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Michael Ballack (l.) und Trainer Joachim Löw erreichten 2008 das EM-Finale © getty

Unrühmlicher hätte die Karriere von Michael Ballack im Nationalteam nicht enden können. Gestört war das Verhältnis schon lang.

Von Mathias Frohnapfel

München - Sie haben miteinander gesprochen und sich doch nicht verstanden.

Wie sonst wäre zu erklären, dass Michael Ballack und Joachim Löw am 30. März über Ballacks Zukunft in der Nationalelf diskutiert und ganz unterschiedliche Ergebnisse dieser Unterhaltung im Kopf haben.

Die Schlammschlacht zwischen den Beteiligten ist im vollen Gang.

Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger wird die Lage nicht so leicht kitten können.

Zwanziger hatte in der "Sport Bild" erklärt, dass das Angebot eines Abschiedsspiels für Ballack gegen Brasilien trotz dessen herber Kritik bestehen bleibe (NEWS: Zwanziger erneuert Angebot).

Ballack: Löw sagt die Unwahrheit

Dabei bezichtigt Ballack Löw, die Unwahrheit zu sagen (BERICHT: Ballack: Löw sagt die Unwahrheit).

Es ist der Höhepunkt einer Entfremdung zwischen dem einstigen Leitwolf im DFB-Team und dem Bundestrainer.

Seit 2008 gab es immer wieder Risse in dem Verhältnis (29125DIASHOW: Michael Ballacks Karriere in Bildern).

Löw lässt Kapitän im Regen stehen

Löw stützte seinen Kapitän, so lange der für ihn sportlich unverzichtbar war, danach ließ er ihn mehr als einmal im Regen stehen.

Vor allem bei Führungsstil und Entwicklung der Mannschaft hatten Löw und sein Kapitän unterschiedliche Ansichten.

Schon im EM-Teamquartier am Lago Maggiore knirschte es. Nach dem verlorenen Gruppenspiel gegen Kroatien ärgerte sich Ballack über die Wohlfühlatmosphäre, sogar die Frauen durften ins Mannschaftshotel zu Besuch kommen.

[kaltura id="0_4xch66iw" class="full_size" title="Der Fall Ballack Das sagen die Fans"]

Ballack organisiert Sitzung - ohne Trainer

Der Capitano hatte damals eine teaminterne Aussprache organisiert - ohne Trainer.

Nicht jeder war von Ballacks Durchgreifen begeistert, auch Arne Friedrich und Philipp Lahm gehörten dazu.

"Fußball ist nicht immer nur Harmonie", sagte Ballack 2008 in der Schweiz. "Es gehört auch mal dazu, dass es laut und unsachlich wird."

Deutschland kämpfte sich bis ins EM-Endspiel.

Keine flache Hierarchie

Instinktiv hatte der gebürtige Görlitzer auf den Stil zurückgegriffen, den er selbst bei seinem Start in der Nationalelf 1999 kennengelernt hatte.

Kernige Typen wie Lothar Matthäus und Oliver Kahn gaben damals die Richtung vor, die Hierarchie war klar von oben nach unten und keineswegs flach angelegt.

Den Aufstand gegen die Bosse zu proben, das wagte kein Jungspund.

Das sollte sich ändern. Auch weil Ballacks Position immer mehr geschwächt wurde.

Auf das Interview folgt die Abbitte

Nach Ballacks Zehen-OP im Oktober 2009 meldete sich der Bundestrainer nicht bei ihm, was Ballack zu einem Rundumschlag nutzte.

Er verteidigte seinen Kumpel Torsten Frings nach dessen Degradierung im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland.

Zudem ärgerte er sich darüber, dass in der Öffentlichkeit "gestandene Leistungsträger wie Torsten Frings, Miroslav Klose und auch ich plötzlich in Frage gestellt" wurden.

Ballack vermisste Loyalität und bezweifelte, dass Löw sich tatsächlich stringent an das immer wieder gepredigte Leistungsprinzip hielt.

Starker Tobak für den Bundestrainer. Der reagierte und machte klar, wer der Boss ist. "Er trifft die Entscheidungen", kleidete Ballack nach zehntägigem Abwarten sein öffentliches Sorry in Worte.

Ohrfeige ohne Konsequenz

Im Anschluss sank Ballacks Stern ebenso sehr wie neue Spieler wie Mesut Özil ins Rampenlicht rückten.

Binnen zwei Jahren nach der vom Kapitän initiierten Hotelrunde folgte Rückschlag um Rückschlag: Podolski ohrfeigte Ballack auf dem Platz (2009) und musste dafür nicht einmal eine Geldstrafe zahlen.

"Das ist Philipps Meinung"

Bei der WM 2010 fehlte Ballack verletzt, reiste trotzdem zu einer Stippvisite ins Teamquartier.

In Englands Nationalteam durfte der gleichfalls verletzte David Beckham mit auf der Bank sitzen, in Deutschlands Team löste Ballacks Besuch indes keine Begeisterung aus, er schien lediglich geduldet.

Und Philipp Lahm durfte vor dem WM-Halbfinale öffentlich Ansprüche aufs Kapitänsamt erheben, ohne dass Joachim Löw den vorwitzigen Verteidiger in irgendeiner Form einbremste.

"Jeder kann hier seine Meinung sagen, und das ist die Meinung von Philipp", sagte Löw damals.

Wirbel nach angeblicher Berater-Aussage

Ballacks Berater Michael Becker sprach laut "Spiegel" nach der WM von einer "Schwulencombo" in der Nationalmannschaft.

Becker dementierte diese Aussage zwar, doch enormen Wirbel hatte die "Spiegel"-Geschichte schon so entfacht.

Nach der WM dauerte es quälend lang bis Löw bekanntgab, dass Ballack Kapitän bleiben werde, ihn Lahm aber vertreten solle, so lange der Routinier noch nicht im Team zurück sei.

Ein ganzes Jahr zog sich anschließend die "Causa Ballack", ehe Löw das Ende von Ballacks Nationalelf Karriere verkündete. Der Rosenkrieg hat aber gerade erst begonnen.

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