

"Hürde zu hoch": DFB-Team scheitert an sich selbst
Aus Polen berichten Thorsten Mesch
und Mathias Frohnapfel
Warschau - Als die Partie abgepfiffen war, sackten die deutschen Spieler auf den Rasen.
Während die Italiener zum Paolo-Conte-Klassiker "Azzurro" im Strafraum herum hüpften, schlich Thomas Müller als letzter Deutscher vom Platz. (DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
In der Kabine seien "Tränen geflossen", verriet Bundestrainer Joachim Löw. ( INTERVIEW: Joachim Löw)
"Jeder kann sich vorstellen, dass wir enttäuscht sind. Jeder hatte das Ziel, Europameister zu werden. Das ist damit vorbei", sagte Toni Kroos nach dem 1:2 (0:2) ( Spielbericht) gegen den Angstgegner zu SPORT1.
"Jeder fällt in ein tiefes Loch"
Nach dem bitteren Ende des großen Traums herrschten Ratlosigkeit, Trauer und Fassungslosigkeit.
"Jeder fällt in ein tiefes Loch, jeder hat an das große Ziel geglaubt, aber wir haben es nicht gepackt", fasste DFB-Teammanager Oliver Bierhoff die Stimmung zusammen. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Doch erneut erwies sich die "Squadra Azzurra" als deutscher Angstgegner, gegen den seit nunmehr 17 Jahren und noch nie bei einem großen Turnier gewonnen werden konnte.
"Die Hürde Italien war heute zu hoch", sagte Miroslav Klose. "Vielleicht war im Hinterkopf, dass wir noch nie gegen sie bei einem großen Turnier gewonnen haben."
Dass es wieder nicht gereicht hatte, lag einerseits an einer starken italienischen Mannschaft.
Gegner eingeladen
Andererseits hatte die DFB-Auswahl mit eigenen Fehlern den Gegner förmlich eingeladen. (DIASHOW: Das DFB-Team in der Einzelkritik)
Mario Balotelli (20., 36.) nutzte die Schwächen in der deutschen Defensive eiskalt aus und zeigte den "Tedeschi" zusammen mit seinem Sturmkollegen Antonio Cassano und Mittelfeld-Star Andrea Pirlo die Grenzen auf.
"Erste Halbzeit versemmelt"
"Es ist sehr, sehr bitter. Wir machen dumme Fehler und kriegen so die Gegentore, das darf uns nicht passieren", meinte Philipp Lahm, und traf den Nagel auf den Kopf:
"In unserer Mannschaft steckt so viel Potenzial für mehr. Aber wenn man das Potenzial nicht zum richtigen Zeitpunkt abrufen kann, dann verliert man halt so ein Spiel."
Schon zur Pause war die Partie fast entschieden.
"Wir wissen alle, dass wir es in der ersten Halbzeit versemmelt haben", sagte Innenverteidiger Mats Hummels, der sich vor dem 0:1 von Cassano austanzen ließ und die Flanke zu Balotellis Kopfball nicht verhinderte.
Danach war der Faden bei der anfangs noch dominanten deutschen Elf komplett gerissen.
"Nach dem Rückstand waren wir fahrig und nicht mehr so gut organisiert. Nach dem 0:2 mussten wir alles riskieren", analysierte der Bundestrainer, der mit seiner Aufstellung für Erstaunen gesorgt hatte.
Löws Wechsel gehen schief
Löw, zuvor während des EM-Turniers mit seinen Personalentscheidungen und taktischen Überlegungen immer mit einem goldenen Händchen, griff diesmal völlig daneben.
Klose, Andre Schürrle und Marco Reus, die im Viertelfinale gegen Griechenland überzeugt hatten, flogen aus der Startelf, dafür kamen Mario Gomez , Lukas Podolski und erstmals Kroos in der Startelf zum Einsatz.
Er habe mit Kroos die Mittelfeldzentrale stärken wollen, erklärte der Bundestrainer und ergänzte: "In den ersten drei Spielen haben wir auch gewonnen mit Mario Gomez und Lukas Podolski."
Doch Gomez und Podolski gehörten zu den schwächsten deutschen Spielern und weil Kroos ins Zentrum rückte, wurde dem Gegner fast der komplette rechte Flügel überlassen.
Signal in die falsche Richtung
Vor dem Spiel hatte Löw noch angekündigt, seine Mannschaft müsse ihr Spiel durchbringen und man wolle sich nicht am Gegner orientieren.
Doch mit seinen Änderungen hatte der Bundestrainer ein Signal in die andere Richtung gesetzt.
Die DFB-Auswahl fand nie in ihren Rhythmus, und als Löw seinen Fehler korrigierte, Klose und Reus zur zweiten Halbzeit brachte, war das Kind schon in den Brunnen gefallen.
Reus brachte zwar neuen Schwung und die deutsche Mannschaft kam am Anfang der zweiten Halbzeit zu Chancen, aber die Aktionen waren insgesamt über 90 Minuten nicht zwingend.
Der Anschlusstreffer in der Nachspielzeit durch Mesut Özils Handelfmeter kam zu spät.
Es fehlte die letzte Entschlossenheit und auch das Quäntchen Glück - ganz im Gegensatz zu den mutigen und effektiven Italienern, denen die zwei Tage weniger Pause nach den 120 Minuten im Viertelfinale nicht anzumerken waren.
"Insgesamt gutes Turnier gespielt"
Trotzdem stellte sich Löw in der Stunde seiner vielleicht schwersten Niederlage vor das Team.
"Die Mannschaft wird auch diese Niederlage verkraften und sich weiterentwickeln", meinte der Bundestrainer.
"Man sollte nicht den Fehler machen, alles zu hinterfragen. Die Mannschaft hat insgesamt ein gutes Turnier gespielt."
Doch eben nicht gut genug, um ins Finale einzuziehen.
"Wir haben in bestimmten Situationen Fehler gemacht, die man auf dem Niveau nicht machen darf", erklärte Lahm. "Und so ist man dann gegen die italienische Mannschaft gescheitert."