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Michael Ballack (l.) absolvierte am 3. März 2010 sein letztes Länderspiel © getty

Ballack wirft dem Bundestrainer Scheinheiligkeit vor. Angeblich soll er aber vorab über Löws Entscheidung informiert worden sein.

Von Thorsten Mesch

München - Kalt abserviert durch eine Pressemitteilung, so fühlte sich Michael Ballack, nachdem er am Donnerstag von seinem Aus im DFB-Team erfahren hatte.

Hitzig und persönlich tief getroffen, so wirkte Ballacks Reaktion, die er am Freitag verbreiten ließ. (Bericht: Ballack greift Löw an)

"An Scheinheiligkeit nicht zu überbieten" sei es, wenn beim DFB so getan werde, "als sei man mit mir und meiner Rolle als Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft jederzeit offen und ehrlich umgegangen".

Er sei "überrascht und enttäuscht" über die Form und den Inhalt der Nachricht, die ihn am Donnerstag im Urlaub erreicht habe", ließ der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen verkünden.

Löw: "An meinen Aussagen wird sich nichts ändern"

Löw reagierte gelassen auf die heftige Kritik seines ehemaligen Kapitäns.

"Ich weiß genau, was in meinen Gesprächen mit Michael besprochen wurde. An meinen Aussagen wird sich nichts ändern", erklärte Löw am Samstag.

Ballack vorab informiert?

Spricht Ballack die Wahrheit? Hat er tatsächlich erst am Donnerstag von seiner Ausbootung erfahren?

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach erklärte am Samstag, er habe in den vergangenen Wochen "stets engen Kontakt zur Vereinsführung von Bayer Leverkusen" gehabt. "Michael selbst habe ich per SMS vorab über die Veröffentlichung der Pressemitteilung informiert", so Niersbach auf der DFB-Homepage.

Holzhäuser: Sache zwischen Ballack und Löw

"Wir haben als Klub zu dieser Angelegenheit alles gesagt. Darüber hinaus ist dies eine Sache vornehmlich zwischen Michael Ballack und Joachim Löw", erklärte Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser auf Nachfrage von SPORT1.

"Deshalb betrachten wir es nicht als unsere Aufgabe, uns in irgendeiner Weise kommentierend oder bewertend einzubringen."

Entscheidung schon Ende März

Die Entscheidung über das Ende der Ära Ballack wurde bereits am Tag nach der 1:2-Testspielniederlage der DFB-Auswahl gegen Australien gefällt.

"Der Bundestrainer hat Michael bei einem Treffen am 30. März 2011 klar gesagt, dass er nicht mehr mit ihm plant", so Niersbach.

Laut "Express" soll Löw bei dem Treffen in Meerbusch zu Ballack gesagt haben: ""Das war es, lass es mal sacken. Wir können dann noch einmal telefonieren."

Beide Seiten vereinbaren Stillschweigen

Danach habe man "gemeinsam vereinbart, zunächst Stillschweigen zu bewahren, Michael auch Zeit zu geben, nochmals in aller Ruhe nachzudenken, um dann in einem abschließenden Gespräch mit Joachim Löw festzulegen, wie die Entscheidung letztlich kommuniziert werden sollte", erklärte Niersbach.

"In dieser Zeit gab es auch einige Telefonate zwischen dem Bundestrainer und Michael, seit Anfang Mai auch zwischen Michael und mir."

[kaltura id="0_rzn4nmui" class="full_size" title="Vom Unersetzlichen zum Aussortierten"]

Letztes Gespräch vor dem Uruguay-Spiel

Vor dem Länderspiel gegen Uruguay Ende Mai habe man Ballack gegen den WM-Vierten einen Platz im Kader angeboten. Am 10. August im Test gegen Brasilien hätte er dann sein 100. und gleichzeitig letztes Länderspiel absolvieren sollen, erklärte Niersbach.

(29125DIASHOW: Michael Ballacks Karriere in Bildern).

Ballack habe allerdings abgelehnt und gesagt, die Zahl 100 sei ihm nicht wichtig.

Ballack für Löw nicht zu erreichen

Der DFB habe dann Ballacks Wunsch, selbst seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft bekanntzugeben, zugestimmt. Ballack habe ihm mitgeteilt, so Niersbach, dass seinen Rücktritt erst nach den Länderspielen gegen Uruguay, Österreich und Aserbaidschan bekanntgeben wolle.

Bekanntermaßen hat Ballack dies jedoch nicht getan. Der 34-Jährige sei fortan aber für Löw nicht mehr zu erreichen gewesen, meinte Niersbach.

"Dritte Person" als Vermittler

Am vergangenen Dienstag sei Ballack "über eine dritte Person" gebeten worden, sich bei ihm zu melden.

Nach "Express"-Informationen soll der ehemalige DFB-Teamchef und jetzige Leverkusener Sportchef Rudi Völler diese dritte Person gewesen sein.

Eine Frist bis zum 15. Juni ließ Ballack verstreichen, am 16. wurde sein Aus per DFB-Pressemitteilung veröffentlicht (EINWURF: Richtig, aber zu spät).

Ballack lehnt Abschiedsspiel ab

Form und Inhalt der Mitteilung seien "leider bezeichnend dafür, wie sich der Bundestrainer mir gegenüber seit meiner schweren Verletzung im Sommer letzten Jahres verhalten hat", klagte Ballack.

Das Angebot, gegen Brasilien ein letztes Mal im DFB-Trikot aufzulaufen, lehnte er ab.

"Ein längst vereinbartes Freundschaftsspiel jetzt als Abschied zu deklarieren, ist aus meiner Sicht eine Farce", erklärte Ballack und betonte, er könne dieses "Angebot" nicht annehmen.

Zwanziger zeigt sich enttäuscht

DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger reagierte enttäuscht auf Ballacks Absage. "Es tut mir persönlich sehr leid, dass es zu keiner einvernehmlichen Lösung gekommen ist", sagte Zwanziger der "Bild".

"Michael Ballack war eine große Spielerpersönlichkeit", betonte Zwanziger, "aber natürlich stehe ich bei der Entscheidung hinter Bundestrainer Löw und Generalsekretär Niersbach". (Bericht: Beckenbauer rät Ballack zu Abschiedsspiel)

Niersbach: "Haltung bleibt positiv und offen"

Niersbach betonte: "Ich selbst hatte in all den Jahren immer ein gutes Verhältnis zu Michael, ich habe ihn als Sportler ebenso geschätzt wie als Mensch."

Ballack habe "viel für die Nationalmannschaft getan", der DFB und die Nationalmannschaft hätten ihm aber auch "sehr viel gegeben".

Er könne und wolle "nicht an das Ende der freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns glauben. Unsere Haltung ihm gegenüber bleibt positiv und offen. Auf dieser Basis sollten wir auch wieder einen gemeinsamen Weg der Kommunikation finden".

Noch kein Ende der Diskussionen

Monatelang überlagerte Ballacks ungeklärte Nationalmannschafts-Zukunft die sportliche Berichterstattung.

Und auch nach Löws Entscheidung wird das Thema wohl noch lange für Diskussionen sorgen.

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