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Jerome Boateng (r.) mit SPORT1-Redakteur Thorsten Mesch in Bremen © getty

Vor dem Testspiel gegen Frankreich spricht Jerome Boateng bei SPORT1 über die Konkurrenz um den EM-Titel und die Bayern-Krise.

Aus Bremen berichtet Thorsten Mesch

Bremen - Jerome Boateng mag es locker und gelassen.

Rückschläge und Probleme bringen den Verteidiger der Bayern nicht aus der Ruhe.

Selbst die schwierige Phase vor dem erlösenden Heimsieg gegen Schalke (Bericht) steckte er locker weg - auch wenn er bei SPORT1 eingesteht, dass das Münchner Spiel zuletzt ordentlich hakte.

Der Teamgeist der Bayern, so Boateng, war aber nie angeknackst (521749DIASHOW: Der Kader für das Frankreich-Spiel).

Fokus auf Frankreich

Nun gilt seine volle Konzentration der Nationalmannschaft und dem Testspiel gegen Frankreich (ab 20.15 im LIVE-TICKER).

Bei SPORT1 spricht Jerome Boateng über die Krise der Bayern, das bevorstehende Duell mit Bayern-Kollege Franck Ribery und die Egoismus-Debatte um Arjen Robben.

SPORT1: Herr Boateng, sind Sie froh, bei der Nationalmannschaft etwas Ruhe von dem jüngsten Wirbel im Verein zu haben?

Jerome Boateng: Es ist immer gut, wenn man bei der Nationalmannschaft ist. Für Deutschland zu spielen ist etwas Besonderes. Was den FC Bayern angeht: Ich denke, dass es nicht so schlimm bei uns war. Von außen kommt immer brutal viel zusammen, aber in der Mannschaft war nie Unruhe. Klar haben wir ein paar Dinge angesprochen, aber es war nicht so schlimm, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.

SPORT1: Sie kommen nach außen hin sehr ruhig rüber. Stecken Sie Rückschläge oder Stress locker weg?

Boateng: Ich denke schon. Natürlich mache ich mir auch meine Gedanken, wenn es nicht läuft. Ich will meinen Beitrag dazu leisten, etwas zu verändern, aber ich mache mich nicht unnötig verrückt.

SPORT1: Als Deutschland 1987 zum bisher letzten Mal gegen Frankreich gewonnen hat, waren Sie noch gar nicht geboren. Wie wichtig ist es, vor der EM noch einmal gegen einen so namhaften Gegner zu spielen?

Boateng: Wir haben in unseren Freundschaftsspielen gegen sehr starke Mannschaften gespielt und haben auch gezeigt, dass wir mehr als mithalten und das Spiel selber machen können. Wir haben uns seit der WM weiterentwickelt, wollen die Spiele bestimmen und das machen wir auch immer. Das Spiel gegen Frankreich ist noch einmal ein guter Test. Sie haben viele gute Spieler, sind aber als Mannschaft in einem gewissen Neuanfang.

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SPORT1: Wäre es besonders reizvoll, gegen Ribery zu spielen und wie sehen Sie Ihre Chance auf einen Einsatz?

Boateng: Ich kenne die Aufstellung noch nicht, aber ich schätze die Chance gut ein. Ich freue mich, wenn ich spiele, und natürlich auch, wenn ich gegen Franck spiele. Er ist auf seiner Position sicher einer der besten Spieler der Welt. Solche Spiele machen Spaß und bringen einen weiter.

SPORT1: Gab es Wetten?

Boateng: Nein, die gab es nicht. Er hat sich nicht getraut (lacht).

SPORT1: Beim Thema Integration waren die Franzosen mit vielen Spielern ausländischer Herkunft lange Vorreiter. Auf ihren Trikots steht heute sinngemäß "unsere Unterschiede vereinen uns". Mit ihren Erfolgen 1998 und 2000 waren die Franzosen auch Vorbilder. Deutschland hat die Franzosen in dieser Beziehung schon fast abgelöst. Wie beurteilen Sie das Thema?

Boateng: Ich selbst bin ja ein sehr gutes Beispiel für gelungene Integration. Das gilt natürlich auch für die ganze Mannschaft. In unserem Team kann jeder mit jedem. Es ist egal, wo man herkommt oder geboren ist und ich denke, das sieht man auch auf dem Spielfeld.

SPORT1: Im internationalen Fußball ist es ja vollkommen normal, dass Spieler unterschiedlicher Herkunft ein Team bilden.

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Boateng: Ja, aber ich glaube, dass es bei uns etwas Besonderes ist. Es gibt, glaube ich, nicht viele Mannschaften, in denen sich alle so gut verstehen, so eng beieinander sind und alle so an einem Strang ziehen.

