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Michael Ballack (r.) war bis zur WM 2010 unumstrittener DFB-Kapitän © getty

Der Ex-Kapitän widerspricht erneut den DFB-Aussagen. Demnach habe der Bundestrainer nie vom Aus im Nationalteam gesprochen.

Von Martin Volkmar und Thomas Klein

München/Leverkusen - Alle Augen waren am Sonntagnachmittag auf Michael Ballack gerichtet.

Doch nach der ersten Trainingseinheit mit Bayer Leverkusen lief der 34-Jährige an den zahlreichen Kamerateams und Journalisten vorbei und verweigerte ein Statement zu seiner Ausbootung aus der Nationalmannschaft.

Zeitgleich ließ Ballack aber zum zweiten Mal binnen zwei Tagen eine persönliche Erklärung verbreiten.

Darin wies er die ausführlichen Aussagen von DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach vom Samstag zum Ablauf seiner Gespräche mit Joachim Löw zurück und bezichtigte den Bundestrainer im Prinzip der Lüge. (BERICHT: Ballack oder Löw - wer sagt die Wahrheit?)

"Schlichtweg nicht wahr"

"Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss. Fakt ist jedoch, dass niemand, auch nicht Wolfgang Niersbach, auch nur bei einem einzigen der Gespräche dabei war, die der Bundestrainer und ich geführt haben", schrieb Ballack.

"Wenn der Bundestrainer Wolfgang Niersbach erzählt haben sollte, er habe bei unserem Gespräch am 30. März zu mir gesagt: 'Micha, das wars für dich und lass das jetzt mal sacken', oder 'Ich plane nicht mehr mit dir', dann ist das schlichtweg nicht wahr. Das genaue Gegenteil war der Fall."

Weiter heißt es: "In diesem Gespräch vermittelte er mir, dass er mich nach meinen Verletzungen wieder auf einem guten Weg sieht und durchaus daran glaubt, dass ich es in jedem Fall noch einmal schaffen kann, in die Nationalmannschaft zurückzukehren; dass ich ein Kämpfertyp sei. Er hat mich motiviert und aufgefordert, nicht hinzuschmeißen."

Entschluss zum Rücktritt selber getroffen

Auch habe er selber im Mai den Entschluss zum Rücktritt getroffen, so Ballack.

"Diese Überlegung teilte ich dann dem Bundestrainer und auch Wolfgang Niersbach mit. Wir vereinbarten, dass ich in der Sommerpause meinen Rücktritt selbst bekannt geben dürfe. Ein genaues Datum, geschweige denn eine Frist, stand dabei nie zur Debatte."

Löw reagierte darauf knapp: "Ich habe die Erklärung von Michael Ballack gelesen und kann nur wiederholen: Ich stehe zu meinen Aussagen."

[kaltura id="0_arzjgm7w" class="full_size" title="V ller spricht Klartext Keiner hat sich mit Ruhm bekleckert "]

Somit steht weiter Aussage gegen Aussage, womit sich auch die Hoffnung von Rudi Völler zerschlagen haben dürfte, "dass es in dieser Geschichte noch eine versöhnliche Variante gibt".

Allerdings hatte der Sportchef von Bayer Leverkusen auf einer Pressekonferenz vor dem Saison-Auftakt nachgeschoben:

Völler: "Ich weiß, wie stur Ballack sein kann"

"Ich weiß auch, wie stur Michael Ballack sein kann. Das ist dann nicht ganz so einfach." (29125DIASHOW: Michael Ballacks Karriere in Bildern).

Zudem zeigte der ehemalige DFB-Teamchef Verständnis für Löws Verzicht auf den einstigen "Capitano":

"Die Entscheidung ist absolut legitim, das ist das gute Recht eines Bundestrainers. Die Art und Weise hätte man sicherlich anders machen können", sagte er.

