auch die Auslandsvermarktung der Liga und somit der Vereine. Deshalb sollte man die Nationalmannschaft unterstützen.

SPORT1: Aber wie können Sie die Spieler nach einer Kraft raubenden Saison nochmal motivieren?

Bierhoff: Unser Ziel sind gegen Österreich und Aserbaidschan eindeutig sechs Punkte, um die EM-Qualifikation so schnell wie möglich zu sichern. Die Spiele nach der WM 2010 haben gezeigt, dass der Anspruch an die Mannschaft nach den Erfolgen der vergangenen Jahre weiterhin hoch ist. Aber das ist auch unser Anspruch. Wir wollen die Fans nicht nur von den Ergebnissen her, sondern auch von der Leistung her überzeugen, schon gegen Uruguay.

SPORT1: Trotzdem ist die Situation nicht so einfach in einem Jahr ohne großes Turnier...

Bierhoff: Die Zwischenjahre sind immer schwer. Aber bei uns kommt noch die gesteigerte Erwartungshaltung dazu. Meine Hoffnung ist, dass die Leute sehen, dass die Spieler alles geben und attraktiven Fußball spielen wollen. Eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht, aber die Leidenschaft muss immer da sein.

SPORT1: Die Hälfte des Weges zur EM 2012 ist vorbei. Wie fällt Ihr Zwischen-Fazit aus?

Bierhoff: Sehr gut. Wir haben eine hervorrange Ausgangsposition in der EM-Qualifikation - das ist das Wichtigste. Aber wir haben auch echt gute Spiele geliefert, etwa gegen die Türkei in Berlin. Und die Nationalmannschaft hat weiter ihr Image positioniert und dazu beigetragen, dass der DFB gute Gespräche mit potenziellen Partnern führen kann.

SPORT1: Steht es schon fest, wo die Mannschaft 2012 Ihr EM-Quartier beziehen wird?

Bierhoff: Wir haben uns in beiden Ländern umgeschaut und favorisieren Polen. Da gibt es noch zwei, drei Optionen und eine davon ist Danzig. Das gefällt uns recht gut, aber sind wir noch in Gesprächen. Ich hoffe, dass das spätestens zu Beginn der neuen Saison geklärt ist.

SPORT1: Und wie sieht es mit Ihrem Lieblingsprojekt aus, dem DFB-Leistungszentrum?

Bierhoff: Das bleibt mein persönlicher Traum, aber es steht noch ein bisschen in den Sternen. Ich habe mein Konzept dem DFB-Präsidium vorgestellt. Sportlich ist so ein Leistungszentrum absolut sinnvoll. Nun muss man sehen, wie so etwas konkret aussehen könnte. Da laufen gerade Gespräche.

SPORT1: Ihre Vertragsverlängerung schien vor gut einem Jahr ausgeschlossen. Nun ist sie im Zuge der Verlängerung mit Joachim Löw geräuschlos über die Bühne gegangen. Freut Sie, dass das gar kein Thema mehr war?

Bierhoff: Ich habe mir darüber nie so viele Gedanken gemacht. Ich freue mich, dass wir in dem Team so weiterarbeiten können. Aus meiner Sicht ist auch nie meine Arbeit als Teammanager in Frage gestellt worden. Sondern es ging eher um atmosphärische Störungen, besonders bei den geplatzten Vertragsgesprächen Anfang 2010. Und diese Probleme mit dem Präsidenten und dem Generalsekretär sind ausgeräumt ? das ist wichtig für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in der Zukunft.

SPORT1: Wie fällt das Fazit des Nationalmannschafts-Managers zur abgelaufenen Bundesliga-Saison aus?

Bierhoff: Die Saison war sehr spannend und interessant. Insgesamt hat die Bundesliga einen weiteren Schritt nach vorne gemacht. Mannschaften wie Dortmund, Leverkusen, Hannover oder auch Mainz haben einen interessanten Fußball gespielt und gezeigt, dass der deutschen Fußball auf konzeptioneller Ebene viel aufgeholt hat.

SPORT1: Dennoch blieb die Bundesliga nun bereits das zehnte Jahr in Folge ohne internationalen Titel...

Bierhoff: In der Champions League ist ein Titelgewinn bei Konkurrenten wie dem FC Barcelona, Manchester United oder Real Madrid bei deren Kader und finanziellen Möglichkeiten schwer. Aber in der Europa League müssten wir eigentlich gegen Mannschaften aus Portugal oder anderen Ländern bestehen können. Da muss es unser Ziel sein, den Titel zu gewinnen.

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