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Im Herbst 2008 kommt es fast zum Bruch mit Bundestrainer Joachim Löw: Ballack kritisiert in einem Zeitungsinterview den Umgang des Bundestrainers mit altgedienten Spielern heftig, es wird über gravierende Konsequenzen bis hin zum Rauswurf aus dem DFB-Team diskutiert. Aber Ballack ist Löw zu wichtig
Michael Ballack (l.) spielt seit 2010 bei Bayer Leverkusen © Getty Images

Der entmachtete Capitano schießt das angebotene Abschiedsspiel in den Wind und verurteilt die Entscheidung des Bundestrainers.

Frankfurt/Main - Michael Ballack hat Bundestrainer Joachim Löw Scheinheiligkeit vorgeworfen und das ihm angebotene Abschiedsspiel gegen Brasilien wie erwartet abgelehnt.

Nur einen Tag nach seiner Ausbootung aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft attackierte der 34-Jährige Löw heftig und empfand den vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) für den 10. August in Stuttgart gegen den Rekordweltmeister geplanten Abschied als eine Unverschämtheit (Bericht: Diskretes Ende für den ehemaligen Leitwolf).

"Ein längst vereinbartes Freundschaftsspiel jetzt als Abschied zu deklarieren, ist aus meiner Sicht eine Farce. Ich weiß, dass ich meinen Fans dieses Spiel eigentlich schuldig bin, aber ich kann dieses Angebot nicht annehmen", sagte Ballack am Freitag.

Und weiter: "Ich habe gestern im Urlaub durch eine Pressemitteilung erfahren, dass der Bundestrainer nicht mehr mit mir plant. Form und Inhalt der Mitteilung sind leider bezeichnend dafür, wie sich der Bundestrainer mir gegenüber seit meiner schweren Verletzung im Sommer letzten Jahres verhalten hat."

Ballack widerspricht Löw

Der Mittelfeldspieler vom Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen bezichtigte den Bundestrainer sogar, in der Öffentlichkeit die Unwahrheit gesagt zu haben.

"Form und Inhalt der Nachricht überraschen und enttäuschen mich zugleich, weil sie die vom Bundestrainer mir gegenüber gemachten Aussagen in keinster Weise widerspiegeln", erklärte ein tief enttäuschter Ballack.

"Wenn jetzt so getan wird, als sei man mit mir und meiner Rolle (...) jederzeit offen und ehrlich umgegangen, ist das an Scheinheiligkeit nicht mehr zu überbieten", ärgerte sich Ballack in einer Erklärung, die sein Berater Michael Becker verbreitet hat.

"Total ehrlich gemeint"

"Es ist schade, dass Michael so reagiert", sagte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach in einer ersten Reaktion. "Seit Ende März stand der Bundestrainer ständig mit ihm in Kontakt und hat in aller Offenheit mit ihm über seine sportliche Situation geredet, weil er das verdient hat." Das Angebot eines Abschiedsspiel hätten "alle, besonders Joachim Löw, total ehrlich gemeint".

Löw hatte am Donnerstag via Pressemitteilung erklärt, dass er in der DFB-Auswahl in Zukunft nicht mehr mit Ballack plant. Laut Löw habe Ballack in einem Gespräch im März aber "durchaus Verständnis" für die Sichtweise der Nationalmannschaftsführung gezeigt.

Ballack enttäuscht

"Im Interesse aller ist eine ehrliche und klare Entscheidung angebracht", sagte Löw.

Diese Wahrnehmung verwies Ballack am Freitag aber ins Reich der Fabel.

[kaltura id="0_rzn4nmui" class="full_size" title="Vom Unersetzlichen zum Aussortierten"]

Zudem stößt dem ehemaligen England-Legionär noch immer bitter auf, dass Löw in den vergangenen zwölf Monaten stets sagte: "Wenn Michael Ballack wieder fit ist, dann ist er auch mein Kapitän."

Nach DFB-Darstellung kannte Ballack seit dem Gespräch am 30. März Löws Meinung über seine sportliche Zukunft. Es seien damals Stillschweigen und nach einer Bedenkzeit ein neues Gespräch vereinbart worden. Dieses sei nach den letzten Länderspielen nicht in die Tat umgesetzt worden, weil der Kontakt nicht zustande gekommen sei.

Keine Lust auf Nummer 99

Ballacks Uhr war nach dem verletzungsbedingten WM-Aus offenbar längst abgelaufen. (EINWURF: Richtig, aber zu spät)

Löw nahm Ballack mit der Aussortierung zudem die Chance, seine Laufbahn bei der EURO 2012 in Polen und der Ukraine mit einem großen internationalen Titel zu krönen. Zwar bot Löw dem "Capitano" an, gegen Brasilien im August zum Abschied ein 99. Länderspiel für die DFB-Auswahl zu absolvieren, doch darauf hat Ballack überhaupt keine Lust.

Für den früheren DFB-Kapitän ist es tragisch genug, dass er nun nicht mehr mit 100 oder mehr Länderspielen in den "Club der Hunderter" einziehen kann.

Löw bevorzugt Höwedes

Ballack spürte bereits seit der WM, die er nach einem brutalen Foul von Kevin Boateng im englischen Pokalfinale verpasst hatte, dass er im Kreis der Nationalmannschaft nicht mehr gewollt war.

Ganz deutlich wurde das zuletzt wieder bei der Nominierung für die EM-Qualifikationsspiele gegen Österreich und Aserbaidschan, als Löw trotz großer Personalnot im defensiven Mittelfeld einen Benedikt Höwedes oder Sebastian Rudy bevorzugte.

Verständnis für den Frust des gebürtigen Görlitzers zeigte auch die zweimalige Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt. Die Vorsitzende des Kuratoriums der Bewerbungsgesellschaft München 2018 bedauerte die Art und Weise des Karriereendes von Ballack in der Nationalmannschaft.

Matthäus stützt Löw

"Michael Ballack kann auf eine großartige Karriere stolz zurückblicken, aber es ist natürlich immer besser, wenn man als Leistungssportler selbst den Abschied bestimmen kann", sagte Witt (29125DIASHOW: Michael Ballacks Karriere in Bildern).

Auch Franz Beckenbauer riet dem Capitano zu einem Abschiedsspiel: "Ich kann ihm nur empfehlen, das Angebot anzunehmen und sich gegen Brasilien mit einem tollen Spiel zu verabschieden", sagte Beckenbauer der "Bild" (Bericht: Beckenbauer rät Ballack zu Abschiedsspiel).

Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus unterstrich dagegen, dass Löw die richtige Entscheidung getroffen habe.

"Man hat gesehen, dass die Nationalelf auch ohne ihn stark ist, und man will die Entwicklung dieser Mannschaft nicht stören. Ich an seiner Stelle würde das Abschiedsspiel spielen, denn er würde mit Standing Ovations verabschiedet", sagte Matthäus.

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