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Bundestrainer Joachim Löw erreichte mit dem DFB-Team 2008 das EM-Finale © getty

Joachim Löw spricht bei SPORT1 über die Probleme in der Defensive, den EM-Kader und das Prestigeduell gegen die Niederlande.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Hamburg - Jogi Löw trinkt koffeinfreien Kaffee und ist hellwach.

Im Besprechungsraum des noblen Teamhotels in der Nähe der Alster zeigt sich der Bundestrainer beim Gespräch mit SPORT1 in Plauderlaune.

Zwischendrin kommt Co-Trainer Hansi Flick und weist seinen Chef auf das baldige Training hin.

Doch Löw holt sich noch einen Kaffee und spricht weiter über die Probleme in der Defensive, den EM-Kader und das Prestigeduell zum Jahresabschluss gegen die Niederlande (Di. ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER)

(Hier geht es zum zweiten Teil des SPORT1-Interviews: Löw: "Warum sollte Götze weggehen?")

SPORT1: Herr Löw, Ihre Aufstellung gegen die Ukraine (Bericht) hat nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Spieler überrascht. Werden Sie auch gegen die Niederlande wieder experimentieren?

Joachim Löw: Nicht so viel wie gegen die Ukraine. Da hat es sich einfach angeboten, ein paar Dinge zu testen. Was das 3-5-2-System betraf, war es eine einmalige Situation. Ich habe der Mannschaft auch gesagt, dass ich solche Dinge normalerweise nicht mache. Ich bin nicht jemand, der ständig das System wechselt. Ich wollte einfach mal sehen, wie die Mannschaft auf so eine kurzfristige Umstellung reagiert.

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SPORT1: Ihr erklärtes Ziel ist es, aufgrund der seit der WM gewachsenen Favoritenrolle mehr Dominanz auf den Gegner ausüben zu können. Ist da die Dreier-Abwehrkette ein probates Mittel, um im Spiel nach vorne Überzahl zu schaffen?

Löw: Wir haben festgestellt, dass die Mannschaften immer defensiver gegen uns auftreten, uns das Spiel überlassen und gar nicht viel Ballbesitz wollen. Dadurch wird unser Konterspiel, das uns bei der WM stark gemacht hat, zwangsläufig schwieriger umzusetzen. Deshalb kann man mit einem 3-5-2 natürlich ein Übergewicht im Zentrum schaffen.

SPORT1: Waren Sie - wie Sie selbst gesagt haben als einer der wenigen - auch deshalb mit dem Spiel in der Ukraine zufrieden, weil Sie wichtige Erkenntnisse sammeln konnten, was noch nicht optimal läuft?

Löw: Ich war mit unserer Spielweise zufrieden. Wir haben eine Mannschaft wie die Ukraine, die besser ist als die Türkei, vor allem in der zweiten Halbzeit zu 70, 80 Prozent in der eigenen Hälfte beherrscht. So gut waren wir spielerisch gegen die Türken nicht.

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SPORT1: Aber in der Defensive gab es doch mehrfach Probleme, sogar mehr Gegentore waren möglich.

Löw: Natürlich habe ich gesehen, dass wir einige Fehler gemacht haben und manches verbessern müssen. Das bestreite ich nicht. Aber die Tore sind zweimal aus Standardsituationen entstanden, bei denen die gesamte Abwehr nach Kontern nicht hinten war. Das hatte also nichts mit der Dreierkette zu tun.

SPORT1: Also liegt es am Umschalten im Spiel nach hinten?

Löw: Ich sehe das Problem eher in der frühzeitigen Zuordnung und der Aufmerksamkeit. Manche Spieler, die nicht am Spiel beteiligt sind, stehen manchmal einfach zu weit von ihren Gegenspielern. Doch gerade da muss ich als Abwehrspieler besonders wachsam sein, statt nur dem Spiel zuzuschauen.

SPORT1: Die Abwehrprobleme machen Ihnen offenbar keine Sorgen. Warum?

Löw: Wir haben in der EM-Qualifikation zehn Spiele in Folge gewonnen. Da wäre es doch Unsinn, nach einem 3:3 beim EM-Gastgeber die Ruhe zu verlieren. Wir haben bei den großen Turnieren immer zu den Teams gehört, die die meisten Tore geschossen und die wenigsten Gegentore kassiert haben. Deshalb macht mir die Abwehr überhaupt keine Sorgen, wir haben viele gute Verteidiger.

SPORT1: Trotzdem hat Ihr Team in diesem Jahr nur beim 4:0 gegen Kasachstan kein Gegentor kassiert.

Löw: Unsere offensive Spielweise bedingt natürlich auch, dass wir mal hinten Probleme bekommen können. Unser Spielansatz ist es, Tore zu erzielen statt hinten dicht zu machen. Mit einem 4:2 oder 4:3 kann ich besser leben als mit einem mühsamen 1:0. Sicherlich fehlen derzeit einige Automatismen in der Defensive, aber dieser Feinschliff kommt erst in der EM-Vorbereitung.

SPORT1: Das heißt, erst dann steht Ihre Abwehrformation?

Löw: Es ist heute unmöglich zu sagen, wie wir im ersten Spiel bei der EM antreten werden. Im Detail haben wir unsere Mannschaft zuletzt immer erst in der unmittelbaren Turnier-Vorbereitung geformt. Dazu brauche ich 20 Topleute. Vor den letzten Turnieren gab es da auch immer großen Wirbel um die Abwehr, aber wir haben es stets geschafft, dass unser gesamtes Defensivspiel dann stabil war.

SPORT1: Sie haben die 20 Topspieler angesprochen. Stimmt der Eindruck, dass aktuell 18 oder 19 der 23 Plätze im EM-Kader vergeben wären, wenn Sie jetzt entscheiden müssten?

Löw: Ja, der Eindruck stimmt. Es sind nach dem aktuellen Stand nicht mehr so viele Plätze frei im Kader. Bei normalem Verlauf glaube ich nicht, dass noch vier oder fünf Spieler da reinrücken. Wir kennen ja auch alle Kandidaten. Da gibt es bei der U 21 noch Holtby, den ich gut finde, oder Gündogan oder auch Mlapa und Leitner. Aber eine Überraschungs-Nominierung wie 2006 mit David Odonkor ist unwahrscheinlich.

(Hier geht es zum zweiten Teil des SPORT1-Interviews: Löw: "Warum sollte Götze weggehen?")

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