

Aus der Traum! Italien entzaubert DFB-Team
Aus Polen berichten Thorsten Mesch und Mathias Frohnapfel
Warschau - Aus der Traum und wieder ist Italien schuld! Die deutsche Nationalmannschaft muss weiter auf ihren ersten Titel seit 1996 warten.
Im EM-Halbfinale von Warschau verlor das Team von Bundestrainer Joachim Löw 1:2 (0:2) gegen Italien, das im Endspiel am Sonntag in Kiew auf Spanien trifft.
Mario Balotelli (20. und 36.) erzielte beide Treffer für die Squadra Azzurra, die taktisch hervorragend eingestellt war und als verdienter Sieger vom Platz ging. (DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Mesut Özil traf in der Nachspielzeit per Handelfmeter für die DFB-Auswahl, die besonders in der ersten Halbzeit Spielwitz und Effektivität vermissen ließ und in der Defensive den Italienern zu viel Raum ließ.(DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
"In der Kabine fließen Tränen. Keiner sagt ein Wort, da ist es mucksmäuschenstill", sagte Bundestrainer Löw. Nach dem 0:1 sei die Mannschaft "fahrig, nicht mehr klar und zu unorganisiert" gewesen.
"Nicht clever genug"
"Das Bittere ist, in unserer Mannschaft steckt soviel Potenzial für mehr", erklärte Kapitän Philipp Lahm: "Aber wir waren auch nicht clever genug. Wenn man das Potenzial nicht zum richtigen Zeitpunkt abrufen kann, dann verliert man halt so ein Spiel."
Wie bei den Weltmeisterschaften 1970 und 2006 war Italien in der Vorschlussrunde Endstation, noch nie hat eine deutsche Mannschaft eine italienische bei einem großen Turnier geschlagen.
"Wir haben so gespielt, wie wir wollten. Es ist uns gelungen, Deutschland in Schwierigkeiten zu bringen", erklärte Italiens Trainer Cesare Prandelli: "Spanien ist der Favorit, aber wir haben bewiesen, dass wir eine starke Mannschaft haben."
Kroos in der Startelf
Im Gegensatz zu den bisherigen Spielen war die Aufstellung der DFB-Auswahl nicht schon lange vor Anpfiff durchgesickert.
Umso überraschender standen dann Mario Gomez und Toni Kroos in der Startelf, in die Lukas Podolski erwartungsgemäß zurückgekehrt war. Die im Viertelfinale starken Miroslav Klose und Marco Reus mussten auf der Bank Platz nehmen.
Italien begann aggressiv und setzte die deutsche Defensive unter Druck, das DFB-Team lauerte auf seine erste Chance, und die sollte nicht lange auf sich warten lassen.
Pirlo rettet auf der Linie
Nach nicht einmal fünf Minuten hatten die deutschen Fans den Torschrei auf den Lippen. Nach Ecke von links landete der Ball am Fünfmeterraum bei Hummels, der den Ball mit dem Knie traf und fast ins Tor beförderte.
Doch auf der Linie rettete Andrea Pirlo und verhinderte die Führung.
Die Italiener hielten das Tempo hoch, die deutschen Spieler wirkten etwas überrascht vom Druck und ließen ihren Gegenspielern in einigen Situationen zu viel Platz.
Es entwickelte sich ein sehr interessantes Spiel. Kroos zog immer wieder in die Mitte, Mesut Özil wich nach rechts aus und ließ sich zurückfallen.
Barzagli fast mit Eigentor
In der 11. Minute die nächste Chance: Nach einer scharfen Hereingabe von Jerome Boateng wehrte Gianluigi Buffon den Ball nach vorne auf Andrea Barzagli ab. Der Ex-Wolfsburger hatte Glück, dass die Kugel von seinem Körper nicht ins Tor flog.
Kurz darauf prüfte Kroos mit einem Weitschuss Buffon, der glänzend parierte.
Auf der anderen Seite entschärfte Manuel Neuer Schüsse von Antonio Cassano und Riccardo Montolivo.
Die beiden kurbelten das Spiel der Italiener an, Andrea Pirlo ordnete die Aktionen und spielte einige feine Pässe.
Die deutsche Mannschaft fand hingegen nicht in ihren Rhythmus, was auch der veränderten Aufstellung geschuldet war. Anstatt dem Gegner ihr Spiel aufzudrücken, lief das DFB-Team zu häufig den Italienern hinterher.
