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Oliver Bierhoff ist seit 2004 Teammanager der deutschen Nationalmannschaft © getty

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff blickt bei SPORT1 zurück auf 2012 und spricht über Führungsspieler, Integration und die WM 2014.

Von Martin Volkmar

München - Hinter Oliver Bierhoff liegt ein ereignisreiches Jahr.

Die Enttäuschung über das Halbfinal-Aus der DFB-Auswahl bei der Europameisterschaft gegen Italien steckt beim Teammanager immer noch tief.

Auch das 4:4 gegen Schweden nach 4:0-Führung hinterließ einige Kratzer am bis zum Sommer so strahlenden Image der Nationalmannschaft.

Im SPORT1-Interview nimmt Bierhoff Stellung zur anhaltenden Diskussion um Führungsspieler, Verwöhnatmopshäre und das Mitsingen der Nationalhymne, die er auch in seinem kürzlich erschienenen Buch "Spielunterbrechung" thematisiert hat.

Außerdem spricht der ehemalige Weltklassestürmer über die Ziele bei der WM 2014 in Brasilien und die ungeklärte Zukunft der sportlichen Leitung.

SPORT1: Herr Bierhoff, Ihr Buch hat im Gegensatz zu dem von Theo Zwanziger nicht so hohe Wellen geschlagen. Gut oder schlecht für den Verkauf?

Oliver Bierhoff: Für mich ist es grundsätzlich wichtig, dass ich Interna für mich behalte oder höchstens nach Absprache darüber rede. So habe ich es auch in meinem Buch gehalten.

SPORT1: Wie gelingt es aber dann, etwas für die Öffentlichkeit Neues mitzuteilen?

Bierhoff: Das ist in der Tat schwierig. Aber Vertrauen und Diskretion sind für mich sehr wichtig. Meine Gesprächspartner sollen sicher sein, dass ich das Erzählte nicht nur in den nächsten zwei oder drei Monaten, sondern auch in den nächsten zwei, drei Jahren nicht weitererzähle. Aber das war auch gar nicht die Intention hinter meinem Buch.

SPORT1: Sondern?

Bierhoff: Ich wollte jedenfalls nicht Schlagzeilen produzieren, sondern Inhalte vermitteln. Die Entscheidung war nicht spontan. Die ist lange in mir gereift. Vor allem wollte ich das Buch selber schreiben, nicht diktieren. Es sollte aber keine Biographie, kein Ratgeber und auch kein reines Fußball-Buch werden. Ich wollte vielmehr zeigen, dass man viele Dinge aus dem Mikrokosmos Fußball auf unsere Gesellschaft übertragen kann.

SPORT1: Etwa das Thema Integration, was breiten Raum einnimmt. Wie sehr ärgert Sie eigentlich die Diskussion um das Mitsingen der Hymne, weil darauf fehlender Nationalstolz gefolgert wird?

Bierhoff: Mich ärgert weniger die Tatsache, dass es einige schön fänden, wenn alle Spieler mitsingen würden. Mich ärgert allerdings, dass man aus dem Nichtsingen fehlenden Einsatz und fehlendes Bekenntnis folgert. Gerade solche Spieler mit Migrationshintergrund haben sich doch aber bekannt, weil sie - womöglich trotz familiärem Druck - sich ganz bewusst dafür entschieden haben, für Deutschland zu spielen.

SPORT1: Die Mentalität der Nationalspieler ist nach der EM auch ganz generell in Frage gestellt worden. Wie sehen Sie es?

Bierhoff: Diese Diskussion wird teilweise sehr populistisch geführt, deshalb gehe ich in meinem Buch auch nochmal darauf ein. Man muss doch erkennen, dass sich die Generationen verändern und damit unter anderem auch der Umgang mit Hierarchien. Nicht nur im Fußball, sondern auch in der Wirtschaft kommen viele bereits jünger als früher an die Spitze. Die Struktur unserer Mannschaft und der Umgang miteinander haben sich daher in den vergangenen Jahren gravierend verändert.

