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Laurent Blancs Vertrag als Nationaltrainer der Franzosen endet nach der EM © getty

Die "Equipe tricolore" kämpft um den Anschluss an Europas Spitze. Ex-Lyon-Coach Puel benennt vor bei SPORT1 die Probleme.

Aus Bremen berichtet Thorsten Mesch

Bremen - Den EM-Titel konnte Laurent Blanc noch nicht präsentieren, aber immerhin seinen Kapitän für das Spiel gegen Deutschland (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) und für die Europameisterschaft.

Torwart Hugo Lloris von Olympique Lyon wird die französische Nationalmannschaft in Bremen und auch bei der EM-Endrunde in der Ukraine und Polen anführen.

Er wisse, dass Lloris "sehr gut mit seiner Rolle umgehen" werde, erklärte Nationaltrainer Blanc am Dienstagabend vor mehr als 120 Journalisten im proppevollen Presseraum des Weserstadions, "aber auch andere Spieler müssen Verantwortung übernehmen."

Lloris bekam den Vorzug vor Eric Abidal vom FC Barcelona und Philippe Mexes vom AC Mailand, der am Wochenende im italienischen Topspiel gegen Juventus Turins mit einem Ellbogenschlag negativ auffiel.

Disziplin eine Grundlage für Erfolg

"Er muss das unbedingt abstellen", verurteilte Blanc die Tätlichkeit des Innenverteidigers. "Wenn so etwas bei der Europameisterschaft passiert, kann er gleich nach Hause fahren."

Blanc, der im Juli 2010 den umstrittenen und ungeliebten Raymond Domench nach der skandalöse verlaufenen WM ablöste, weiß, dass seine Mannschaft nur als disziplinierte funktionierende Einheit eine Chance auf einen Erfolg in Deutschland oder gar bei der EM haben kann.

Mühsame Qualifikation

Auf die SPORT1-Frage, ob Deutschland die Franzosen in den letzten Jahren etwas abgehängt habe, meinte der Coach: "Die Ergebnisse der letzten Jahre lassen keinen Zweifel zu, dass Deutschland weiter ist als wir."

Blanc schaffte mit "Equipe tricolore" mit Mühe die EM-Qualifikation und kann auf Achtungserfolge gegen England und Brasilien verweisen. Von der Qualität der DFB-Auswahl ist seine Mannschaft jedoch noch ein großes Stück entfernt.

Kritik von Ex-Lyon-Coach Puel und Micoud

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"Laurent Blanc hat es bisher noch nicht geschafft, ein Gleichgewicht zwischen den Mannschaftsteilen zu finden", meint Claude Puel, von 2008 bis 2011 Trainer beim siebenmaligen französischen Meister Olympique Lyon, im Gespräch mit SPORT1.

Auch Johan Micoud, der zusammen mit Blanc im Jahr 2000 den EM-Titel nach Frankreich holte und bei seiner letzten Station bei Girondins Bordeaux unter ihm trainierte, sieht die bisherige Arbeit des ehemaligen Weltklasse-Verteidigers nicht ganz unkritisch.

"Wenn man sich nur die Ergebnisse anschaut, ist die Bilanz gut. Wenn man aber die Spielausrichtung unter die Lupe nimmt, bin ich der Meinung, dass es ihm noch nicht gelungen ist, das umzusetzen, was er sich vorgenommen hat", meinte der ehemalige Bremer auf der Werder-Homepage (521749DIASHOW: Der Kader für das Frankreich-Spiel).

Neue Generation

Blanc fehlen allerdings auch Spieler des Formats, wie Frankreich sie beim Gewinn der WM 1998 und EM 2000 hatte.

"Frankreich hat 1998 und 2000 den Weltfußball dominiert, weil wir gute Spieler und einen herausragenden Spieler hatten: Zinedine Zidane. Jetzt haben wir eine neue Generation mit vielen guten Spielern, aber wir haben noch keinen Spieler, der Zidanes Platz einnehmen kann. Diese neue Generation muss sich selbst definieren", hatte Blanc vor einem Jahr im SPORT1-Interview erklärt. (INTERVIEW: "Löws Arbeit ist sehr interessant").

Das aktuelle Team ist noch auf der Suche nach seiner Identität.

[kaltura id="0_e5iav0gl" class="full_size" title="Ribery soll s richten"]

Ribery in der Pflicht

"Das Team hat noch nicht seinen Stil gefunden", findet Puel: "Frankreichs Mannschaft befindet sich noch im Wiederaufbau. In der Mannschaft stehen neben erfahrenen Akteuren auch viele junge Spieler, die auf internationalem Niveau noch keine große Rolle spielen", erklärt der Trainer, der Lyon 2010 ins Halbfinale der Champions League gegen den FC Bayern führte.

Von Bayern-Star Franck Ribery fordert der ehemalige Profi des AS Monaco eine Steigerung. "Franck hat für Bayern sehr gute Spiele gemacht, muss dies aber im Nationalteam noch beweisen", meint Puel.

"Franck ist ein Spieler, der im Verein sehr stark spielt. Bei uns hat er noch nicht ganz diese Konstanz", sagte Blanc am Dienstag: "Er will sicher ein gutes Spiel machen, weil er schon so lange in Deutschland spielt, aber darf sich nicht zu viel Druck machen."

Verbandsboss fordert Titel

A propos Druck: Für Blanc und seine Mannschaft ist bei der Europameisterschaft das Erreichen des Viertelfinales Pflicht.

Verbandspräsident Noel Le Graet setzte die Messlatte sogar noch höher und meinte zuletzt, es sei "an der Zeit, Titel zu gewinnen." Eine recht ambitionierte Forderung, war Frankreich doch bei der WM 2010 und der EM 2008 mit jeweils nur einem Punkt und einem Tor sang- und klanglos in der Gruppenphase gescheitert.

Wenger als Nachfolger im Gespräch

Im Erfolgsfall wird Blancs nach der EM auslaufender Vertrag verlängert. Sollte Frankreich aber die Gruppenphase gegen die Ukraine, England und Schweden nicht überstehen, wären die Tage des Trainers gezählt.

Als Kandidaten auf die Nachfolge werden Arsenals Teammanager Arsene Wenger, Ex-Lyon-Meistercoach Paul le Guen, Marseilles Erfolgstrainer Didiers Deschamps und auch Puel gehandelt.

Letzterer beobachtet Frankreichs Mannschaft momentan als Radio-Experte und verriert SPORT1, er wolle "bald wieder einen Verein übernehmen."

Micoud tippt auf Deutschland

Im EM-Test am Abend sei "Deutschland klarer Favorit", glaubt Puel. Allerdings sei "Frankreichs Team in der Lage, Deutschland in einem Spiel Probleme zu bereiten".

Auch Johan Micoud, der mit Werder 2004 das Double aus Meisterschaft und Pokal gewann und in Bremen als TV-Experte vor Ort ist, sieht seine Landsleute, die ohne ihren Stürmerstar Karim Benzema von Real Madrid auskommen müssen, als Außenseiter.

"Ich sage einen Sieg für Deutschland voraus", meinte der ehemalige Mittelfeldregisseur, "aber wir Franzosen sind zu Überraschungen fähig, wenn wir unter Zugzwang sind."

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