Balotelli höher als Badstuber
Vor allem gegen Cassano fand die Defensive kaum ein Mittel, auch Balotelli hatte zu viel Platz.
Deutschland hatte zwar ein Plus an Ecken, aber Italien war brandgefährlich - und ging in der 20. Minute in Führung.
Linksverteidiger Giorgio Chiellini passte auf links auf Cassano, der Boateng entwischt war, mit einer einfachen Drehung Hummels abschüttelte und hoch in die Mitte flankte. Balotelli übersprang Badstuber und köpfte aus fünf Metern ein.
Für die DFB-Auswahl war es der erste Rückstand im Turnier und in einem Pflichtspiel seit der Halbfinalniederlage bei der WM 2010 gegen Spanien.
Die Frage war, wie Löws Mannschaft damit umgehen würde. Die Antwort war: ihr fiel vorn nicht viel ein und sie machte hinten weiter Fehler.
Gomez hängt in der Luft
Vom Kombinationsfußball der ersten vier Spiele war im deutschen Team kaum etwas zu sehen. Über die Außen kam nichts, Gomez war in der Spitze wie abgeschnitten.
Özil versuchte es mit einem Flachschuss (27.), aber der war zu harmlos. Boatengs Flanke klärte Balzaretti vor Podolski im letzten Moment zur Ecke (34.), Sami Khediras Hammerschuss wehrte Buffon in Weltklassemanier ab (36.).
Fast im Gegenzug setzten die Italiener den nächsten Wirkungstreffer:
Der starke Montolivo spielte den Ball von der linken Seite weit in den Lauf von Balotelli, Holger Badstuber konnte ihm nicht folgen und der Stürmer von Manchester City hämmerte die Kugel von der Strafraumgrenze rechts in den Winkel. Neuer war absolut chancenlos.
Balotelli riss sich beim Torjubel das Trikot vom Leib und sah Gelb. Die deutsche Elf sah Sterne, sie wirkte wie ein taumelnder Boxer, war schwer angeschlagen.
Bis zur Pause erholte sie sich zwar einigermaßen, mehr aber auch nicht. Italiens Pausenführung war vollauf verdient.
Reus und Klose kommen
Löw reagierte, wechselte die schwachen Gomez und Podolski aus und brachte Klose und Reus. Und sofort war wesentlich mehr Zug im deutschen Spiel.
Reus prüfte Buffon mit einem Schuss und setzte kurz darauf Lahm in Szene, der aus aussichtsreicher Position aber über das Tor schoss (50.). Khedira wurde im Fünfmeterraum geblockt (55.), Leonardo Bonucci klärte vor Klose (56.).
Prandelli reagierte auf die verstärkte deutsche Offensive und wechselte den defensiveren Alessandro Diamanti für Cassano ein.
Deutschland machte Dampf, aber Italien blieb gefährlich. Balotelli schoss nur knapp vorbei (60.).
Reus trifft die Latte
In der 62. Minute fast das 1:2: Einen Freistoß aus 20 Metern zirkelte Reus über die Mauer, Buffon hatte die Hand noch dran und der Ball touchierte die Latte.
Die Italiener bauten kräftemäßig etwas ab, Thiago Motta kam für Montolivo (64.), sechs Minuten später humpelte Balotelli von Krämpfen geplagt vom Platz, für ihn kam Antonio Di Natale.
Löw warf alles nach vorne, brachte Thomas Müller für Boateng (71.), und die Italiener nutzten die sich ihnen bietenden Räume.
Zunächst vergab Claudio Marchisio zwei gute Einschussmöglichkeiten, dann lief di Natale allein auf Neuer zu, schoss aber ans Außennetz (82.).
Özil trifft per Elfmeter
Das DFB-Team versuchte noch einmal alles, eine tolle Kombination zwischen Müller und Reus entschärfte Balzaretti in höchster Not (85.), Hummels scheiterte an Buffon (89.).
In der Nachspielzeit sprang Balzaretti im Strafraum der Ball an die Hand, Özil verwandelte sicher.
Neuer lief in den Schlussminuten immer wieder mit nach vorn, aber es half alles nichts.
Und so blieb es beim verdienten Sieg der Italiener.