Löws Fehlgriffe und die mangelnde Siegermentalität
Aus Polen berichten Mathias Frohnapfel
und Thorsten Mesch
Warschau - Zwischenzeitlich vergrub Joachim Löw das Gesicht tief in seine Hände.
Im Warschauer Nationalstadion schien der Bundestrainer gar nicht mehr ansehen zu wollen, was seine Mannschaft gegen Italien anrichtete. ( INTERVIEW: Joachim Löw)
0:2 hieß es im EM-Halbfinale ( Nachbericht) nach 36 Minuten und Löws Konzept gegen eine hochkonzentrierte und extrem clevere "Squadra Azzurra" war so gar nicht aufgegangen.
Nach dem Sieg über Griechenland änderte er das Team auf drei Positionen und muss nach der 1:2-Pleite viel Kritik einstecken. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
"Der Bundestrainer hat sich mit seiner Team-Umstellung verzockt", stellte Toni Schumacher in seiner SPORT1-Kolumne fest. ( SCHUMACHER-KOLUMNE: Die Verantwortung trägt Löw)
"Ein Eigentor von Löw"
Das sieht Bernard Dietz, Kapitän der deutschen Europameisterelf von 1980, genauso:
"Wir haben uns mit unserer Aufstellung selbst geschlagen. Das war ein Eigentor von Löw. Das hat mich geärgert. Warum hat er wieder umgestellt? Dadurch hat das Team total den Faden verloren."
Doch nicht nur Löw lag falsch, auch einige Spieler schafften es im entscheidenden Moment nicht, ihre stärkste Leistung zu zeigen. ( AKTUELL: Niersbach lobt Team und Löw)
SPORT1 analysiert die Gründe für das Scheitern im Halbfinale: ( DATENCENTER: Der EM-Spielplan)
• Löws missratene Wechselspiele
Hatte der Bundestrainier in den ersten vier Spielen mit seinen Personalentscheidungen jeweils ein goldenes Händchen, griff er gegen Italien umso heftiger daneben.
Dass er Lukas Podolski wieder für Andre Schürrle in die Startelf nahm, war nachzuvollziehen.
Der Linksfuß zahlte es dem Trainer jedoch nicht mit Leistung zurück und lieferte eins seiner schlechtesten Länderspiele überhaupt ab.
Löw korrigierte seinen Fehler in der Pause, doch da stand es schon 0:2.
Marco Reus kam, Miroslav Klose ersetzte Mario Gomez, der ebenfalls schlecht war, aber auch darunter litt, dass es durch Löws Umbauarbeit weniger Zuspiele aus dem Mittelfeld gab.
Kroos und Özil wechselten sich häufig ab, hatten aber auch immer ein Auge auf Pirlo, der dennoch das 1:0 vorbereitete.
Kroos erfüllte seine Aufgabe noch recht ordentlich, aber dass Löw ihn überhaupt für Reus ins Team genommen hatte, war der Kernpunkt des Problems.
Statt, wie zuvor angekündigt, sich auf die eigenen Stärken, also eine sehr variable Offensive, zu setzen, entschied sich Löw für die Sicherheitsvariante, den besten Spieler des Gegners auszuschalten.
Doch das misslang - und schwächte gleichzeitig das deutsche Spiel.
Entsprechend deutlich fiel die Kritik von Ex-Capitano Michael Ballack aus.
"Wenn du 18, 20 wirklich gute Spieler hast, ist das ein Luxusproblem. Aber das heißt auch nicht, dass man alle spielen lassen muss", sagte er als "ESPN"-Experte:
"Ich denke, es wird Fragen geben über ihn (Löw) und seine Entscheidungen, sein Coaching und seine Wechsel während dieses Turniers."
• Festhalten an schwachen Routiniers
Insgesamt muss sich Löw auch fragen lassen, warum er nicht Kroos anstelle des schon gegen Dänemark und Griechenland völlig indisponierten Bastian Schweinsteiger neben Sami Khedira gebracht hat.
Das Festhalten des Trainers an Schweinsteiger und Podolski war im Nachhinein ein Fehler. (DIASHOW: Das DFB-Team in der Einzelkritik)
Zumal Kroos praktisch als zusätzliche Absicherung gegen Pirlo das Zentrum besetzte, so dass die rechte deutsche Seite meist verwaist war.
Als Konsequenz wurden beide italienischen Treffer mit langen Pässen von dieser Seite vorbereitet, weil niemand Pirlo und Riccardo Montolivo bedrängte.
• Fehlender Anführer
So viel war von Bastian Schweinsteiger bei dieser Europameisterschaft erwartet worden, erfüllen konnte der Mittelfeldspieler des FC Bayern die Hoffnungen nur beim 2:1-Sieg über die Niederlande.
Dabei glänzte er mit zwei wunderbaren Vorlagen, tauchte in den Spielen danach aber wieder ab und verwies auf seine Knöchelverletzung.
"Ich bin zu 100 Prozent fit", hatte er vor der Partie gegen Italien wissen lassen, zu sehen war davon aber nichts.
Sami Khedira mühte sich, Schweinsteigers Job zu erfüllen, war gegen Griechenland stark und gegen Italien einer der Besseren.
Dennoch ist kein Typ im Kollektiv der Wohlfühl-Fußballer auszumachen, der die anderen in einer schwierigen Situation mitreißt. Auch Kapitän Philipp Lahm vermochte das nicht.
• Abwehrpatzer im entscheidenden Moment
Die deutsche Mannschaft startete mit einer starken Defensivleistung in das Turnier.
Beim 1:0 gegen Portugal und beim 2:1 gegen die Niederlande ließ die Abwehr wenig zu, beim 2:1 gegen Dänemark wackelte sie phasenweise und beim 4:2 gegen Griechenland leisteten sich Lahm und Jerome Boateng Patzer.
Die Aufgabe gegen die listigen italienischen Angreifer überforderte die Verteidiger dann. Explizit, erklärte Löw am Donnertagabend, habe er auf Antonio Cassano hingewiesen und dessen fintenreiche Dribblings Richtung Strafraum. Genützt hat es nichts.
Mats Hummels ließ sich auf engstem Raum mit einer Körpertäuschung von Cassano übertölpen, so dass dieser die Flanke zu Mario Balotellis Führungstor geben konnte.
"Er wird nie, nie wieder - und da bin ich mir sicher - diesen Fehler machen, aber auf solch einem hohen Niveau werden solche Fehler sofort bestraft", schimpfte TV-Experte Mehmet Scholl: "Das war tödlich."
Insgesamt hatte die deutsche Defensive mit Italiens System zweier Sturmspitzen Probleme, die Umstellung darauf klappte auch bei Holger Badstuber und Lahm nicht einwandfrei.
• Zu schwache Siegermentalität
In 15 Pflichtspielen zuvor reihte das Team Sieg an Sieg, doch als es darauf ankam, kaufte Italien der DFB-Elf den Schneid ab.
Und das, obwohl der Gegner zwei Tage weniger Pause und 120 Minuten Viertelfinale in den Knochen hatte.
Zwar kämpfte die deutsche Elf nach dem Rückstand verzweifelt, die Siegermentalität und Kaltblütigkeit, eine der erarbeiteten Chancen zu nutzen, war aber nicht erkennbar.
"Irgendetwas fehlt uns noch. Jetzt müssen wir wieder zwei Jahre auf die nächste Titelchance warten", klagte auch Franz Beckenbauer in der "Bild".
"Das war nicht die wahre deutsche Elf dieser EM. Sie wirkte phasenweise regelrecht leblos."