SPORT1: Könnte das am Ende gegen andere Mannschaften auf allerhöchstem Niveau den Ausschlag geben?

Boateng: Das kann besonders ein Vorteil sein, wenn man mal in Rückstand gerät und danach leichter zurück ins Spiel kommt. In einem Turnier entscheiden Kleinigkeiten. Bei einer EM sind viele starke Mannschaften und drei oder vier Top-Favoriten. Am Ende entscheidet ein bisschen Glück, die Tagesform, Abseits oder nicht, Latte, Pfosten. So ist das. Man muss sich aber das Glück auch erarbeiten.

SPORT1: Wir groß ist die Chance, die Vorherrschaft der Spanier zu brechen? Ist die deutsche Mannschaft jetzt mal dran?

Boateng: Wir wünschen uns alle, den Titel zu gewinnen. Aber die Spanier wollen immer noch zeigen, wie gut sie sind, und sie wollen den Titel verteidigen. Auch die Holländer, Franzosen, Italiener, Engländer oder Portugiesen sind stark. Wir sollten nicht nur auf Spanien gucken.

SPORT1: Wir wichtig ist die Blockbildung mit mehreren Bayern-Spielern, speziell auch in der Abwehrkette?

Boateng: Es ist natürlich ein Vorteil, wenn man die Nebenleute kennt, täglich mit ihnen trainiert und mit ihnen spielt. Das hilft bei der Abstimmung. Das soll aber nicht heißen, dass Spieler aus anderen Vereinen stören würden. Wenn sie gut sind, dann klappt es auch so.

SPORT1: Würden Sie lieber rechts in der DFB-Abwehr oder innen spielen?

Boateng: Ich habe zuletzt meistens rechts gespielt und habe damit auch kein Problem. Der Bundestrainer sieht mich für die EM eher auf rechts. Klar hätte ich irgendwann gern einmal eine feste Position bei der Nationalmannschaft, aber wenn der Trainer sagt rechts, dann spiele ich rechts. Er sieht aber auch, dass ich im Verein innen gute Spiele gemacht habe und vielleicht bekomme ich ja noch meine Chance.

SPORT1: Die Taktik in der Nationalmannschaft ist viel offensiver als bei Bayern, das bedeutete zuletzt aber auch mehr Gegentore, wie beim 3:3 in der Ukraine.

Boateng: Das war ja ein Experiment um zu testen, wie man spielt, wenn man mal in Rückstand gerät. Bei der EM wollen wir aber so agieren, dass wir zu Null spielen. Wir können offensiv spielen, müssen hinten aber auch gut stehen und gut abgestimmt sein.

SPORT1: Dem Spiel des FC Bayern wurde zuletzt häufiger vorgeworfen, das Spiel sei zu statisch. Nehmen Sie die Kritik an?

Boateng: Klar, das hat man ja gesehen. Am Wochenende gegen Schalke war es aber schon ganz anders. Wir hatten Positions- und Tempowechsel im Spiel, sind in die Tiefe gegangen. Wenn wir so spielen, ist es schwer, gegen uns zu gewinnen.

SPORT1: Jupp Heynckes hat betont, dass auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden kann. Toni Kroos saß gegen Schalke nur auf der Bank.

Boateng: Wir sind beim FC Bayern. Da ist klar, dass man auch mal draußen sitzt. Wir haben auch in der Offensive Top-Leute. Das hat nichts mit seiner Leistung zu tun. Toni hat schon viele starke Spiele auf der Zehn gemacht. Es wäre falsch zu sagen, dass es gut lief, weil er nicht gespielt hat. Toni ist ein wichtiger Teil der Mannschaft.

SPORT1: Arjen Robben wurde von Außenstehenden als Einzelgänger bezeichnet. Gegen Schalke schien er das Gegenteil beweisen zu wollen. Hat er sich geändert?

Boateng: Arjen lebt davon, seine Kraft in die Offensive zu stecken. Aber gegen Schalke hat man gesehen, dass er genügend Kraft hat, um auch nach hinten zu arbeiten. Das ist wichtig für die Mannschaft und das hat er gut gemacht.

SPORT1: Uli Hoeneß hat von einer Hetzkampagne gegen Robben gesprochen. Wie sehen Sie das?

Boateng: Wir sollten nicht versuchen, Arjen zu verändern. Er hatte eine Phase, als er immer gut gespielt und getroffen hat, da hat auch keiner gesagt, er sei zu egoistisch. Man darf auch nicht vergessen, dass er verletzt war und noch nicht im Spielrhythmus ist. Ich finde es erstaunlich, wie schnell es immer gleich heißt: "Wenn Robben spielt, dann läuft es nicht."

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