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Marcell Jansen (r., hier mit Bundestrainer Joachim Löw) bestritt bislang 36 A-Länderspiele © getty

Im Gegensatz zu vielen Fans stärken die Experten dem Bundestrainer den Rücken. Löws Konzept aber bleibt umstritten.

Von Martin Volkmar

München - Seit Donnerstagabend diskutiert die Fußball-Nation über das Halbfinal-Aus gegen Italien und die Folgen.

Und auch am Sonntag im SPORT1-Doppelpass herrschten zwei Meinungen vor:

Einerseits nach wie vor Unverständnis über Joachim Löws Wechselspiele, die letztlich maßgeblichen Einfluss auf die Niederlage hatten. (579875DIASHOW: Das SPORT1-Zeugnis)

Andererseits aber sind die Experten praktisch übereinstimmend der Meinung, dass die massiven Forderungen von zahlreichen Fans nach einem Rücktritt des Bundestrainers völlig deplatziert sind.

"Glaube nicht, dass er zurücktritt"

"Jogi hat ja selbst gesagt, dass er in der Verantwortung steht. Er stellt sich der Kritik, aber ich glaube nicht, dass Löw zurücktreten wird oder zurückgetreten wird", meinte Thomas Helmer, Europameister 1996.

Auch sein ehemaliger DFB-Teamkollege Thomas Doll stärkte Löw im Doppelpass den Rücken: "Jogi macht einen klasse Job und ist genau der richtige Mann - auch für 2014.?"

Fachleute einig

So sehen es auch Rudi Völler, Berti Vogts, Jürgen Klinsmann, Franz Beckenbauer, Felix Magath, Michael Ballack und andere Fachleute.

"Jogi muss Trainer bleiben, weil er bisher einen sehr guten Weg mit diesem Team gegangen ist", meinte zudem SPORT1-Kolumnist Toni Schumacher.

Und weiter: "Nur weil er sich einmal verzockt hat und die falschen Spieler gebracht hat, darf man nicht alles in Frage stellen." (BERICHT: Generation Lahm bleibt unvergoldet)

Sammer und Klopp keine Alternative

Zumal es, wie Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke erklärte, "aktuell keine andere Alternative" gibt.

Denn Wunschkandidat Jürgen Klopp wird vielleicht eines Tages Bundestrainer, bis 2016 aber steht er beim BVB unter Vertrag und würde wohl nie eine Freigabe bekommen.

Derweil nannte die "Bild", die wie alle anderen Boulevardmedien derzeit Trainer ("Kann man noch an Jogi glauben?") und Nationalspieler heftig kritisiert, in einem Nebensatz Matthias Sammer als Löw-Alternative.

[kaltura id="0_rdqtwtb6" class="full_size" title=" Italien hatte mehr Leidenschaft "]

Doch der DFB-Sportdirektor hat mehrfach und glaubhaft jegliche Ambitionen auf den Posten zurückgewiesen und möchte lieber weiter langfristig in seinem jetzigen Job arbeiten.

Volle Rückendeckung vom DFB

Kein Wunder also, dass sich Verbandspräsident Wolfgang Niersbach seit dem EM-Aus öffentlichkeitswirksam zum Bundestrainer bekennt.

Schließlich will man unbedingt vermeiden, dass Löw von sich aus die Brocken hinwerfen könnte.

Dennoch spekulieren einige Medien, dass Löw angesichts der Welle der Kritik zumindest ins Grübeln kommen könnte, seinen bis zur WM 2014 laufenden Vertrag zu erfüllen.

Rücktritt? "Völlig unpassend"

Er selber hatte Fragen nach einem Rücktritt auf dem Rückflug von Warschau aber als "völlig unpassend" zurückgewiesen.

Löws Gewinner-Image in der Öffentlichkeit ist jedoch angekratzt.

Bei einer Pleite im ersten Test-Länderspiel gegen Argentinien (15. August) und einem schwachen Start in die WM-Qualifikation dürften der mediale und öffentliche Druck erheblich ansteigen.

Netzer und Kahn fehlt Anführer

Schließlich ist die Debatte über die künftige Ausrichtung der Nationalmannschaft schon voll entbrannt. "Den Eindruck, den man von unserer Mannschaft hat, ist einfach: Wir sind lieb", fasste Helmer die allgemeine Stimmung zusammen.

Und das liegt nach Ansicht von Experten wie Oliver Kahn an den fehlenden Anführern im Team.

"Wir fördern die Gleichmacherei und würgen gleichzeitig die Eigeninitiative ab", erklärte auch Günter Netzer in der "Bild". "Dadurch können sich keine herausragenden Persönlichkeiten entwickeln."

Lehmann skeptisch

Und Jens Lehmann blickt trotz des Potenzials der jungen DFB-Elf skeptisch nach vorne.

"In der jetzigen Ausrichtung wird es auch in Zukunft schwierig sein, etwas zu gewinnen", meinte er in der "Welt".

Der Ex-Nationalkeeper ergänzte: "Acht Jahre nach Klinsmanns Amtsantritt sollten alle Beteiligten das Konzept der Nationalmannschaft einer genauen Prüfung unterziehen."

Andere Art von Führung

Momentan allerdings sieht es nicht danach aus, als wolle Löw sein Konzept und seine Philosophie in Frage stellen.

Eine Mischung aus spanischem Spielstil und den so genannten deutschen Tugenden wie von Kahn und anderen gefordert lehnt der Bundestrainer ab.

"Wir haben die Leute, die Verantwortung übernehmen. Es ist eine andere Art von Führung heutzutage, aber die Spieler sind extrem ehrgeizig", meinte Löw nach dem K.o..

"Grundsätzliches werde ich nicht in Frage stellen"

Und weiter: "Grundsätzliches werde ich nicht in Frage stellen. Die Mannschaft hat ein hervorragendes Turnier gespielt."

Aber letztlich gemessen an den eigenen Ansprüchen kein erfolgreiches. Nach Ansicht von Marcell Jansen muss das aber Ansporn für die WM in Brasilien sein.

"Natürlich führt jeder Rückschlag zu Debatten und dazu, noch einen Schritt draufzusetzen. Das muss jetzt das Ziel sein", sagte der HSV-Profi zu SPORT1: "Jogi Löw ist auch so ehrgeizig, das anzunehmen. Es ist doch schön, wenn wir jetzt wieder neue Ziele haben."

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