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Anatolij Tymoshchuk kam 2009 von Zenit St. Petersburg zum FC Bayern München © getty

Die Ukraine werkelt an der Infrastruktur für die EM und am Team. Im Test gegen die DFB-Elf will Tymoshchuk ein Zeichen setzen.

Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch

Kiew - Der letzte Feinschliff fehlt noch.

Die Wände des Presseraums im neu erbauten Olympiastadion von Kiew sind zwar frisch gestrichen, aber Steckdosen sind kaum zu finden.

Im Innenraum ist zwar alles bereit für das Eröffnungsspiel gegen die deutsche Mannschaft am Abend (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER), doch es drängt sich der Eindruck auf, "dass man noch ein bisschen auf einer Baustelle ist", sagt Jochen Stutzky.

Der SPORT1-TV-Reporter ist schon seit ein paar Tagen in der Ukraine unterwegs. Seine Reise begann in Donezk, von dort fuhr er über Charkow nach Kiew. Im Mietwagen.

"Die Straßen sind schlecht, und mit 90 Stundenkilometern auf der Autobahn zu fahren ist nicht gerade angenehm", berichtet Jochen und empfiehlt: "Besser den Zug nehmen!"

Brennende Felder und viele Kontrollen

Brennende Getreidefelder am Straßenrand habe er mehrfach gesehen. Noch häufiger allerdings Polizeikontrollen.

"Einmal wurden wir angehalten, weil wir angeblich über eine Rote Ampel gefahren sein sollen", erzählt Stutzky.

Mit umgerechnet 20 Euro fiel das Bußgeld aber noch glimpflich aus.

300 Millionen vom Oligarchen

Mehr als 3500 Kilometer Straßen sollen laut Verkehrsminister Boris Kolesnikow bis zur EM neu gebaut oder saniert werden.

Ob es sich dabei aber um echte Autobahnkilometer oder um "Straßen mit Autobahncharakter" handelt, ist nicht ganz klar.

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Bereits fertig ist der Flughafen von Charkow. Rund 300 Millionen Euro soll das neue Terminal gekostet haben, das UEFA-Präsident Michel Platini Ende September einweihte.

Der Großteil des Geldes für das Terminal soll von Oligarch Alexander Jaroslawski stammen.

"Ich will meiner Stadt und meiner Familie einfach mal großen Fußball zeigen", sagte der Besitzer des Erstligisten FC Metalist Charkow.

Blochin klagt über Personalsorgen

Gegen Deutschland wird allerdings kein Spieler aus Charkow in der ukrainischen Elf stehen.

Nationaltrainer Oleg Blochin arbeitet im übertragenen Sinn auf eine Baustelle.

Zehn Akteure muss Blochin ersetzen, darunter Leistungsträger wie Torwart Oleksandr Shovkovskiy (Kiew), Abwehr-Ass Dmytro Chygrynskiy (Donezk, ehemals Barcelona) und den ehemaligen Bundesligaprofi Andriy Voronin (Dynamo Moskau) im Angriff.

[kaltura id="0_43gpq55o" class="full_size" title="Unterwegs in der Ukraine"]

Shevchenko wohl nur Ersatz

Ob der ehemalige Weltstar Andriy Shevchenko gegen die DFB-Auswahl zum Einsatz kommt, ist mehr als fraglich. Der Stürmer, der mit dem AC Mailand unter anderem die Champions League gewann, leidet an chronischen Rückenschmerzen.

Er könne "nur mit 14 Spielern trainieren", klagt Blochin. "Aber ich vertraue denen, die jetzt dabei sind", betont der einstige Torjäger von Dynamo Kiew.

Ausländerquote in der Liga

Dazu gehört auch Anatoliy Tymoshchuk. Der Mittelfeldmann vom FC Bayern ist einer der ganz wenigen ukrainischen Profis, die ihr Geld nicht in der heimischen Liga verdienen.

Die meisten Nationalspieler stehen in Kiew, Donezk, Charkow, Poltawa und Dnjepropetrowsk unter Vertrag.

"Diese Vereine investieren sehr viel, um die Spieler zu halten, und das hat wiederum viel mit der Ausländerquote zu tun, die in der Liga gilt", erklärt Tymoshchuk in der "Süddeutschen Zeitung".

"Derzeit müssen immer vier Ukrainer auf dem Platz stehen - und bald wohl noch mehr. Wer an der Spitze mitspielen und auch international Erfolg haben möchte, braucht also viele gute ukrainische Fußballer", ergänzt der 32-Jährige.

Tymoshchuk hofft auf mehr Legionäre

Tymoshchuk, der 2007 von Schachtjor Donezk nach Russland zu Zenit St. Petersburg wechselte und 2009 nach München kam, bedauert, dass wenige seinem Beispiel folgen.

"Es wäre für uns besser, wenn mehr Leute im Ausland spielen würden. Ich denke dabei nicht an irgendwelche Jünglinge, sondern an diejenigen, die bei ukrainischen Vereinen zu den Leadern zählen", findet der Rekordnationalspieler seines Landes (111 Einsätze).

"Können Deutschland schlagen"

Dennoch ist er sich sicher, dass die ukrainische Mannschaft, die zuletzt gegen Bulgarien und Estland gewann, davor aber gegen Schweden und Frankreich verlor, Deutschland Paroli bieten kann.

"Wir sind in der Lage, Deutschland zu schlagen, wenn wir einen guten Tag erwischen", erzählte Tymoshchuk im "kicker" 446046(DIASHOW: Der deutsche Kader für die Tests).

Das Spiel gegen Deutschland sei "sehr wichtig" und die Ukraine wolle "Europa zeigen, dass wir eine gute Mannschaft haben, auch wenn wir mit Verletzungssorgen zu kämpfen haben."

Traum vom Endspiel

Bei der EM im kommenden Jahr wird die Mannschaft ein völlig anderes Gesicht haben.

"Unser erstes Ziel ist es, die Gruppenphase zu überstehen. Aber ich denke, dass wir mehr erreichen können", sagt Tymoshchuk: "Ich träume vom Endspiel."

Das Finale findet am 1. Juli 2012 in Kiew statt. Bis dahin werden wohl auch genügend Steckdosen vorhanden sein.

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