Löw braucht Ruhe - und bekommt Trost von Klinsmann
München - Freiburg statt Kiew, Ruhe statt Turnierstress: Joachim Löw hat erst einmal genug vom Fußball.
Der Bundestrainer zog sich in den beschaulichen Breisgau zurück, um die herbe EM-Enttäuschung zu verarbeiten - und bekommt Rückendeckung von Jürgen Klinsmann. ( ANALYSE: Das deutsche Scheitern)
"Es ist doch klar, dass nicht jede Maßnahme eines Trainers automatisch zum Erfolg führt", nahm Löws Vorgänger, der die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) von 2004 bis 2006 betreut und bei der Heim-WM vor sechs Jahren bis ins Halbfinale gekommen war, den 52-Jährigen in Schutz.
In den "Stuttgarter Nachrichten" ergänzte der Weltmeister von 1990 und heutige Nationaltrainer der USA: "Der Trainer trifft vor dem Spiel Entscheidungen, die nicht willkürlich sind. Sie sind das Ergebnis seiner Beobachtungen und seiner Arbeit. Es gibt eben keine Garantie für Siege."
Klinsmann guter Dinge
Trotz der Halbfinal-Pleite ist für Klinsmann "diese Mannschaft noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung. Sie war die jüngste Mannschaft des Turniers, und jetzt drängen schon wieder noch jüngere Spieler ins Team. Das sichert auf Jahre hinaus den notwendigen Konkurrenzkampf, den man braucht, um eine Mannschaft weiterzuentwickeln."
Einen Rücktritt Löws als Konsequenz aus der verfehlten Zielsetzung Titelgewinn hält Klinsmann nicht für denkbar. "Joachim Löw wirft nicht hin. Da bin ich sicher."
Am Freitag war die gescheiterte Titel-Mission in Frankfurt/Main zu Ende gegangen. Löw und Bierhoff fuhren ernüchtert nach Hause, viele der frustrierten DFB-Stars flüchteten sofort in den Urlaub.
Löw braucht Auszeit
Die Analyse, warum es auch 16 Jahre nach dem letzten großen Titel wieder nicht geklappt hat, den Traum zu erfüllen, muss warten. Löw nimmt sich zunächst eine Auszeit - wann er das nächste Mal öffentlich auftreten wird, ist offen.
Klar ist nur, dass der 52-Jährige auch beim ersten Länderspiel nach der EM am 15. August gegen Argentinien in Frankfurt auf der Bank sitzen wird. Fragen nach seiner Zukunft wies er energisch zurück.
Diese seien "völlig unpassend". Löw will nicht als Trainer in die deutsche Historie eingehen, der zwar für ein schönes Spiel und eine tolle Philosophie stand, aber keinen großen Titel holte.
Verzockt im Halbfinale
Der Bundestrainer ist zu ehrgeizig - und zu sehr wurmt ihn deshalb auch, sich ausgerechnet im Halbfinale verzockt zu haben. (BERICHT: Löw stellt sich der Verantwortung)
Auch wenn er erst einmal nicht über die WM 2014 in Brasilien sprechen wollte: Am Zuckerhut will Löw mit der Nationalmannschaft endlich das nachholen, was er in Polen und der Ukraine wieder verpasst hatte.
Ein paar Wochen Ruhe also, dann geht's schon los mit dem Projekt 2014. Die Qualifikation für die WM beginnt bereits 7. September mit dem Spiel gegen die Färöer.
WM-Quali im September
Gegner auf dem Weg nach Brasilien sind zudem Österreich, Irland, Schweden und Kasachstan.
Bis dahin, sagte Löw, müsse er sich seine "Gedanken machen, welche neuen Ansätze und Anreize man finden kann.
Es gebe "neue Ziele, es beginnt ein neuer Abschnitt, eine neue Aufgabe", auf die er sich dann wieder konzentrieren wolle.
Wann beginnt die Aufarbeitung?
Doch noch sitzt beim Bundestrainer "die Enttäuschung sehr tief". Es sei alles "nicht so leicht abzuschütteln, das braucht Zeit, um das zu verarbeiten. Es ist gut, nun zur Ruhe zu kommen."
Er wisse aber gar nicht, "ob das so schnell gelingt. Das braucht ein paar Tage, um Abstand zu gewinnen und die Dinge einzuordnen."
Deshalb, sagte Löw, sei er sich auch nicht sicher, "wann die Aufarbeitung stattfindet".
"Ein gutes Turnier gespielt"
Grundsätzliche Dinge will Löw aber "nicht infrage stellen. Die Mannschaft hat ein gutes Turnier gespielt, zum Teil Hervorragendes geleistet."
Zumal sich die junge Mannschaft trotz der erneuten Pleite gegen die abgezockten Italiener in den vergangenen Jahren nach vorne gearbeitet habe.
"Wir waren vor einigen Jahren nicht in der Lage, einigen Nationen fußballerisch Paroli zu bieten, inzwischen haben wir die eingeholt." Nun sei es das Ziel, "den einen oder anderen zu überholen".
Was wird mit Klose?
Das Personal, mit dem Löw diesen Versuch startet, wird sich nicht groß verändern.
Selbst der 34 Jahre alte Miroslav Klose will noch zwei Jahre weiterspielen. Auf der Kippe steht aus dem 23-köpfigen EM-Kader, mit 24,4 Jahren der jüngste des Turniers, allenfalls Ersatztorwart Tim Wiese (30) - angesichts der jungen Konkurrenten Ron-Robert Zieler, Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen.
Routiniers wie Lukas Podolski und Per Mertesacker, der schon bei der EM nur Zuschauer war, werden künftig noch stärker unter Druck geraten.
Kahn vermisst deutsche Tugenden
Kritik gab es nun auch von Oliver Kahn. Der Ex-Kapitän vermisst die typisch deutschen Tugenden, "Grundeinstellungen wie Zweikampfhärte, Wille, Leidenschaft, Einsatz" und auch Spieler, "die Verantwortung übernehmen".
Ex-Kapitän Michael Ballack dagegen, mit dem Bundestrainer nicht gerade freundschaftlich verbunden, hält Löw "weiterhin für den richtigen Trainer".
Löw dürfe "jetzt nicht zurücktreten", schrieb der 98-malige Nationalspieler in einer "Express"-Kolumne.
Ballack pro Löw
Dennoch dürfe man sich "die EM jetzt nicht schönreden. Das Aus ist gemessen am Können der Mannschaft eine Enttäuschung. Wenn du es nach 2008 und 2010 jetzt wieder nicht schaffst, einen Titel zu holen, fehlt irgendetwas", sagte Ballack.
Löw müsse jetzt den "richtigen Schlüssel finden" und 2014 bei der WM in Brasilien "noch einmal angreifen".
Doch erst einmal ist Freiburg angesagt.