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MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Trainer Steffen Freund (l.) mit U-17- Nationalspieler Okay Aydin © getty

U-17-Trainer Steffen Freund stellt vor der WM bei SPORT1 sein Team vor und spricht auch über den Trend zu jungen Spielern.

Von Christian Stüwe

München - Die deutschen U-17-Junioren erlebten bei der Europameisterschaft in Serbien ein Wechselbad der Gefühle.

In der Gruppenphase des Turniers in Serbien stand der DFB-Nachwuchs schon vor dem Aus, startete dann aber durch und schaffte es schließlich bis ins Finale. (Bericht: U 17 - Gelebte Integration)

Dort musste sich die Mannschaft von Trainer Steffen Freund trotz zweimaliger Führung den Niederlanden letztlich mit 2:5 geschlagen geben. 418786(DIASHOW: Das sind die Stars der U 17)

Doch diese Enttäuschung rückt nun in den Hintergrund, mit der Weltmeisterschaft in Mexiko steht das nächste Highlight an - und somit eine neue Chance auf einen Titel.

Im SPORT1-Interview stellt Steffen Freund sein Team vor, spricht über Spielweise, Gegner und einen Torjäger mit Spitznamen "Gerd".

SPORT1: Herr Freund, was ist bei der WM in Mexiko von Ihrer Mannschaft zu erwarten?

Steffen Freund: Unser erklärtes Ziel ist das Achtelfinale. Sollten wir das erreichen, werden wir sehen, was noch möglich ist.

SPORT1: Ihre Mannschaft ist Vize-Europameister. Ist man dann nicht automatisch Titelkandidat?

Freund: Es ist verständlich, wenn man den Vize-Europameister zu den WM-Favoriten zählt. Aber wir wissen, wie eng es bei der EM war. Wir gingen dank einer hervorragenden Qualifikation mit sechs Siegen gegen schwere Gegner als Topfavorit in das Turnier in Serbien. Durch die Auftaktniederlage gegen die Niederlande standen wir dann schnell unter großem Druck. Im zweiten Spiel waren wir bis zur 80. Minute quasi ausgeschieden und hätten uns somit gar nicht für die WM qualifiziert. Wir haben das noch in den Köpfen und wollen aus dieser Erfahrung lernen. Es ist daher wichtig, am Boden zu bleiben und von Spiel zu Spiel zu denken.

SPORT1: Wer sind denn für Sie die Favoriten auf die Weltmeisterschaft?

Freund: Brasilien und Argentinien gehören für mich zum engeren Favoritenkreis - auch Europameister Niederlande zählt dazu. Burkina Faso ist U-17-Afrikameister und könnte auch eine bedeutende Rolle spielen. Nicht zu vergessen ist natürlich Gastgeber Mexiko, die das ganze Land hinter sich haben. Im Allgemeinen haben Mannschaften aus Südamerika sicherlich einen Vorteil, weil sie die Temperaturen und die Höhe gewohnt sind. Daher glaube ich, dass sie weit kommen werden. Für die europäischen Mannschaften wird das schwerer - obwohl auch jedes der sechs europäischen Teams die Voraussetzungen dazu hat, es weit zu schaffen.

[kaltura id="0_rzn4nmui" class="full_size" title="Ballack wird aussortiert"]

SPORT1: Wie schätzen Sie die Vorrundengegner ein?

Freund: Ecuador hat Argentinien bei der Copa America mit 2:1 geschlagen. Von daher gehe ich davon aus, dass wir auf einen starken Gegner treffen werden. Burkina Faso zählt für mich, wie gesagt, zu den Mitfavoriten. Wir haben sie beim Afrika-Cup in Ägypten beobachtet. Die afrikanischen Teams sind sehr stark und Burkina Faso hat sich problemlos durchgesetzt. Das ist schon beeindruckend. Panama ist zum ersten Mal bei einer WM dabei. Man kann sich vorstellen, was das für die Spieler bedeutet. Das wird nicht einfach für uns. Wir müssen an uns und unsere Qualität glauben.

SPORT1: Die U-17-Spieler sind der breiten Öffentlichkeit noch nicht so bekannt. Wer sind denn die Stützen in Ihrer Mannschaft?

Freund: Im Mannschaftsrat sitzen Kapitän Emre Can von Bayern München, Robin Yalcin vom VfB Stuttgart, Torwart Odisseas Vlachodimos vom VfB Stuttgart und Noah Korczowski von Schalke 04. Das sind die Spieler, die mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld sind. Noah ist nach einem Knöchelbruch gerade erst zurückgekommen. Da fehlt noch ein bisschen, aber er ist auf einem sehr guten Weg. Can und Yalcin führen die Mannschaft auf dem Platz.

SPORT1: Ragt Torjäger Samed Yesil in gewisser Weise aus der Mannschaft heraus?

