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Michael Ballack erzielte in 98 Länderspielen für die DFB-Auswahl 42 Treffer © getty

Michael Ballacks Karriere im DFB ist Geschichte. Am Ende fanden sich fast keine Fürsprecher mehr für den ehemaligen "Capitano".

Von Martin Volkmar

München - Ein Jahrzehnt lang war Michael Ballack der Garant für Kameras, Scheinwerferlicht und journalistische Rudelbildung.

Nach seinem WM-Aus durch Kevin Prince Boatengs brutales Foul im FA-Cup-Finale sendete die ARD im Mai 2010 sogar einen Brennpunkt, was sonst eigentlich Bundestagswahlen, Naturkatatstrophen und Volksaufständen vorbehalten ist.

Dagegen verlief das Ende von Ballacks beeindruckender Karriere in der deutschen Nationalmannschaft äußerst diskret.

Bundestrainer Joachim Löw verabschiedete seinen einstigen "Capitano" lediglich per Pressemitteilung mit warmen Worten in den vorzeitigen Ruhestand.

Für Rückfragen nicht erreichbar

Für Rückfragen war der Badener danach nicht mehr zu erreichen, ebenso wie die sonstigen DFB-Führungsmitglieder.

Auch sonst gab es zunächst kaum Reaktionen auf eine eigentlich höchst bedeutende Entscheidung.

Denn Ballack war über Jahre das Gesicht des deutschen Fußballs in der Welt, der unumstrittene Leitwolf der DFB-Auswahl und lange Zeit auch der einzige Superstar aus dem Land des dreimaligen Weltmeisters. (29125DIASHOW: Michael Ballacks Karriere in Bildern)

"Er hat eine Ära geprägt"

"Michael Ballack war ein Jahrzehnt ein sehr wichtiger Führungsspieler der Nationalmannschaft und hat enormen Anteil an den großen Erfolgen des Teams seit der WM 2002. Er hat eine Ära geprägt und sich als Kapitän stets in den Dienst der Mannschaft gestellt", erklärte Löw.

Zwischen 2001 und Mitte 2010 galt nahezu uneingeschränkt ein Bonmot von Rudi Völler: "Alles darf passieren, nur Ballack darf nicht ausfallen."

Doch mittlerweile hat sich auch der einstige Teamchef und väterliche Freund den Realitäten gebeugt, das zeigte seine pflichtschuldige Reaktion nach der Bekanntgabe.

Völler richtet den Blick nach vorne

"Nachdem diese Frage endgültig geklärt ist, kann sich Michael nun voll und ganz auf Bayer 04 Leverkusen konzentrieren. Wir haben hochgesteckte Ziele sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League", sagte der Sportdirektor von Bayer Leverkusen.

Kein Bedauern über Löws Entschluss, keine Kritik am Bundestrainer. Noch zurückhaltender präsentierten sich die Verantwortlichen der Bundesliga, die sonst ja mal ganz gerne auf Konfrontationskurs mit dem DFB gehen.

Vermutlich war es Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Allofs und anderen ganz recht, dass sie wegen des Urlaubs nicht erreichbar waren.

Ebenso wie Ballack selber, der ohnehin schon länger kaum mehr mit Journalisten spricht, von denen er sich zu wenig gewürdigt sieht.

[kaltura id="0_6h32xt84" class="full_size" title="L w begr t Kloses Wechsel"]

Löw überzeugt: DFB-Zukunft heißt nicht mehr Ballack

Noch mehr galt das zuletzt für Löw, der spätestens seit der erfolgreichen WM in Südafrika mit seinem umgebauten und stark verjüngten Team der Überzeugung war, dass die Zukunft der Nationalmannschaft nicht mehr Ballack heißt.

"Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass viele junge Spieler in den Blickpunkt gerückt sind und gute Perspektiven besitzen. Mit ihnen ist die Entwicklung der Nationalmannschaft seit der WM 2010 in Südafrika absolut positiv verlaufen", erklärte er.

Mit der Verkündung ließ sich der Bundestrainer aber fast ein Jahr Zeit und nahm mit dieser Verzögerungstaktik letztlich allen Kritikern des Rauswurfs wie etwa Völler den Wind aus den Segeln.

Endlich Zeit für eine "klare Entscheidung"

Doch nun sei "vor dem Start in die EM-Saison der Zeitpunkt gekommen, hier klar Position zu beziehen", sagte Löw: "Im Interesse aller ist daher jetzt eine ehrliche und klare Entscheidung angebracht." .(DATENCENTER: EM-Qualifikation Gruppe A)

Er habe in den Gesprächen mit Ballack den Eindruck gehabt, "dass Michael durchaus Verständnis für unsere Sichtweise hat".

Das wird aus seinem Umfeld allerdings ganz anders kolportiert. Demnach sei der 34-Jährige bis zuletzt nicht zu einer gemeinsamen Pressemitteilung bereit gewesen, weil er sich mit Blick auf die EM 2012 sportlich nach wie vor für gut genug hält.

Immerhin einen Fürsprecher fand er am Ende noch. "Wir bedauern diese Entscheidung, weil wir der Meinung sind, dass Michael Ballack nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Nationalmannschaft sein könnte", meinte Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.

Ballack lehnt Abschieds-Länderspiel offenbar ab

Deshalb soll Ballack auch das seit Wochen im Raum stehende Angebot des DFB zu einer feierlichen Verabschiedung im Rahmen seines 99. Länderspiels am 10. August in Stuttgart gegen Rekord-Weltmeister Brasilien abgelehnt haben.

"Diese Überlegungen sind ihm seit längerem bekannt. Wir hoffen, dass er dieses Angebot annimmt", meinte Generalsekretär Wolfgang Niersbach zwar. Und Löw ergänzte:

"Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass Michael Ballack als Nationalspieler in attraktivem Rahmen verabschiedet werden soll und wir ihm ein ehrliches Dankeschön für seine großen Verdienste um den deutschen Fußball sagen wollen."

Somit ist der Ball jetzt wieder in Ballacks Hälfte. Der dreimalige WM-Teilnehmer kann sich nun überlegen, ob er sich in den Schmollwinkel verzieht oder sich ein letztes Mal im Nationaltrikot feiern lässt.

Würdigung der Verdienste

Dass es dann ein salbungsvoller Abschied werden wird, steht außer Frage. Schließlich ist man sich beim Verband durchaus bewusst, was man dem langjährigen Spielführer zu verdanken hat.

"Michael Ballack gehörte über ein Jahrzehnt zu den prägendsten Gesichtern der deutschen Nationalmannschaft", sagte Reinhard Rauball, DFL-Boss und 1. Vize-Präsident des DFB:

"Als Führungsspieler national und international geachtet, war er in vielen Spielen maßgeblich für den Erfolg mitverantwortlich."

Die Zeit läuft ab

Die Vergangenheitsform in den Stellungnahmen von Rauball und Löw geben aber auch die allgemeine Meinung im deutschen Fußball wieder: Ballacks Zeit läuft ab.

Ende September wird der gebürtige Sachse 35 Jahre alt, was man ihm nach den beiden schweren Verletzungen im vergangenen Jahr auch anmerken kann.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob er zumindest im Verein noch nicht zum alten Eisen gehört. Für die Nationalmannschaft ist diese Frage seit Donnerstag endgültig beantwortet.

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