

"Wichtig ist, den Finger in die Wunde zu legen"
Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch
Berlin - Die Spieler ließen sich viel Zeit.
Toni Kroos war schließlich der erste, der sich nach dem 4:4 (3:0) gegen Schweden ( Spielbericht) im Untergeschoss des Berliner Olympiastadions den Fragen nach dem warum stellte.
Den Spielern fiel es schwer zu erklären, was da gerade auf dem Rasen passiert war.
Wie es möglich war, eine 4:0-Führung nach einer Stunde noch aus der Hand zu geben (DIASHOW: Die Bilder des Spiels).
Es herrschte allgemeine Fassungslosigkeit ( STIMMEN: "So etwas habe ich noch nie erlebt").
Bierhoff um Fassung bemüht
Dann kam Oliver Bierhoff und stellte sich vor die Mikrophone. Der Nationalmannschaftsmanager war vor laufenden Kameras um Fassung bemüht und ließ sich seine Enttäuschung äußerlich kaum anmerken.
Doch als die Kameras aus waren, wurde Bierhoffs Miene ernster. Er wirkte angefressen.
Im Interview versucht Oliver Bierhoff zu erklären, wie der Bruch im Spiel passieren konnte. Er spricht die Fehler klar an, fordert eine schonungslose Analyse und sagt, wie man jetzt mit der Mannschaft umgehen muss ( DATENCENTER: WM-Qualifikation).
Frage: Herr Bierhoff, Sie waren selbst Spieler. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Oliver Bierhoff: Ich habe schon viel erlebt. Aber zu Hause 4:0 zu führen, 60 Minuten so dominant aufzutreten und dann das Spiel noch abzugeben, das habe ich noch nicht erlebt.
Frage: Wie ist es zu erklären, dass eine Mannschaft nach einem 4:0 so abbaut? Was geht in solchen Momenten in einem Spieler vor?
Bierhoff: Man gewinnt weniger Zweikämpfe, man macht weniger Meter. Beim 4:1 denkt man sich noch nichts, nach dem 4:2, das schnell danach fiel, muss man aufpassen. Man merkt, der Gegner hat eine aufkommende Moral, man selber wird ängstlicher, die Mechanismen funktionieren nicht mehr. Es fing auf einmal an zu wackeln. Und wir waren nicht in der Lage, den Stecker wieder reinzustecken.
Frage: Wie hätte die Mannschaft nach dem 4:2 spielen sollen?
Bierhoff: Es waren nur fünf Minuten, in denen ich das Gefühl hatte, dass wir die Kontrolle über das Spiel zurückgewonnen hätten. Man muss in solchen Situationen versuchen, sich noch mehr zu bewegen und noch konzentrierter beim Passspiel zu sein, um dadurch mehr Sicherheit zu bekommen.
Frage: Was war das Hauptproblem?
Bierhoff: Ich habe vorher schon häufig gesagt und auch nach der EM, dass wir oft den Fehler haben, dass wir unsere Gegner dominieren und sie dann durch Nachlässigkeiten wieder ins Spiel bringen. Das war gegen die Griechen kurz so, gegen die Holländer und gegen Österreich, wo man irgendwo sagt: Da müssen wir den Sack zumachen. Und das fehlt natürlich auch, um ganz nach oben zu kommen.
Frage: Das ist aber schwer im Training zu erlernen, oder?
Bierhoff: Es ist schwer, das geht nicht von einem Schlag auf den anderen. Man muss daran arbeiten, es immer wieder aufzeigen. Fehler, die wir heute am Ende gemacht, haben wir schon gegen Österreich gemacht. Wir haben ständig Rückpässe zu Manuel Neuer gespielt, der die Bälle nach vorne schlägt. Das hat der Trainer auch klar angesprochen, dass er das nicht haben will. Man verfällt natürlich immer wieder in Muster, und wir müssen versuchen, durch unsere Spielweise und durch Ansprache diese Muster zu durchbrechen.
Frage: Haben Sie vermisst, dass mal ein Spieler ein Signal setzt, auf den Ball tritt und das Spiel beruhigt?
Bierhoff: Wir haben erfahrene Spieler auf dem Platz gehabt, die mit ihren Vereinen international spielen. Ich will das jetzt nicht an einer Person festmachen, aber wir müssen einfach lernen in schwierigen Momenten den Kopf zu wahren, wieder ein System reinzubringen und zu unserem Spiel zurückzufinden. Das ist uns heute in keiner Weise gelungen.
Frage: War der Freistoß in der Nachspielzeit diesbezüglich eine symptomatische Szene?
Bierhoff: Wir haben in den letzten 30 Minuten die Fehler gemacht, die wir auch gegen Österreich gemacht haben. Wir haben den Ball zu Manuel gespielt anstatt den Ball in den eigenen Reihen zu halten oder, wie in dieser letzten Szene, ihn zur Eckfahne zu führen. Das wird dann eben bestraft.
Frage: Nach der EM-Niederlage gegen Italien war das 4:4 gegen Schweden der nächste psychologische Knacks. Wirft das die Mannschaft in ihrer Entwicklung zurück?
Bierhoff: Nein. Ich habe in meiner Karriere und in meinem Leben festgestellt, dass gerade diese Knackpunkte, diese unschönen Erlebnisse, auf lange Sicht weiterbringen. Das hoffe ich auch, dass es eine wichtige Lektion war und sie den Spielern klar ist und dass sie diesen Fehler nicht wieder machen.
Frage: Hätte man von Bastian Schweinsteiger erwarten können, in der schwierigen Phase mehr voran zu gehen?
Bierhoff: Ich möchte das nicht an einer Person festmachen. Vor der EM war er ein Problem, dann hat er gefehlt. Das sind immer die Diskussionen, die in den Medien geführt werden. Es ist nicht nur ein Spieler gefordert, sondern mehrere. Gerade die mit mehr Erfahrung.
Frage: Wie muss man jetzt mit der Mannschaft umgehen?
Bierhoff: Man muss Dinge aufzeigen. Man lernt immer auch durch negative Erlebnisse. Es ist keine Sache, die man einmal sagt und umsetzt, aber ich hoffe, dass wir diese Sachen in Zukunft besser machen und dass wir durch weitere Erfahrungen kompletter werden.
Frage: Muss man die Spieler hart anfassen oder streicheln?
Bierhoff: Jetzt sind sie erst einmal wieder bei den Vereinen. Aber wichtig ist, den Finger in die Wunde zu legen. Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir haben es nach dem Österreich-Spiel gemacht, und auch jetzt wird man es knallhart analysieren und klar die Fehler ansprechen, in der Hoffnung, dass die Dinge nach wiederholter Anweisung in die Köpfe reingehen und dass es dann klick macht.
Frage: Es gab nicht nur Negatives. Die Mannschaft hat lange sehr gut kombiniert und Schweden dominiert. Hat Sie das überrascht?
Bierhoff: Überrascht nicht. Die Mannschaft hat in den ersten 60 Minuten gezeigt, was in ihr steckt. Wenn sie so spielt, hat es jeder Gegner schwer. Aber sie muss ihr Potenzial halt über 90 Minuten abrufen.