Freund: In der Offensive auf jeden Fall. Er hat in 14 Länderspielen 13 Tore erzielt. Das ist sagenhaft. Nicht umsonst haben wir ihm den Spitznamen "Gerd" verpasst, frei nach dem "Bomber" Gerd Müller. Er kann jederzeit ein Spiel für uns entscheiden. Das ist für den Trainer und auch für die Spieler sehr wichtig, einen solchen Torjäger in der Mannschaft zu haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er trifft.

SPORT1: Matthias Sammer hat kürzlich bemängelt, dass die Junioren-Mannschaften zu verspielt seien. Sehen Sie solche Tendenzen auch in Ihrem Team?

Freund: Zielorientiert zu sein, ist das Wichtigste. Wenn ich als Offensivspieler fünf, sechs oder sogar sieben Möglichkeiten brauche, um ein Tor zu machen, dann ist das nicht gut genug. Genauso wichtig ist es, in der Defensive die entscheidenden Zweikämpfe zu gewinnen. Wenn ich diese Zweikämpfe verliere, verliere ich das Spiel. Das müssen wir den Jungs beibringen. Das ist es, was Matthias Sammer meint und was ich auch immer wieder den Jungs zu sagen versuche. Dann können wir auch Titel gewinnen, und das ist unser Anspruch beim DFB.

SPORT1: Sie waren als Spieler ein Kämpfer mit großem Siegeswillen. Können Sie den jungen Spielern Ihre Erfahrungen vermitteln?

Freund: Ich habe während meiner aktiven Laufbahn alles durchgemacht - positiv wie negativ. Diese Erfahrungen gebe ich jetzt an meine Spieler weiter. Sich Theorie anzueignen ist sehr wichtig, aber auch nur eine Seite. Spielern von eigenen Erlebnissen berichten zu können, die andere. Das, was ich den Spielern sage, habe ich selbst erlebt. Ich glaube daher, dass es ein großer Vorteil ist.

SPORT1: Sie haben in Ihrer Karriere sehr viel erlebt. Welchen Stellenwert nimmt die U-17-WM für Sie persönlich ein?

Freund: In meiner bisherigen Trainerkarriere ist es der Höhepunkt. Man sollte das getrennt sehen. Ich bin jetzt Trainer und stehe vor der Gruppe. Ich habe genau das umzusetzen, was ich früher von Ottmar Hitzfeld und meinen anderen früheren Trainern verlangt habe. Sie hatten es nicht einfach mit mir. Jetzt merke ich, dass es auch für mich nicht einfach ist, alles unter einen Hut zu bringen, um am Ende mit meinem Betreuerteam, mit meinen Jungs erfolgreich zu sein. Denn nur darum geht es im Fußball.

SPORT1: In der Bundesliga zeichnet sich ein Trend hin zu jungen Spielern ab. Der HSV etwa hat zuletzt vier Talente vom FC Chelsea verpflichtet. Ist das der richtige Weg?

Freund: Das ist gar nicht aufzuhalten. Es war sehr wichtig, die Nachwuchsleistungszentren als Basis für die Jugendarbeit einzuführen. Die jungen Spieler werden aus meiner Sicht bei den Vereinen und beim DFB fast sehr gut ausgebildet. Ich denke, dass Spieler wie Toni Kroos und Mario Götze erst der Anfang sind. Deutsche Fußballer sind sehr geachtet in der Welt. Unsere Aufgabe ist es, dass die jungen Spieler die Möglichkeit bekommen, große Turniere wie EM und WM zu spielen. Diese Erfahrungen erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Spieler oben ankommen. Und ich behaupte mal, dass wird nicht nur einer sein.

SPORT1: Nochmal zurück zum HSV. Kennen Sie die Spieler Michael Mancienne, Jacopo Sala, Gökhan Töre und Jeffrey Bruma?

Freund: Ich hatte bisher leider keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Ich bin seit einem halben Jahr nur mit meiner U-Mannschaft unterwegs. Aber die Verpflichtungen sind gekoppelt an die Verpflichtung von Frank Arnesen. Der neue Sportdirektor kennt sich sehr gut aus. Ich kenne ihn selber, er wollte mich noch als Spieler 1996 zu PSV Eindhoven holen. Ich glaube, dass der HSV einen sehr guten Manager geholt hat, der sich sehr gut im europäischen Fußball auskennt. Er hat bei großen Vereinen wie Tottenham Hotspur und Chelsea London gearbeitet. Ich denke, wenn man ihm vertraut, kann sich dort einiges entwickeln. Junge Spieler brauchen aber Zeit. Es ist dann die Frage, ob man sie in Verbindung mit dem jeweiligen Trainer bekommt.

SPORT1: Beim FC Bayern München steht mit Jerome Boateng ein Ex-Junioren-Nationalspieler vor der Rückkehr. Denken Sie, das würde gut passen?

Freund: Das würde super passen. Er will in Deutschland Fuß fassen und Stammspieler in der Nationalelf werden. Ich freue mich immer, wenn ein Spieler den Mut hat, ins Ausland zu wechseln. Aber Jerome sollte man vielleicht erstmal noch ein bisschen besser in Deutschland kennenlernen. In seiner Situation wäre eine Rückkehr nach Deutschland genau richtig.

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