SPORT1: Nach dem EM-Aus und auch nach dem Spiel gegen Schweden wurde massiv kritisiert, dass keiner dazwischenhaut, wenn es schlecht läuft.

Bierhoff: Nach der sehr heftigen Kritik nach der EM habe ich mir intensive Gedanken gemacht. Die angebliche Verwöhnatmosphäre, bei der es sich in der Realität allerdings um Standards und Rahmenbedingungen handelt, die bei jedem Bundesliga-Klub herrschen, und die fehlenden Persönlichkeiten wurden ja immer wieder genannt sowie der Vorwurf, die Jungs hätten nicht das letzte gegeben.

SPORT1: Das Thema fehlende Führungsspieler.

Bierhoff: Ich stelle mal eine Gegenfrage: War Uwe Seeler kein Führungsspieler, weil er 1966 das WM-Finale und 1970 das Halbfinale verloren hat? Das ist genauso falsch wie der Vorwurf an unsere Spieler. Mit den sogenannten Führungsspielern, die bei diesem Thema immer als Beispiel herangezogen werden, habe ich teilweise selbst noch gespielt. Ich habe die nie gespürt und nie gehört. Das ist eine Verklärung der Vergangenheit. Wir haben heute kein Führungsspielerproblem.

SPORT1: Was war dann gegen Italien das Problem?

Bierhoff: Die Frage ist, warum wir nach den Gegentoren nicht reagieren konnten. Das ist ein komplexeres Problem. Daran müssen wir arbeiten. Dazu gehört natürlich, dass die Spieler in schwierigen Phasen Verantwortung übernehmen. Aber wir haben kein Persönlichkeitsproblem. Die heutigen Spieler machen das nur in einer anderen Art als vor acht oder zehn Jahren.

SPORT1: Haben Sie und das Trainerteam bereits einen Ansatz gefunden oder wird noch gesucht?

Bierhoff: Das eine ist die Analyse, das andere ist die Umsetzung. Wir haben Dinge erkannt. Es geht nun darum, Muster und Trainingsformen zu finden, damit diese Fehler abgestellt werden. Wobei eines feststeht: Um Automatismen einzustudieren, braucht man Zeit. Und die haben wir kaum während der Länderspielphasen. Aber wir werden weiter daran arbeiten bis zur WM 2014.

SPORT1: Und dann soll endlich der vierte WM-Titel geholt werden?

Bierhoff: Die Ansprüche an diese tolle Generation werden sicher nicht geringer, das hat das abgelaufene Jahr gezeigt. Viermal in Folge unter die letzten vier gekommen zu sein, reicht anscheinend nicht. Aber 2014 werden die Südamerikaner auf ihr Heimspiel setzen, andere Nationen wie Frankreich oder Holland machen im Nachwuchs große Fortschritte. Wir haben uns da einen kleinen Vorsprung erarbeitet in den letzten zehn Jahren, aber die anderen holen auf. Die WM wird also weitaus schwieriger werden als die EM.

SPORT1: Und nach der WM hört die gesamte sportliche Leitung der Nationalmannschaft dann auf?

Bierhoff: Das Thema beschäftigt uns im Moment nicht. Wir sind ja auch bei der WM 2010 ins Turnier gegangen ohne zu wissen, was danach passiert. Das Gute ist, dass wir diese Sicherheit nicht brauchen. Nationalmannschafts-intern haben wir uns über die Zeit nach der WM 2014 wirklich noch keine Gedanken gemacht. Wobei es innerhalb des DFB ja viele weitere spannende und langfristig angelegte Projekte gibt. Aktuell arbeiten wir ja gerade mit Generalsekretär Helmut Sandrock und Robin Dutt, unserem Sportdirektor, an einem tragfähigen Konzept eines Leistungszentrums.

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