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Mike Hanke spielte zuletzt beim 4:0 über Zypern 2007 für Deutschland © getty

100 Tage vor dem ersten EM-Spiel des DFB-Team wirft SPORT1 einen Ausblick auf den Kader. Ein Trio darf hoffen, ein anderes muss zittern.

Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch

Berlin - Kein Mike Hanke, kein Tony Jantschke.

Auch kein Kevin Großkreutz oder Marcell Jansen - die große Überraschung blieb aus, als Bundestrainer Joachim Löw in Berlin 101 Tage vor dem ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal den Kader für den letzten großen Härtetest am kommenden Mittwoch gegen Frankreich bekanntgab (521749DIASHOW: Der Kader für das Frankreich-Spiel).

Die 22 Nominierten für die erste Partie des EM-Jahres waren allesamt Spieler, die auch in den vergangenen sieben DFB-Auftritten zum Aufgebot gehört hatten.

Dass darunter auch Spieler wie der formschwache Cacau oder der im Verein und beim DFB nicht überzeugende Christian Träsch sind, bedeutet einerseits, dass Löw keine öffentliche Personaldiskussion führen und seine Wackelkandidaten genau beobachten will.

Andererseits heißt es: Nachrücker werden es sehr schwer haben, noch auf den EM-Zug aufzuspringen.

Löw setzt auf Vertrautes

"Auch wenn die Tür noch nicht ganz geschlossen ist, sind das die Spieler, die für die EM im Fokus stehen", erklärte Löw am Mittwoch.

Die Tür nicht ganz zu, aber eben auch nicht sperrangelweit auf - die Aussage des Bundestrainers lässt die Vermutung zu, dass er auch in Polen und der Ukraine größtenteils auf die zuletzt bewährten Kräfte setzen wird.

Denn auch die verletzungsbedingten Ausfälle von Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Mario Götze konnten ihn nicht dazu bewegen, Neulingen oder lange nicht berücksichtigten Spielern eine Chance zu geben.

"Es gab trotz der Verletzungen keine Veranlassung, große Veränderungen vorzunehmen", betonte Löw.

Keine frühzeitige Entscheidung

Anfang Mai soll der EM-Kader vorgestellt werden - bis dahin will er in Ruhe arbeiten.

Es sei "nicht sinnvoll, bereits im Februar oder März detaillierte Prognosen darüber abzugeben, wer am Ende höchstwahrscheinlich im Kader steht", erklärte Löw: "Wir müssen unsere Entscheidung ja erst treffen, kurz bevor wir in See stechen."

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Der Trainerstab lasse sich "auch noch Zeit zu entscheiden, ob wir mit 23 Spielern in die Vorbereitung gehen oder ob wir mehr mitnehmen. Es hängt von mehreren Faktoren ab, wie wir den Kader benennen", meinte Löw.

Wie könnte der EM-Kader also aussehen? SPORT1 stellt mögliche Nachrücker vor und bewertet ihre EM-Chancen.

Tor:

Das Angebot an Klasse-Keepern ist groß. Beste Chancen auf den dritten Platz hinter der Nummer eins Manuel Neuer und dem zwar zuletzt nicht immer fehlerfreien, aber dennoch bei Löw gesetzten Ersatzmann Tim Wiese hat Ron-Robert Zieler von Hannover 96.

"Ich würde Ron-Robert Zieler wählen", sagte Löw auf die Frage, welchen Schlussmann er im Verletzungsfall für das Frankreich-Spiel nachnominieren würde. Bei seinem bisher einzigen Länderspiel, dem 3:3 in der Ukraine, war Zieler bei allen Gegentoren machtlos und hinterließ einen guten Eindruck.

Marc-Andre ter Stegen muss sich trotz überragender Leistungen in der Bundesliga wohl noch gedulden. Auch für Leverkusens Shootingstar Bernd Leno ist die Zeit noch nicht gekommen. Beide haben aber immerhin schon Kevin Trapp und Oliver Baumann als U-21-Keeper verdrängt (AKTUELL: Adrion baut auf Leno und ter Stegen)

Roman Weidenfeller, immerhin Meister und schon wieder Tabellenführer mit Dortmund, wird die EM mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur als Zuschauer erleben.

