

Löws Mut wird belohnt: Mit Weltrekord ins Halbfinale
Aus Polen berichten Thorsten Mesch und Mathias Frohnapfel
Danzig - Die deutsche Nationalmannschaft hat ein Ausrufezeichen gesetzt und zum achten Mal ein EM-Halbfinale erreicht.
Im Viertelfinale gegen Griechenland zeigte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw eine in der Offensive überzeugende Leistung und setzte sich 4:2 (1:0) durch.
Philipp Lahm (39.), Sami Khedira (62.), Miroslav Klose (69.) und Marco Reus (74.) trafen für Deutschland, Giorgios Samaras (55.) und Dimitris Salpingidis (89., Handelfmeter) schossen die Tore für die Griechen (DIASHOW: Die Bilder des Spiels).
Es war der 15. Pflichtspielsieg in Folge. Das hat weltweit bisher noch keine Mannschaft geschafft.
Löw zufrieden
Für die DFB-Auswahl ist es die dritte Viertelfinal-Teilnahme nach 1996 und 2008. 1996 wurde Deutschland Europameister, 2008 Zweiter. Im Halbfinale spielt Löws Mannschaft am Donnerstag in Warschau gegen den Sieger der Partie Italien gegen England (DATENCENTER: Der EM-Spielplan).
"Beide Gegner sind unangenehm", sagte Löw, der mit seiner Mannschaft hochzufrieden war. "Das war eine Klasseleistung der Mannschaft, wir können stolz sein", erklärte er.
"Die Griechen haben aus einer Chance zwei Tore gemacht. Sie haben nur Fußball verhindert. Wir hatten so viele Chancen, dass die Tore fast zwangsläufig gefallen sind", sagte Löw.
"Wir haben es uns unnötig schwer gemacht. Wir hatten Riesenmöglichkeiten. Wir gehen dann 1:0 in Führung und schenken es wieder her. Wir können uns freuen, dass wir noch die Tore gemacht haben und im Halbfinale stehen", erklärte Kapitän Philipp Lahm.
Auf vier Positionen verändert
Bereits am Nachmittag war durchgesickert, dass Löw einige personelle Änderungen in seiner Startelf vornehmen würde.
In der Danziger Arena lief dann eine deutsche Elf auf, die gegenüber dem 2:1 gegen Dänemark auf vier Positionen verändert war: Miroslav Klose, Marco Reus und Andre Schürrle spielten für Mario Gomez, Thomas Müller und Lukas Podolski, Jerome Boateng kehrte nach seiner Gelbsperre ins Team zurück, Lars Bender saß auf der Bank.
Griechenlands Trainer Fernando Santos musste auf den gelbgesperrten Routinier Giorgios Karagounis verzichten. Torjäger Theofanis Gekas saß nur auf der Bank.
Griechen spielerisch schwach
Die deutsche Mannschaft setzte die Griechen von Beginn an unter Druck. Özil, Reus und Klose beschäftigten die Abwehrspieler, die Mühe hatten, den schnellen Kombinationen zu folgen.
Griechenland stand tief und hatte spielerisch kaum etwas entgegenzusetzen. In der 4. Minute hätte Linksaußen Giorgios Samaras für ein übles Foul an Khedira Gelb sehen müssen, aber Schiedsrichter Damir Skomina aus Slowenien gab nicht einmal einen Freistoß.
Das DFB-Team wollte die frühe Führung - und hätte sie in der 5. Minute fast erzielt.
Nach einem Flachschuss von Khedira ließ Torwart Michalis Sifakis den Ball nach vorne abprallen, Schürrle und Klose sprinteten zum Ball, Klose drückte ein - aber der Treffer zählte nicht.
Abseits. Knapp, aber korrekt.
Chancen im Minutentakt
Auf der anderen Seite sorgte wieder Samaras mit einem Foul für Aufsehen, dieses Mal an Schweinsteiger, wofür er Gelb sah (15.).
Deutschland hielt den Druck hoch und kam zu weiteren Chancen, die größte vergab Özil in der 23. Minute nach schöner Vorarbeit von Reus kläglich, als er trotz freier Bahn flach auf Sifakis schoss.
