

"Man kann Titel nicht herbeireden"
Aus Polen berichten Mathias Frohnapfel
und Thorsten Mesch
Warschau - Zwei Jahre Arbeit, zwei Jahre Planung, alles war nach 90 Minuten gegen Italien hinfällig. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Mit 1:2 ist Deutschland im EM-Halbfinale ( Spielbericht) gescheitert, doch Bundestrainer Joachim Löw reagierte am späten Donnerstagabend gefasst auf die Niederlage. (DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
Er will weitermachen und das Team Richtung WM 2014 in Brasilien führen.
Im Warschauer Nationalstadion sprach er über die bittere Niederlage, seine Aufstellung sowie die Stärke der Italiener und die Fehler seiner Mannschaft. Zudem äußerte Löw sich klar zu seiner persönlichen Zukunft.
Frage: Herr Löw, die Hoffnungen auf das EM-Finale waren in Deutschland groß, am Ende gab es aber eine 1:2-Niederlage gegen Italien. Was ist falsch gelaufen?
Joachim Löw: Das erste Gegentor mit der Flanke von Cassano wäre zu vermeiden gewesen. Danach sind wir in Unordnung geraten und das zweite Tor ist gefallen. Wir waren zweimal unaufmerksam, dann ist es gegen starke Italiener schwer. Die Mannschat hat aber ein sehr großes Herz bewiesen, sie hat trotz allem unermüdlich versucht, den Anschlusstreffer zu machen.
Frage: Es gab Überraschungen in der Aufstellung, so spielten Toni Kroos und Lukas Podolski im Mittelfeld von Anfang an, im Sturm kehrte Mario Gomez zurück. Würden Sie im Nachhinein wieder so aufstellen?
Löw: Im Nachhinein ist es leicht zu sagen, vielleicht hätte man dieses oder jenes anders machen können. Mario Gomez hat im Turnier drei Tore erzielt, war im Training sehr motiviert nach dem Griechenland-Spiel. Mit Toni Kroos wollte ich die Zentrale stärken gegen De Rossi und Pirlo. Wir sollten zwei Spieler haben, die da gut stören konnten. Bis zum 0:1 war es ein ausgeglichenes Spiel. Nach den Gegentreffern sind wir nicht mehr ins Spiel gekommen, mussten dann nach der Halbzeit zwangsläufig mit neuen Spielern alles versuchen.
Frage: Haben Sie die Italiener so stark erwartet?
Löw: Wir wussten, dass Italien viel besser ist als 2010. Prandelli hat die Mannschaft umgestellt, ihnen eine offensivere Philosophie gegeben, sie haben zwei überragend gute Stürmer und in Pirlo einen Taktgeber, der in der Lage ist, diese Spieler einzusetzen. Sie spielen sehr viele Bälle sehr schnell hinter die Abwehr, so ist auch das zweite Tor entstanden. Wenn sie in Führung sind, sind sie unheimlich clever. Dann ist das Verteidigen ihre große Stärke, weil sie taktisch gut geschult sind. Italien war um einen Tick besser.
Frage: Ihre Mannschaft hat ein großes Potential, warum schafft man es nicht den letzten Schritt zu machen?
Löw: Man kann Titel nicht herbeireden, Spanien hat auch viele Jahre auf einen Titel gewartet. Die Mannschaft hat alles gegeben, um das Spiel umzudrehen, hat eine große Moral bewiesen. Wir hatten nach dem 0:1 die Ordnung nicht gefunden, ansonsten war es ein gutes Turnier. Unter den letzten vier Mannschaften ist die Luft sehr, sehr dünn. Eine Situation kann ausschlaggebend sein.
Frage: Zum Beispiel?
Löw: Wir waren beim 0:1 zu dritt bei Cassano, diese Flanke muss grundsätzlich verhindert werden.
Frage: Und wie war es beim 0:2?
Löw: Der Ball wurde zur Seite gespielt, Philipp Lahm will noch einen Schritt rausgehen, Balotelli bewegt sich zum Ball und geht dann steil. Der Ball geht über Lahm hinweg, Lukas Podolski hätte näher zu Lahm rücken müssen, um den Zwischenraum zuzumachen. Wir hätten da früher einrücken müssen.
Frage. Welche Niederlage gegen Italien wiegt schwerer - die von 2006 im WM-Halbfinale oder die jetzige?
Löw: Beide Niederlagen wiegen schwer, das ist die gleiche Enttäuschung, absolut.
Frage: Wie groß ist Ihre persönliche Enttäuschung?
Löw: Wir sind alle erstmal enttäuscht, ich werde dieses Turnier aber insgesamt positiv bewerten. Nach einem Spiel gibt es keinen Grund, alles in Frage zu stellen. Das Auftreten der Mannschaft war insgesamt gut, der Umgang war untereinander immer in Ordnung, man hat immer gespürt, wir wollen ins Finale.
Frage: Wie sehen Sie nach dem Ausscheiden Ihre persönliche Zukunft?
Löw: Grundsätzlich gibt es eines zu sagen: Wir hatten zwei hervorragende Jahre, 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen. Wir haben gegen unheimlich starke Italiener verloren. Das ist die jüngste Mannschaft, sie hat trotzdem ein sehr gutes Turnier gespielt. Wir waren in einer starken Gruppe, haben alle Spiele gewonnen und das Viertelfinale. Die Mannschaft ist jung, sie wird diese Niederlage verarbeiten und sich weiterentwickeln.
Frage: Wie geht es jetzt für das DFB-Team weiter?
Löw: Es gilt, das Turnier aufzuarbeiten, dann kommt die WM-Qualifikation. Wir haben einige junge Spieler dabei, die wie Marco Reus gute Erfahrungen gesammelt haben. Andere Spieler wie Mario Götze haben eine gute Perspektive, es wird keinen völligen Einschnitt geben.
Frage: Wer ist aus Ihrer Sicht Favorit im EM-Finale?
Löw: Das weiß ich nicht. Die Italiener waren schon im ersten Gruppenspiel beim 1:1 gegen Spanien nahe am Sieg, haben Spanien alles abverlangt. Das Spiel ist völlig offen. Die Italiener haben mit dem Selbstvertrauen der letzten beiden Spiele gute Möglichkeiten, Spanien war nicht ganz so stark wie 2010.