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Abwehr:

Wird Per Mertesacker rechtzeitig fit, hat der Arsenal-Profi seinen Platz im DFB-Aufgebot.

Serdar Tasci oder Heiko Westermann dürften die ersten Nachrücker-Kandidaten sein.

Tony Jantschke könnte vor allem Träsch als Alternative für die rechte Abwehrseite gefährlich werden. Auf dieser Position hat Löw keinen Spezialisten, und als U-21-Nationalspieler hat der Gladbacher, auch wenn er erst 43 Bundesligaspiele absolviert hat, gute Voraussetzungen.

Mittelfeld:

Hier hat Löw, wie auf der Torwartposition, ein Überangebot an guten Spielern.

Gute Chancen auf die EM-Teilnahme dürfte Kevin Großkreutz haben, der in Dortmund aktuell wieder so stark aufspielt wie vor einem Jahr, als er beim 1:1 gegen Italien sein bisher letzter Länderspiel absolviert hatte.

Bei Marcell Jansen liegt der letzte DFB-Einsatz zwar noch länger zurück (03.09.2010 beim 1:0 in Belgien), der Hamburger spielt aber eine gute Bundesligasaison.

"Ich bin gesund, habe mehrere Monate verletzungsfrei trainieren und spielen können und gute Leistungen gebracht. Ich werde mich weiter anbieten", erklärte Jansen SPORT1 und ergänzte: "Ich bin bereit. Es ist mein großer Wunsch und mein großes Ziel, wieder zur Nationalmannschaft zu stoßen."

Auf der linken Seite wäre Jansen als Alternative für den in dieser Saison schwächelnden Leverkusener Andre Schürrle denkbar. Im Blickfeld ist neben Schalkes Julian Draxler auch wieder Marko Marin. Der Bremer, der zuletzt im November 2010 im DFB-Team spielte, befindet sich in aufsteigender Form.

Patrick Herrmann ist aktuell wegen seines Schlüsselbeinbruchs kein Thema, könnte es aber bis zur EM noch werden. Allerdings erklärte Löw, er hätte Herrmann für das Frankreich-Spiel ohnehin "nicht nominiert, von daher ist es müßig, darüber zu reden".

Herrmann habe allerdings "in einer sehr guten Mannschaft zuletzt sehr gut gespielt", lobte der Bundestrainer den Gladbacher Shootingstar.

Herrmanns U-21-Teamkollege Lewis Holtby ist nur Außenseiter, Ilkay Gündogan und Sebastian Rudy haben angesichts der starken Konkurrenz keine Chance.

Dass Löw erstmals Sven und Lars Bender zusammen nominierte, könnte man auch als "Warnung" in Richtung Simon Rolfes werten, der in Leverkusen und zuletzt im DFB-Team nicht überzeugte.

Rolfes' Vereinskollege Gonzalo Castro spielt eine ordentliche Saison und ist bis zur Rechtsverteidigerposition vielseitig einsetzbar. Ein DFB-Comeback (letzter Einsatz am 21. November 2007 beim 0:0 in Wales) ist dennoch eher unwahrscheinlich.

Angriff:

Gesucht werden der dritte und vierte Mann neben Miroslav Klose und Mario Gomez. Bei der WM 2010 waren es Cacau und Stefan Kießling.

Cacau steckt in der Krise, bekam aber noch einmal eine Bewährungschance.

Kießling ist ein unermüdlicher Arbeiter, dem Leverkusener fehlt aber die Durchschlagskraft.

Momentan dürften der zuletzt in Gladbach bärenstarke Hanke (zuletzt im November 2007 dabei) und Jan Schlaudraff (letztes Länderspiel im März 2007) näher an der Rückkehr sein.

Sollten beide ihre blendende Form halten, dürfte es besonders für Cacau eng werden. "Er hat nochmal eine Chance verdient", sagte Löw über den Stuttgarter. Es könnte jedoch seine letzte sein.

Fazit:

Sollte es keine schweren Verletzungen oder Formeinbrüche geben, steht der EM-Kader schon zu 90 Prozent.

Zittern müssen Cacau, Träsch und Rolfes. Beste Aussichten, noch auf den Zug in Richtung Polen und Ukraine aufzuspringen, haben Kevin Großkreutz, Marcell Jansen und Tony Jantschke.

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