Es folgten Chancen im Minutentakt: Reus schoss knapp vorbei, Klose verpasste nach Reus' Hereingabe. Löws Wechsel zeigten die erhoffte Wirkung, die Offensive funktionierte gut, es fehlte lediglich das Tor.
Schweinsteiger mit Problemen
Während Özil, Klose, Reus, Schürrle und Khedira zu den deutschen Aktivposten gehörten, fiel Schweinsteiger in der ersten Halbzeit deutlich ab.
Der Münchner wirkte wie ein Fremdkörper im deutschen Team und leistete sich mehrere Ballverluste.
Die Griechen befreiten sich etwas vom Druck und kamen einige Male in Richtung Strafraum, doch die deutsche Abwehr und Neuer ließen kaum brenzlige Situationen aufkommen.
Lahm mit der Erlösung
Doch die DFB-Auswahl tat sich zunehmend schwerer, die Griechen standen phasenweise mit zehn Mann im und am eigenen Strafraum.
Dennoch fand die deutsche Mannschaft Lücken: Özil legte für Khedira auf, der zog aus 17 Metern flach ab und Keeper Sifakis hatte große Mühe, den Ball nach vorne abzuwehren (37.).
Zwei Minuten später sorgte der bis dahin unauffällige Lahm für die Erlösung: Der Kapitän zog von links in die Mitte, schoss aus 19 Metern mit rechts ab und überwand Sifakis, der dabei nicht gut aussah.
Der Bann war gebrochen. Die Griechen wirkten geschockt und hatten Glück, dass Schürrle in der Nachspielzeit mit einem Rechtsschuss nur das Außennetz traf.
Mit der hochverdienten 1:0-Führung ging es in die Kabinen.
Samaras mit dem Ausgleich
Santos reagierte auf den Rückstand, brachte Gekas für Ninis und Giorgios Fotakis für Tzavellas.
Doch das DFB-Team war weiter überlegen, im Abschluss fehlte aber entweder die letzte Entschlossenheit oder ein Quäntchen Glück.
Die Griechen hingegen nutzten ihre erste echte Chance zum Ausgleich - allerdings mit Unterstützung der deutschen Mannschaft:
Schürrle verlor den Ball in der eigenen Hälfte, Salpingidis wurde steil geschickt, brachte den Ball von rechts flach in die Mitte, Samaras setzte sich gegen Boateng durch und schoss am Fünfmeterraum ein (55.).
Deutschland wirkte geschockt, erholte sich aber schnell und gab die Antwort in der 62. Minute durch den starken Khedira.
Klose mit der Vorentscheidung
Nach einer Flanke von Boateng schoss der Profi von Real Madrid den Ball im Strafraum im Sprung aus elf Metern unter die Latte.
Löw reagierte und brachte in der 68. Minute Müller für den nachlassenden Schürrle.
In der 69. Minute sorgte Klose für die Vorentscheidung. Nach einem Freistoß fast von der rechten Eckfahne durch Özil kam Klose aus sechs Metern vor Papadopoulos zum Kopfball, Sifakis patzte beim Herauslaufen und der Ball flog ins leere Tor.
Salpingidis verwandelt Elfer
Für Klose war es in seinem 120. Länderspiel das 64. Tor. Nur noch vier Treffer trennen ihn von Gerd Müllers Rekord.
Santos brachte einen weiteren Stürmer, Nikos Liberopoulos kam für Makis, doch das Tor fiel auf der anderen Seite.
Nach Özils feinem Pass schoss Klose von der linken Seite, Sifakis wehrte ab doch Reus hämmerte den Abpraller aus 13 Metern unter die Latte. Es war sein zweites Länderspieltor im siebten Einsatz. Das Spiel war entschieden.
Reus und Klose verließen in der 80. Minute unter dem Applaus der Fans den Rasen und machten Platz für Gomez und Mario Götze, der sich über seinen ersten EM-Einsatz freuen durfte.
Kurz vor Spielende schoss Salpingidis Boateng an den Arm. Skomina gab Elfmeter, den Salpingidis sicher verwandelte.