Kritik an allen Beteiligten

"In den vergangenen zwei, drei Tagen haben sich alle Beteiligten in dieser Frage sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert. Ob das Wolfgang Niersbach, Jogi Löw oder Michael Ballack waren. Das hätten wir uns sparen können. Was mich gestört hat, ist, dass nicht vernünftig miteinander geredet wurde."

Das bezog Völler auch auf die erste Stellungnahme Ballacks am Freitag, in der er dem Bundestrainer unter anderem "Scheinheiligkeit" vorgeworfen hatte:

"Das ist nicht so durchgeführt worden wie wir das bei Bayer Leverkusen gewohnnt sind". (Bericht: Ballack greift Löw an)

Dennoch hoffte Völler zu diesem Zeitpunkt noch ebenso wie der neue Coach Robin Dutt, dass "das Thema abgehakt ist".

DFB: Ballack-Aus schon am 30. März beschlossen

Doch danach sieht es nach Ballacks Replik auf die ausführlichen Ausführungen von Niersbach nicht aus.

Der Generalsekretär hatte die massiven Vorwürfe zurückgewiesen und detalliert über die Abläufe berichtet.

Demnach habe Löw bereits bei einem Treffen in Meerbusch bei Düsseldorf nach dem Länderspiel gegen Australien (1:2) Ballack mitgeteilt, dass der Kapitän keine Zukunft mehr in der DFB-Auswahl habe.

Gleichzeitig sei ihm angeboten worden, sowohl im Testspiel Ende Mai gegen Uruguay (2:1) als auch im "Klassiker" gegen Brasilien am 10. August zum Einsatz und somit auf 100 Länderspiele zu kommen.

"Einen Einsatz gegen Uruguay wollte Michael aber nicht, weil ihm die Zahl nicht so wichtig war, dass er sie unter allen Umständen erreichen wollte - so jedenfalls hatte er es mir vermittelt", erklärte Niersbach.

Nach Ende der Bedenkzeit nicht mehr erreichbar

Man habe sich dann auf Bedenkzeit bis nach dem letzten Länderspiel am 7. Juni in Aserbaidschan (3:1) geeinigt, doch danach sei Ballack in seinem Urlaub in den USA und auf Sardinien nicht mehr zu erreichen gewesen.

"Ich habe ihm am Tag des Länderspiels in Baku auf seine Mobilnummern jeweils eine SMS geschickt und außerdem auf Mailbox die Bitte hinterlegt, dass er sich bei mir melden solle", berichtete Niersbach.

"Es gab darauf ebenso wie auf einen Anruf und eine SMS des Bundestrainers keine Reaktion von ihm."

Zudem scheiterte bis zum Ende der angeblich vom DFB gesetzten Frist am 15. Juni auch eine Kontaktaufnahme über Teammanager Oliver Bierhoff oder über einen Mittelsmann bei Bayer Leverkusen, dem Vernehmen nach Völler.

"Der Zeitpunkt war überreif"

"Darauf haben wir entschieden, am Donnerstag die Pressemitteilung herauszugeben, weil der Zeitpunkt eigentlich überreif war, in dieser wichtigen Personalie klar Position zu beziehen", sagte Niersbach.

Ballacks Berater Michael Becker erklärte dagegen im Berliner "Tagesspiegel", niemand vom DFB habe vor der Veröffentlichung Kontakt mit seinem Mandanten aufgenommen.

Zudem habe auch das von Löw angekündigte abschließende Gespräch mit dem Ex-Spielführer "nicht stattgefunden".

Abschiedsspiel abgelehnt

Ballack selber hatte das Angebot eines Abschieds-Länderspiels in einer Stellungnahme am Freitag als "Farce" bezeichnet und dementsprechend abgelehnt.

Somit dürfte die langjährige und erfolgreiche DFB-Karriere Ballacks nicht wie vom Verband weiter erhofft freundschaftlich enden.

Vielmehr läuft ein Rosenkrieg mit gegenseitigen Beschuldigungen, dessen Ende nicht abzusehen ist.

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