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Bei der EM 1980 gerieten Toni Schumacher (l.) und Huub Stevens (r.) aneinander © getty

Schumacher und Stevens gerieten einst aneinander. Bei SPORT1 erinnern sie sich ? und sprechen über das Verhältnis der Nachbarländer.

Von Martin Hoffmann

München - Der EM-Titel von 1980: Deutschland hätte ihn vielleicht nicht gewonnen, hätte Toni Schumacher seine Nerven ein wenig schlechter im Griff gehabt.

Der deutsche Keeper war damals im zweiten Vorrundenspiel gegen die Niederlande mit Huub Stevens in ein hitziges Verbalduell verstrickt.

"Stevens war damals ein impulsiver Spieler - und auch ich habe mir schon damals nicht immer alles gefallen lassen", erinnert sich Schumacher bei SPORT1 an die Szene.

"Ich weiß gar nicht mehr, was überhaupt der Auslöser dafür war", erklärt Huub Stevens bei SPORT1.

"Das sind die Emotionen, die sich in einem Spiel entladen", sagt der Schalke-Trainer weiter.

Das sei auch gut so gewesen, fügt der Niederländern lachend an, "denn danach mussten wir wohl beide auch noch zur Doping-Kontrolle."

Eine Episode, die einen guten Einblick gibt in die frühere Rivalität zweier Fußballnationen, die sich am Abend zum 38. Nachbarschaftsduell treffen (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) .

Immer war es "ganz schön hitzig"

"Ganz schön hitzig" sei es beim 3:2-Erfolg in Neapel seinerzeit zugegangen, berichtet Schumacher.

"Fast Krieg" sei das in den Achtzigern gewesen, meint DFB-Manager Oliver Bierhoff.

Anders als meistens ist das K-Wort hier keine so große Übertreibung - zumal der echte Krieg eine Rolle in den vergifteten Gefühlen der beiden Nachbarländer spielte.

Präsentes Kriegstrauma

1940 wurden die Niederlande von Nazi-Deutschland angegriffen und besetzt.

Ein Trauma, das noch sehr präsent war, als sich die beiden Länder 1974 zum WM-Finale in München trafen.

So weigerte sich Mittelfeldspieler Willem van Hanegem das Bankett danach zu besuchen: Er hatte Vater, Bruder und weitere Angehörige im Krieg verloren.

[kaltura id="0_w019b8s1" class="full_size" title="Löw: "Holland immer was Besonderes""]

Verhinderte Krönung

Van Hanegem und Co. schien der Sieg gegen das verhasste Deutschland damals vorherbestimmt.

Viermal hintereinander hatten niederländische Teams in den Siebzigern den Europapokal der Landesmeister geholt.

Die WM in Deutschland sollte das niederländische Jahrzehnt für Johan Cruyff und seine Kollegen krönen.

Es war ein Stich ins Herz des Landes, dass gerade die verhassten Deutschen die Krönung mit einem glücklichen 2:1-Sieg durchkreuzten.

"Gefühlte 50.000 Holland-Fans" - in Hamburg

Und entsprechend erlöst fühlte sich die ganze Nation, als 14 Jahre später die Revanche gelang.

Das EM-Halbfinale 1988 in Hamburg: dem Ort, an dem es auch heute gegen die Niederlande geht - und der damals ein sehr unwirtlicher für das deutsche Team war.

"Die 30 bis 35.000 Holland-Fans waren für uns gefühlte 50.000", blickt Olaf Thon bei SPORT1 zurück: "Damit war der Heimvorteil quasi weg."

Die neue Gold-Generation um Ruud Gullit und Marco van Basten, den Siegtorschützen zum 2:1, war zu gut für die Gastgeber: "Sie hatten die besseren Einzelspieler und haben verdient gewonnen", erkennt Thon an.

Neun Millionen auf den Straßen

Mit einem Triumph gegen Russland holten die Niederlande auch den Titel, aber der Sieg gegen die "widerwärtigen Deutschen" (van Basten) war das größere Ereignis.

Geschätzte neun der 15 Millionen Einwohner des Landes feierten ihn auf den Straßen - "und unsere Gefallenen stiegen jubelnd aus ihren Gräbern", dichtete der Lyriker Jules Deelder im nationalen Hochgefühl.

Ein Gefühl, das Ronald Koeman weniger poetisch auf den Punkt brachte, als er sich mit Thons Trikot den Hintern abwischte.

"Fan-Freundschaftsspiel" macht alles schlimmer

Ein zum "Fan-Freundschaftsspiel" erklärtes WM-Quali-Spiel in Rotterdam sollte ein Jahr später die nationalistischen Wogen glätten - und machte alles nur schlimmer.

Hooligans beider Länder fachten stundenlange Ausschreitungen mit mehreren Schwerverletzten an.

Frank Rijkaards legendäre Spuck-Attacke beim Turnier ein Jahr später - im Vergleich dazu eine Harmlosigkeit.

Hassgefühle sind gewichen

Inzwischen sind die Hassgefühle einer rein sportlichen Rivalität gewichen.

Was daran liegt, dass die kriegerische Vergangenheit der aktuellen Spieler- und Fangeneration nicht mehr so präsent ist.

Aber auch an den neuen fußballerischen Verflechtungen beider Länder.

Bei Anpfiff "Rivalität wie immer"

"Die vielen holländischen Trainer in der Deutschland" nennt Thon als einen Grund für das bessere gegenseitige Verständnis.

Schumacher sieht es ähnlich: "Die 'Hollandisierung' in der Bundesliga hat dafür gesorgt, dass man den Nachbarn etwas mehr versteht."

Die Rivalität sei immer noch vorhanden, glaubt Stevens, der aber auch viel gegenseitigen Respekt ausgemacht hat.

"Und so muss es auch sein?, führt der Schalke-Trainer weiter aus:

"Von der Rivalität lebt der Fußball, das ist auch schön für die Zuschauer, aber genauso wichtig ist der Respekt vor der Leistung des anderen, beide haben Erfolg und bringen große Spieler hervor."

Allerdings geht der gegenseitige Respekt nicht so weit, dass im Länderspiel kein Pfeffer mehr wäre.

"Wenn man im nächsten Spiel gegeneinander aufläuft, ist die Rivalität wie immer", ist sich Schumacher sicher.

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